Zwei Personen, zwei Sprachen, kein türkisches Theater

Die Wiener Bühne zeigt ein Stück, das auf Deutsch und auf Türkisch aufgeführt wird. Eine Herausforderung, sagen die Schauspieler Buyraç und Ece.

Die Schauspieler Buyraç und Ece
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Die Schauspieler Buyraç und Ece
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Das Kopftuch auf der Bühne. Getragen von Betül, einer jungen Frau, die irgendwie die zeitgenössische Türkei zu repräsentieren scheint, die neue, konservative Mittelschicht: kaufkräftig, ausgebildet, selbstbewusst. An einem Tag bekommt Betül Besuch von Kaya, einem Getreidehändler, ebenfalls aus konservativen Kreisen, aus Anatolien stammend. Ihn hat Betül noch nie zuvor gesehen. Kaya hat einen Brief für sie, von ihrem Mann, der Suizid begangen hat. Langsam tasten sich die beiden Charaktere aneinander heran. Es gibt offenbar viel zu besprechen.

Betül und Kaya, das sind Zeynep Buyraç und Kenan Ece, Schauspieler des Zwei-Personen-Stücks „Bakarsın bulutlar gider/Du schaust, und die Wolken ziehen“, das Anfang November auf der Wiener Bühne im Werk X – Eldorado Premiere haben wird. Die Inszenierung des türkischen Dramatikers Özen Yula wurde vor zwei Jahren in der Türkei erfolgreich uraufgeführt, die Regisseurin Ülkü Akbaba hat es übersetzt und nach Wien gebracht. Das Projekt kommt mit einem Novum: Aufgeführt wird es sowohl auf Deutsch als auch auf Türkisch.

Eine Herausforderung, wie beide Schauspieler sagen. Sie hauchen Betül und Kaya Leben ein, und obwohl es sich bei beiden Versionen um dieselben Charaktere handelt, wird es dezente Unterschiede geben. Ece, der die Figur des Kaya bereits in der Türkei gespielt hat, musste die deutsche Variante erst kennenlernen. „Ich habe in der Türkei den Charakter mit der Sprache gefunden. Auf Deutsch kann ich seinen Akzent, sein Profil nicht verwenden.“

Es ist die Mimik, die Gestik, die Buyraç und Ece bei der Darstellung wohl unterschiedlich schattieren werden. „Durch die türkische Sprache kommen bestimmte Gesten, bestimmte Haltungen dazu. Umgekehrt ist es genauso. Aber es wird sicher nicht eine ganz andere Inszenierung“, sagt Buyraç dazu.

Quer durch Österreichs Bühnen

Buyraç und Ece sind Kinder desselben Viertels in Istanbul. Sie ist Absolventin der Deutschen Schule in Istanbul, er hat das österreichische St.-Georgs-Kolleg besucht, beide Einrichtungen liegen in Gehweite voneinander entfernt. Während es Buyraç nach der Schule nach Wien verschlagen hat, ins Konservatorium, hat Ece in den USA Wirtschaft und Schauspiel studiert, ehe er sich in Irland niedergelassen hat. Dort war er zunächst im Finanzsektor tätig, aber die Bühne lockte, und so kam er über die irische Fernsehserie „Fair City“ auf die Nationalbühne Abbey Theatre, war später in türkischen TV- und Bühnenproduktionen zu sehen.

Buyraç hingegen ist quer durch Österreichs Bühnenwelt gewandert: Linz, Klagenfurt, Bregenz und freilich Wien, war in „Schnell ermittelt“, „Soko Donau“ und „Altes Geld“ zu sehen. So, wie Ece erstmals auf Deutsch spielen wird, verkörpert sie erstmals eine Figur ganz in ihrer Muttersprache. „Es ist eine Bereicherung“, sagt sie „ein Stück in zwei Sprachen spielen zu können.“

Dass es sich bei ihrer Premiere um ein typisch türkisches Stück handeln soll, ein Stück mit Klischees also, davon wollen die beiden nichts wissen. Freilich, Yulas Drehbuch bringt gewisse Parameter mit: die Kopftuch tragende Frau, das konservativ geprägte Milieu, die neue islamische Mittelschicht. „Aber es ist eine Menschengeschichte“, sagt Ece, „und die sind überall gleich, egal, welchem Teil der Gesellschaft sie angehören.“ Es ist also ein Stück, das ohne Kopftuch, ohne das Setting in der Türkei funktionieren würde, oder, wie Buyraç sagt: „Betüls Probleme kann auch eine Tirolerin haben.“

Aber das Kopftuch sei auch eine Art Statement: „Diese Menschen gibt es, diese Menschen leben hier, diese Menschen sind auch Österreicher, daher müssen sie auch auf die Bühne kommen.“ Ein „Opfer“ – um bei den Klischees zu bleiben – wolle sie auf der Bühne aber nicht spielen, vielmehr eine intelligente Frau, wenn auch nicht eine aufgeklärte, „weil sie die Möglichkeit dazu nicht hatte“.

Voller Vorurteile

Das Kopftuch auf der Bühne ist in der Türkei reserviert aufgenommen worden, wird doch die Kunst- und Kulturwelt eher von der säkular-liberalen Schicht bevölkert. Da kamen die laizistischen Zuschauer in den Saal hinein, vollbepackt mit Vorurteilen, erzählt Ece, und erst mit dem Kennenlernen des Charakters entstand eine Art von Annäherung: „Das Stück ist gegen Vorurteile geschrieben worden, ich hoffe, in Wien wirkt es auch so.“

AUF EINEN BLICK

Premiere. Das Stück des türkischen Dramatikers Özen Yula „Bakarsın bulutlar gider/Du schaust, und die Wolken ziehen“ feiert zwei Premieren in Wien: Auf Deutsch am 2. November, auf Türkisch am 7. November. Regie und Übersetzung: Ülkü Akbaba. Das Zwei-Personen-Stück ist im zeitgenössischen Istanbul angesiedelt, es spielen Zeynep Buyraç und Kenan Ece, die beide aus Istanbul stammen.
Werk X – Eldorado. Petersplatz 1, 1010 Wien. Spielplan: www.werk-x.at bzw. www.wolkenziehen.at

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2016)

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