Heimat und Geschichte: Vom Ankommen und Bleiben

Wer aus der Enge in die Freiheit kommt, kann der neuen Heimat viel zurückgeben, aber auch Ressentiments mitbringen. Plädoyer für ein offenes Herz und einen offenen Blick.

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(c) Die Presse (Fabry)

"Vielleicht war es ein Glücksfall, dass ich 1938 aus diesem engen Österreich unter Zwang herausgekommen bin und eine neue Welt kennenlernte“, sagte Lord George Weidenfeld in einem Interview zu seinem 90. Geburtstag. Der 1938 aus seiner Heimatstadt Wien vertriebene große britische Denker ist vor zwei Monaten gestorben. Weidenfeld hob – im Gegensatz zu Helmut Kohls politischem Schlagwort – hervor, wie dankbar er für die „Gnade der frühen Geburt“ war. Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges geboren, betonte er Zeit seines Lebens, wie sehr ihn das Erlebnis der tiefen Brüche des 20. Jahrhunderts geprägt hatte.

Die jüdische Geschichte ist gekennzeichnet von Vertreibung, Verfolgung und Ermordung. Immer wenn Jüdinnen und Juden vertrieben wurden, versuchten sie, in einer neuen Umgebung Fuß zu fassen. Dabei ist es gelungen, die eigene Tradition und Sprache zu erhalten und gleichzeitig in der Welt der Aufklärung, der Wissenschaft, der Kultur zu reüssieren und das eigene kreative und intellektuelle Potenzial umzusetzen. Das sichere Auftreten in den verschiedensten Kulturkreisen konterkarierte das negative Stereotyp der christlichen Volkssagen vom wandernden „ewigen“ Juden, der dazu verdammt ist, unsterblich durch die Welt zu ziehen.

Menschen, die aus der Enge in die Freiheit kommen, können der neuen Heimat viel zurückgeben. Wien als Metropole des Habsburger-Reiches wurde Mitte des 19.Jahrhunderts durch die Gleichstellung, die Kaiser Franz Joseph ermöglichte, zum Anziehungspunkt. Doch ist der Blick auf Wien als tolerante Weltstadt des Fin-de-Siècle ein Mythos? Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass die Zuwanderung aus dem Osten eine ungeheure Bereicherung brachte. Dem haben die Nazis, auf dem Boden, der schon bereitet war, ein Ende gesetzt.

Heute wird viel darüber diskutiert, ob die große Einwanderung nach Wien auf die aktuellen Migrationsbewegungen umgelegt werden kann. Idealerweise steht nicht die Bekehrung des anderen in den Mittelpunkt, sondern Respekt und gegenseitiges Lernen, aber auch die Feststellung von Unterschieden und die Wahrung der eigenen Identität. Ein offenes Herz und gleichzeitig ein offener Blick auf die Probleme, denen wir uns stellen müssen und vor denen auch jene Menschen stehen, die hier aufgenommen werden wollen.

„I haaß Kolaric, du haaßt Kolaric, warum sogns' zu dir Tschusch?“ – mit diesen Plakaten sind wir aufgewachsen. Inzwischen sind die Kinder und Enkelkinder der Zuwanderer aus Ex-Jugoslawien angekommen. Viele haben hier studiert, der sogenannte Migrationshintergrund ist nicht mehr zu hören, und das, obwohl sie sich zu Hause meist in ihrer Muttersprache unterhalten. Ebenso wie sich nach 1956 die Flüchtlinge aus Ungarn in Österreich eine neue Heimat geschaffen haben. Nun gilt es, die Herausforderung der jüngsten Zuwanderungswelle aus dem Nahen Osten anzunehmen.

Wie viel Heimat braucht der Mensch? In dem Programm, das die Leiterin der Vermittlungsabteilung des Jüdischen Museums Wien, Hannah Landsmann, entwickelt hat, sprechen wir mit den Menschen, die nun in Wien bleiben wollen und die oft mit Ressentiments gegenüber Andersgläubigen erzogen wurden, vom Reisen, vom Verlassenwerden und Verlassen-Müssen, von Heimat und Exil, vom Ankommen und vom Bleiben. Dabei wird deutlich: Wer eine Geschichte hat, hat eine Heimat. Wer im Moment keine Heimat hat, hat auch eine Geschichte. Oder wie Joseph Roth schrieb: „Ach! die gemeine Welt denkt in herkömmlichen, faulen, abgegriffenen Schablonen. Sie fragt einen Wanderer nicht nach dem Wohin, sondern nach dem Woher. Indessen ist einem Wanderer doch das Ziel wichtig, und nicht der Ausgangspunkt.“

ZUR PERSON

1957 wurde Danielle Spera in Wien geboren, wo sie nach der Matura Publizistik studierte.Spera promovierte 1983.

ORF-Karriere. Schon 1978 begann Speras journalistische Karriere im ORF, die sie 1987 bis 1988 als Korrespondentin nach Washington führte. Von 1988 bis 2010 moderierte Spera die „ZiB 1“, das Wochenmagazin „Brennpunkt“ und fallweise die „ZiB2“.
1991 und 2007
gewann die Kommunikationswissenschaftlerin den Romy-Fernsehpreis.

Museumsleitung. Seit 1. Juli 2010 ist Spera Direktorin des Jüdischen Museums der Stadt Wien – und seit November 2013 auch Präsidentin des Österreichischen Nationalkomitees des International Council of Museums (Icom).

Seit 2013 ist Spera Universitätsrätin an der MUI, sie vertritt den ORF im Programmbeirat von Arte und ist Teil des Kulturbeirats von ORFIII.

Privates. Die dreifache Mutter ist mit dem Psychoanalytiker und „Presse“-Kolumnisten Martin Engelberg verheiratet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2016)