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Sarah Kuttner: Kontrollverlust zum Mitschreien

31.08.2009 | 16:10 |  (DiePresse.com)

Viel- und Schnellrednerin Sarah Kuttner debütiert mit ihrem Roman "Mängelexemplar", sieht im Fernsehen aber trotzdem ihr Steckenpferd. Im Interview erzählt sie über ihre Arbeit an dem Buch und warum sie es geschrieben hat.

"Ach, ich fühl mich wie ein recht gesunder Zahn, ich werde regelmäßig geputzt und hab keine Löcher. Mein Leben ist gut, ich kann und will überhaupt nicht meckern." Im Gegensatz zu Sarah Kuttners Romanfigur Karo, geht es der Autorin richtig gut. Sarah Kuttner beginnt ihr drittes Buch nämlich mit dem symptomatischen Satz "Eine Depression ist ein fucking Event!". Wer den Klappentext nicht gelesen hat, weiß schnell, dass es sich hier um kein feministisches Sexbuch der Marke "Feuchtgebiete" handelt.

Kurzweilig ist Kuttners "Mängelexemplar" dennoch, auch wenn es von einem ernstgemeinten Seiltanz zwischen "Partylaune und Panikattacke" erzählt. Mit flotten Sätzen und viel Witz beschreibt die Moderatorin von Sendungen wie "Sarah Kuttner - Die Show" (VIVA) und "Kuttners Kleinanzeigen" (ARD) den Zusammenbruch einer Mittzwanzigerin. Karo verfällt nach einem Job- und Partnerverlust in eine Depression, fühlt sich wie ein "entzundener Zahn", bastelt an "Antischmerzchoreografien" und leitet ein neues Kapitel mit den Worten "Der nächste Morgen ist ein Arschloch" ein. Der mühselige Weg zum Neustart wird eindrucksvoll geschildert: Panikattacken zum Nachfühlen, Kontrollverlust zum Mitschreien.

"Die Leute machen es sich eben einfach"

Wie ist Frau Kuttner an diese Gefühlwelt herangekommen? Wo hat sie recherchiert? "Das hat eigentlich nichts mit einer Recherche zu tun. Das kam beim Schreiben, wenn ich bei der Darstellung eines Panikanfalls oder mit der medizinischen Beschreibung einer Depression nicht weiter wusste, habe ich Freunde angerufen und gefragt, wie sich das anfühlt und anschließend Psychiater getroffen und gefragt, wie das zustande kommt."

Auch wenn sich die Bücher ganz offensichtlich unterscheiden, wird "Mängelexemplar" trotzdem immer wieder in einem Atemzug mit Charlotte Roches 2008er Markterfolg "Feuchtgebiete" genannt. Ist das angebracht? "Ich versteh's nicht, aber so funktioniert Journalismus ganz häufig. Die Leute machen es sich eben einfach und nehmen irgendein Phänomen und versuchen eine Verbindung zu kriegen. Aber dann könnte man mich im Prinzip auch mit Sonja Krause vergleichen, das ist auch eine Moderatorin, die geschrieben hat. Ich versteh den Vergleich nicht, akzeptiere aber dass Leute Augenscheinliches für notwendig halten."

"Flickenteppich" mit Fleischfülle

Nun denn. Roches Antrieb war eine Art gesellschaftlicher Hygiene- und Rasierwahn, Sarah Kuttners Motivation ist eine andere: "Mein privates Umfeld meinte immer 'Schreib doch mal einen Roman, waren doch die Kolumnen schon gut. Komm, versuch's doch mal!' Und da sagte ich eigentlich immer nur: 'Ach, ich kann das nicht und ich weiß ja auch nicht wie man das macht.' Hatte dann aber schon Lust darauf, weil Schreiben ja auch Spaß macht. Und so hab ich mich ein bisschen nörglerisch mit dem Thema rumgeschlagen." Wie kam die Geschichte dann zustande? "Ich hab quasi wie aus einem Flickenteppich aus verschiedenen Geschichten eine Neue gemacht. Viele dramaturgische Wendungen waren eigentlich schon da, durch Geschichten, die ich von Freunden geliehen habe."

Und wie lange hat sie an ihrem Debütroman gearbeitet? "Nur so zwei, drei Monate, weil ich Zeit und die Geschichte dann endlich im Kopf hatte. Und wenn ich erstmal was will, dann geht das auch relativ schnell los. Ich habe mich hingesetzt und so eine Art Gerüst geschrieben und während des Schreibens das Ganze dann mit Fleisch gefüllt", beschreibt Sarah Kuttner ihren Arbeitsprozess.

"Medienreaktionen blende ich aus"

Wie sind die Reaktionen auf dieses mit Fleisch gefüllte Gerüst ausgefallen? "Medienreaktionen blende ich immer aus, weil es so viele verschiedene Meinungen gibt, dass die eigene immer so schnell ins Wanken gerät. (...) Bei einer Lesung reagiert das Publikum jetzt nicht heftig wie bei einem Konzert, die mögen aber was sie hören. Ansonsten sind die einzigen Reaktionen, die ich so mitbekomme Briefe und Emails von Lesern. Die finden das dann immer sehr schön und sagen, dass es richtig getroffen wäre. Meine Lieblingsreaktion kam von einem Psychiater, der selber auch an einer Depression litt. Der konnte das Buch aus beiden Richtungen beurteilen und fand es aus beiden gut. Und da habe ich mich dann doch sehr dolle gefreut."

Und was hat Sarah Kuttner in Zukunft vor? "Ich hab eigentlich nichts so richtig geplant. Ich hatte die letzten zwei Monate frei, jetzt geht eben die Lese-Tour los, was ja auch bis in den Frühling weiter geführt wird und weiter denk ich momentan gar nicht. Man hat zwar hie und da ein Gespräch mit jemandem, spruchreif ist nichts. Aber ich möchte schon gerne weiterhin Fernsehen machen, so ist der Plan."


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