Robert Rutöd: Am Hügel des Widerstands

Der Wiener Robert Rutöd hat in Litauen den „Berg der Kreuze“ dokumentiert. Die Sowjets versuchten mehrfach, den Wallfahrtsort zu zerstören.

Am „Berg der Kreuze“ kann man auch beichten. Als Fotograf Robert Rutöd dort war, wollten nur Frauen ihre Sünden loswerden.
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Am „Berg der Kreuze“ kann man auch beichten. Als Fotograf Robert Rutöd dort war, wollten nur Frauen ihre Sünden loswerden.
Am „Berg der Kreuze“ kann man auch beichten. Als Fotograf Robert Rutöd dort war, wollten nur Frauen ihre Sünden loswerden. – (c) Robert Rutöd

Eigentlich ist er ein Hügel, auch wenn er „Berg der Kreuze“ genannt wird. Nur zehn Meter ist die nördlich der 126.000-Einwohner-Stadt ?iauliai (deutsch: Schaule) in Litauen gelegene Erhebung hoch. Tausende Kreuze stehen dort eng an eng, oft übereinander, ein Kruzifix hängt am nächsten, es sind weit mehr als 50.000. Und das sind nur Schätzungen, genaue Zählungen gibt es nicht. Der Wiener Fotograf Robert Rutöd war im August dort und hat den Ort in einer Fotoserie dokumentiert. „Es ist kaum zu glauben, wie viele Kreuze dort sind“, sagt er. „Sie sind nur noch als Dickicht wahrnehmbar, nicht als einzelne Gedenkkreuze. Damit erreicht man das Gegenteil von dem, was man bezwecken will.“ Sie sollen an einen Menschen erinnern – und Glück bringen. Heilungsgeschichten wie aus Lourdes habe er aber nicht gehört, so Rutöd. Obwohl der Hügel voll ist, breiten sich die Kreuze nicht auf die Wiese aus.

Der ''Berg der Kreuze'' als Ort des Widerstands

Ursprünglich dürfte der Ort ein mittelalterlicher Burghügel gewesen sein. Wer dort das erste Kreuz aufgestellt hat, darüber gibt es unterschiedliche Legenden. Sicher ist aber: Es gab ihn bereits, als Polen und Litauer in den Jahren 1830 und 1831 sowie 1863 und 1864 gegen die russische Obrigkeit rebellierten. Die Aufstände wurden brutal niedergeschlagen. Mit den Kreuzen wollte man der Opfer gedenken. Zur Zeit der Sowjetunion, zu der auch Litauen gehörte, wurde der Ort noch bedeutsamer: Einige der mehr als 100.000 nach Sibirien deportierten Litauer, die nach Stalins Tod 1953 zurückkehrten, stellten Kreuze auf, um an jene zu erinnern, die im Gulag starben. So wurde der „Berg“ politisches Symbol gegen die kommunistische Herrschaft. Von 1961 bis 1975 ließ das Regime die Kreuze mehrfach mit Bulldozern niederwalzen. Schon Tage nach den Zerstörungsaktionen wurden wieder welche aufgestellt.

1993 besuchte Papst Johannes Paul II. den Wallfahrtsort, 2002 wurde ein Kloster eröffnet. Heute kann man dort auch seine Sünden beichten, auf Campingstühlen, direkt im Freien – ohne Sichtschutz. Während der Fotograf dort war, legten ausschließlich Frauen die Beichte ab. „Als würden nur Frauen Süden haben“, sagt Rutöd. An einem Mangel an Besuchern kann es nicht gelegen haben. Der Ort steht in jedem Reiseführer, es kommen ganze Busladungen voller Menschen. Am Wochenende sind schon einmal 1000 Besucher am „Berg der Kreuze“.

Das Motiv ist noch nicht weit verbreitet. Als Rutöd im Internet über Bilder vom „Berg der Kreuze“ gestolpert ist, haben sie ihn an den Friedhof von Döllersheim im militärischen Sperrgebiet Allentsteig im Waldviertel erinnert. Dort gibt es verwitterte, von Ruß überzogene Grabmäler. Eine Vorliebe für religiöse Themen hat der Fotograf aber nicht, sagt er. Obwohl man mehrfach Madonnen und Kruzifixe auf seinen Fotos sieht, etwa im Fotobuch „Milky Way“, für das er Santiago de Compostela am Ende des Jakobswegs besuchte. „Ich interessiere mich für das, was sich auswächst, sich übertrieben darstellt“, erklärt er. Er selbst hat in Litauen kein Kreuz hinterlassen, aber „meine Frau hat eines deponiert“.

Zur Person

Robert Rutöd wurde 1959 in Wien geboren. Er beschäftigte sich zuerst mit Malerei, ab 1978 mit Schwarz-Weiß-Fotografie. Von 1979 bis 1993 drehte er Kurzfilme, anschließend gestaltete er Bücher. 2004 kehrte er zur Fotografie zurück. Seitdem veröffentlichte er u. a. die Fotobücher „Less Is More“ (2009) und „Right Time Right Place“ (2015). „Berg der Kreuze“ soll im Frühjahr ausgestellt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2016)

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