Österreich als Gigapixel-Selfie: „Ihr habt ja alle keine Ahnung!“

Früher hat er für die US-Navy im Golfkrieg fotografiert. Jetzt will der Amerikaner Philip Martin Rusch Österreich der Welt – und sich selbst – zeigen.

Philip Rusch will Österreich zeigen – und rechnet mit Millionen von Klicks.
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Philip Rusch will Österreich zeigen – und rechnet mit Millionen von Klicks.
Philip Rusch will Österreich zeigen – und rechnet mit Millionen von Klicks. – Die Presse/Clemens Fabry

Eine Franz-West-Ausstellung, eine Ankündigung des Jazzfests mit Paolo Conte und Bobby McFerrin, gegenüber 3 Feet Smaller und „Orgien im Gemeindebau“ (im Wien-Museum): Jedes einzelne Plakat, das im Kaffee Alt Wien hängt – im Foto von Philip Rusch kann man sie alle ganz nah heranzoomen und dabei immer noch scharf sehen.

Er sei, erzählt Philip Rusch, eigentlich nur auf der Suche nach WLAN gewesen, als er vor ein paar Jahren das Kaffeehaus in der Bäckerstraße betrat – und vor dessen beeindruckender Plakatsammlung landete. Er machte ein Foto, sein Freund Frank Schachinger entdeckte darauf sein eigenes Plakat und war begeistert – so, erzählt Rusch, sei in etwa die Idee entstanden, sein höchst ehrgeiziges Fotoprojekt anzugehen. Eines, auf dem man nicht Plakate, sondern Tausende Österreicher sieht – und im virtuellen Hintergrund ihre Unternehmen, Vereine und Ideen.

Für Ruschs Motivation muss man dazu vielleicht noch ein wenig mehr ausholen. Geboren ist der Amerikaner in Minnesota, er hat in Kalifornien und Mexiko gelebt, auf Hawaii, in Ostafrika und Deutschland. Als Fotograf der US-Navy diente er im ersten Golfkrieg, danach wollte er „einen ruhigen Ort, an dem niemand auf mich schießt“. So landete er in Wien, seit 25 Jahren wohnt er hier „off and on“, in den vergangenen Jahren ständig. Dabei, sagt er, gebe es zwei Dinge, „die mir ziemlich auf die Nerven gehen“.

 

Kängurus und Weltkrieg

Das eine seien Österreicher, die sich wundern, warum er in Wien wohnt, sobald sie hören, dass seine Familie in Kalifornien lebt. Seine Standardantwort: „Ihr habt keine Ahnung, was Ihr hier habt!“ Seine Frau sei Spanierin, „wir könnten in Barcelona oder in San Francisco leben, aber wir haben Wien gewählt. Siebenmal hintereinander die lebenswerteste Stadt der Welt!“

Das andere seien die Reaktionen im Ausland. „Wenn ich erzähle, wo ich wohne, werde ich gefragt, wo das liegt und welche Sprache man dort spricht. Das hat mich verrückt gemacht. Mit Österreich verbindet man international nur Kängurus, ,Sound of Music‘ und den Zweiten Weltkrieg.“ Ob er das wirklich so erlebt habe? „Zum Teufel, ja.“ Schließlich habe erst heuer CNN berichtet, Australien baue einen Zaun an der slowenischen Grenze.

Nun will Rusch selbst versuchen, das Image des Landes etwas aufzupolieren und es in der Welt bekannt zu machen, und zwar mit etwas, „das es noch nie zuvor gegeben hat“. Er nenne es ein Country-Selfie: 9000 Leute, so der Plan, werden am 29. November in der Stadthalle fotografiert. Etwa die Hälfte der Plätze soll um 996 Euro pro Platz an die Wirtschaft verkauft werden, „schließlich gibt es hier allein um die 150 Weltmarktführer“. Für Kleinunternehmer, Privatleute oder Künstler gibt es günstigere Sonderpakete, für NGOs, Studenten oder Künstler ein kostenloses Kontingent. Inspiriert habe ihn ein Gigapixelfoto vom Mont Blanc: „Ein verschneiter Berg, und er bekam innerhalb weniger Tage mehrere Millionen Klicks!“

In das Österreich-Bild sollen Interessierte aus aller Welt hineinzoomen können, wenn man eine Person anklickt, landet man wie in einem virtuellen Adventkalender auf deren Homepage. Drei Weltrekorde soll das Projekt brechen, und auch ein Goldener Werbelöwe in Cannes erscheint dem Team als im Bereich des Möglichen. Wobei Rusch eines unbedingt klarstellen will: „Hier geht es nicht um mich, ich habe kein Interesse, dann als Nächstes bei den ,Dancing Stars‘ zu sein.“

Fotografisch gesehen handelt es sich um eine moderne Form jener Technologie, mit der Rusch schon in den Achtzigerjahren beim US-Militär gearbeitet hat. Er könne nur raten, meint Rusch, „was sie heute haben“. Er selbst hat in seiner Zeit bei der Navy „an Land, unter Wasser und in der Luft“ fotografiert, etwa mit der Fotoausrüstung der Grumman F-14 Tomcat, eines Überschallkampfflugzeugs.

Später hat Rusch Rockbands und Präsidenten fotografiert, für Louis Vuitton oder Red Bull. Bezahlt werde übrigens niemand in seinem Team: „Hier geht es um Leidenschaft“, sagt er. „I think your country absolutely rocks!“

AUF EINEN BLICK

Best of Austria heißt das Projekt des Amerikaners Philip Martin Rusch, das mit Hightechkameras ein „neues Bild von Österreich“ schaffen will. Am 29. November werden in der Wiener Stadthalle 9000 Österreicher fotografiert, die dabei ihre Unternehmen, Marken, Vereine oder Ideen präsentieren können. Reguläre Tickets kosten 996 Euro. Reinhold Mitterlehner, Sebastian Kurz oder Stefan Pierer (KTM) unterstützen das Projekt, Unternehmen wie Nikon oder Go Pro sind Partner, drei Weltrekorde sind geplant. www.bestofaustria.online

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2016)

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