Nun auch noch „Elle“. Nachdem Boris Johnson schon mehrmals unfreiwillig das Cover des britischen Satireblattes „Private Eye“ geziert hat, bringt nun das Modemagazin aus Anlass der 25. Londoner Fashion Week (18.–22. September) den Londoner Bürgermeister auf der Titelseite seiner Septemberausgabe. Wo sich sonst modelschlanke Schönheiten räkeln, steht nun ein leicht übergewichtiger Mann mit verdrücktem Hemd und krausem Haar.
Wie jeder Bürgermeister scheut Johnson keine Mühe, seine Stadt zu vermarkten. Und es wäre nicht Boris, wie ihn jedermann zu nennen pflegt, ginge das ohne kleine oder größere Peinlichkeiten ab. Zur Übergabe der Olympischen Fahne in Peking an London, den Austragungsort der Sommerspiele 2012, erschien er mit offenem Hemd und der Hand in der Hosentasche. Wie um das Missfallen der chinesischen Bürokraten noch steigern zu wollen, behauptete er auch noch felsenfest, Pingpong sei im 19. Jahrhundert von Vertretern der englischen Oberklasse am Esstisch erfunden worden.
Mit seinen Äußerungen ist Johnson zu einem der bekanntesten Politiker Großbritanniens geworden – und jedenfalls zum amüsantesten. Nichts scheint er mehr zu lieben, als den Clown zu geben, um gegen Sprachregelungen und Tabus der „Political Correctness“ zu verstoßen. Afrikaner bezeichnete er als „Pygmäen mit Wassermelonen-Lachen“; seiner eigenen Partei trieb es die Schamesröte ins Gesicht, als er im Wahlkampf 2005 erklärte: „Männer, wählt die Konservativen! Dann werden eure Frauen größere Busen bekommen, und ihr könnt euch einen BMW leisten.“
Dass er damit davonkommt, hat seinen Grund darin, dass Johnson – wenn er einmal nicht blödelt – ganz klare liberale, weltoffene, tolerante Positionen vertritt, oft links von der Labour Party. Vor allem aber: Das erste und vortrefflichste Ziel seines Spottes ist stets er selbst. Wie kein anderer Politiker der Gegenwart beherrscht Johnson die von den Briten über alles geliebte Tugend der Selbstironie.
Nachdem der als Schürzenjäger bekannte Johnson, der verheiratet ist und vier Kinder hat, 2004 wegen einer Affäre von der Tory-Führung gefeuert wurde, sagte er: „Es gibt keine Katastrophen, nur Chancen. Das bedeutet für mich Chancen auf neue Katastrophen.“
Verändert hat sich Johnsons Wesen nicht, seit er 2008 zum Bürgermeister Londons gewählt worden ist. Nach wie vor fährt er mit dem Rad durch die Stadt, wobei er schon mal gegen die Fahrtrichtung unterwegs ist oder auf seinen Fahrradhelm „vergisst“. Als er dabei „ertappt“ wurde, schrieb er eine Kolumne über den „Helm als Symbol meiner Unterwerfung unter das richtige Denken“.
Der Text erschien im konservativen „Daily Telegraph“, wo sich der heute 45-jährige Johnson vor der Politik einen Namen als Journalist und Buchautor gemacht hat und für den er bis heute für 250.000 Pfund Jahresgage („Hühnerfutter“) eine wöchentliche Kolumne schreibt. Als Korrespondent in Brüssel, wo er einst zur Schule ging, trug er mit Geschichten über EU-Verordnungen zur Gurkenkrümmung zur Europaskepsis seiner Landsleute bei. „Er schuf praktisch im Alleingang das Genre der Euro-Mythen“, meint die „Financial Times“. Neben Französisch liebt es der Abgänger der Eliteausbildungsstätten Eton und Oxford, mit lateinischen und altgriechischen Zitaten zu glänzen.
Dass Alexander Boris de Pfeffel Johnson, wie er mit vollem Namen heißt, als Bürgermeister bisher außer dem Verbot von Alkohol im öffentlichen Verkehr wenig bewirkt und mit der Tagesarbeit offensichtlich Probleme hat (bereits fünf enge Mitarbeiter mussten das Handtuch werfen), stört die Londoner wenig. Schrullig, selbstironisch und „unwiderstehlich liebenswert“ („The Independent“), sind seine Beliebtheitswerte in London so hoch, dass viele schon über seine nächsten Ziele spekulieren. Johnson einmal auf die Frage, ob er Premier werden möchte: „Meine Chancen dafür sind ebenso groß, wie dass ich von einem Frisbee geköpft werde oder Elvis treffe.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2009)
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