Wie der Vater, so will der Sohn nicht immer sein

Adam Sachs' »Inherited Disorders« erzählt pointiert von Söhnen, die mit dem Erbe ihrer Väter ringen.

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(c) Regan Arts

Sie müssen das Erbe ihres Vaters loswerden, bevor es sie zerstört, heißt es im Klappentext von „Inherited Disorders – Stories, Parables & Problems“: In 117 höchst amüsanten, pointierten Kurzgeschichten erzählt Adam Sachs immer wieder, in unterschiedlichsten Variationen, wie Söhne über die großen Fußstapfen ihrer Väter stolpern. Die Fußstapfen, die ihm gelegt wurden, sind selbst nicht klein: Als Sohn des Starökonomen Jeffrey Sachs weiß Adam Sachs, was es bedeutet, mit großen Erwartungen aufzuwachsen. Mit seinem ersten Buch löst er sich nun elegant vom Erbe des Vaters und schlägt eigene Wege ein – ein Unterfangen, das den Protagonisten seiner Geschichten oft nur mäßig gelingt.
Da gibt es etwa – gleich zu Beginn – einen österreichischen Nachkriegsliteraten, dessen Vater ein Nazi-Offizier war. Der Literat interessiert sich für die Natur, für Bäche und Farne, doch was er auch schreibt, immer wird es als Abrechnung mit den Verbrechen seines Vaters interpretiert. Nach seinem vierten Gedichtband über die Schönheit der Natur beginnen sich die Kritiker gar zu langweilen: Kann er denn über nichts anderes schreiben als über die Verbrechen seines Vaters?

Gnadenlos direkt. Jede Interpretation von Sachs' Geschichten birgt das Risiko in sich, eben jenem Irrtum aufzusitzen, den er hier so genüsslich seziert. Die Hinweise auf seine eigene Biografie scheinen aber überdeutlich: Er karikiert den Kulturbetrieb genauso wie das wissenschaftliche Milieu, von dem er sich abgewandt hat, und er nimmt sich voller Selbstironie – und mit der Kenntnis beider Bereiche, immerhin genoss Sachs, bevor er sich als Drehbuch- und dann Prosaautor versuchte, ein naturwissenschaftliches Studium an der Harvard-Universität – der Konflikte an, die entstehen, wenn ein akademisch versierter Vater seinen Sohn an die Kunst verliert und vice versa.
Gnadenlos direkt und mit viel schwarzem Humor entwirft Sachs in den Geschichten, die nur je ein paar Zeilen bis wenige Seiten lang sind, surreale, zugespitzte Szenarios, die doch alle einen allzu vertrauten Kern haben: Zentrales Motiv sind Vater-Sohn-Beziehungen in all ihren oft verkorksten, oft liebevollen Facetten. Und wie die Söhne versuchen, den Erwartungen ihrer Väter (und deren Väter und deren Großväter . . .) gerecht zu werden oder sie eben abzuschütteln, so spielt auch Sachs mit den Erwartungen seiner Leser und überrascht sie gezielt immer wieder mit abrupten Wendungen.
Die sollen hier natürlich nicht verraten werden, wohl aber einige Kostproben der Probleme, die Söhne und Väter in „Inherited Disorders“ haben: Da wäre das wiederkehrende Motiv, dass einem Sohn, was auch immer er versucht, die komplette Emanzipation von der Welt des Vaters nicht und nicht gelingen will. Der Sohn eines Rauchfangkehrers etwa heimst tatsächlich viel Bewunderung ein, als er endlich zu akademischen Ehren als Logiker kommt – bis die Rauchfangkehrermetaphern in seinen logischen Ausführungen überhandnehmen.

Zwölf Generationen im Hirn. Der Sprössling einer Akrobaten- und der einer Mathematikerfamilie streiten darüber, wer die größere Last zu tragen hat: Der eine muss für einen Zirkustrick sechs seiner Verwandten buchstäblich schultern, der andere hat die Bürde, ein mathematisches Problem zu lösen, an dem zwölf Generationen seiner Vorfahren gescheitert sind. Das liegt einem schwer im Hirn!
Dann gibt es noch den Sohn eines verstorbenen Philosophen, der gleichzeitig dessen Biograf ist – und der, damit sich diese beiden Rollen nicht in die Quere kommen, für jede Tätigkeit einen eigenen Hut aufsetzt. Die Sache gerät außer Kontrolle, als neue Aufgaben dazukommen: Der Nachlassverwalter seines Vaters, dessen philosophischer Gesprächspartner, dessen Doppelgänger . . . Zu radikaleren Mitteln greift ein Pianist, dessen Vater nicht aufhören will, Concertos für ihn zu komponieren: Als er bei einem „Unfall“ einen Finger verliert, erklärt er seine Karriere für beendet, doch da schreibt ihm der Vater ein „Concerto für neun Finger“, was dem Pianisten noch mehr Ruhm einbringt. Wie viele Gliedmaßen er auch einbüßt, sein Vater lässt das Komponieren nicht sein.
Das Grundmotiv der Geschichten variiert kaum, Redundanz stellt sich dennoch nicht ein, der Unterschied liegt in den Details: Einmal geht es um die Angst zu enttäuschen, einmal um den Druck, den Vater zu übertrumpfen, dann wieder um den Respekt, der einen davor bewahrt, den Vater allzu unsanft von seinem Thron zu stoßen. Und zwischendurch geht es auch um Vater-Sohn-Beziehungen, die so unterkühlt sind, dass man eigentlich nichts mehr machen kann: Eine Kürzestgeschichte erzählt etwa knapp von einem Vater und einem Sohn, die die letzten Sprecher einer beinahe ausgestorbenen Sprache sind. Weil ihr vor einem Konsortium aus Linguisten aufgezeichnetes Gespräch aber so karg an Worten ausfällt, beschließen die Wissenschaftler kurzerhand, die Sprache gleich für ganz ausgestorben zu erklären. Auch so kann man ein altes Erbe loswerden. ?

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