Ein Stück über das Stottern

Simon Dworaczek beendet sein Regiestudium am Reinhardt-Seminar mit einer genauen Beobachtung des Stotterns, das ihn einst hierher geführt hat.

Simon Dworaczek beschäftigt sich mit seinem (vermeintlichen) Handicap.
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Simon Dworaczek beschäftigt sich mit seinem (vermeintlichen) Handicap.
Simon Dworaczek beschäftigt sich mit seinem (vermeintlichen) Handicap. – (c) Andrea Peller (dworaczek-arts.de)

Entweder genervt – oder hyperverständnisvoll: Das, sagt Simon Dworaczek, seien die üblichen Reaktionen, die stotternde Menschen bei ihrem Gegenüber auslösen. „Ich hab jedenfalls immer das Gefühl, zunächst ein Geständnis machen zu müssen, bevor man sich auf Augenhöhe begegnen kann.“ Da ein wenig Abhilfe schaffen, das will der Regiestudent am Max-Reinhardt-Seminar mit seinem neuen Stück „Frei heraus!“.

Simon Dworaczek ist in einem kleinen Dorf im Sauerland aufgewachsen und stottert, seit er fünf ist. Noch im Kindergarten entdeckte er, „dass ich, wenn ich Rollen spiele, nicht stottern muss“ – in der Vogelhochzeit oder als Wache in Dornröschen. Ein Problem sei das, was gemeinhin als Störung gilt, für ihn dabei nie gewesen, „im Sinne, dass ich gemobbt wurde oder keine Freunde hatte. Da bin ich nicht der Typ dafür“. Thema war es für ihn sehr wohl. „Wenn man stottert, wird man auf sich selbst zurückgeworfen.“ Eine coole Fassade aufrechtzuerhalten, funktioniert da nicht, „das hab ich schon früh mitbekommen“.

Aber auch, dass Ähnliches für das Gegenüber gilt. „Wenn man stottert, sind die eigenen Sinne extrem scharf gestellt. Man hat Angst, weil man nicht weiß, wie der andere reagiert. In diesem Moment beobachtet man das Gegenüber sehr genau. Ich habe früh mitbekommen, dass man da auch beim anderen kurz hinter die Fassade schauen kann.“ Dass der strenge Lehrer eigentlich ganz nett ist. Der Schwarm der Schule nicht so lässig, wie er sich gibt. Bis heute sei das für ihn eine große Frage: „Wer bin ich? Und wer gebe ich vor zu sein?“ Therapietechniken, die dem Stotterer helfen sollen, das Stottern zu verbergen, sieht er deshalb kritisch. „Ich hab mir schon mit 13 gedacht, dass das eigentlich eine Verstellung bedeutet. Warum soll ich mich verstellen, um akzeptiert zu werden?“

 

Mit 14 erste Regie

Es sei diese Erfahrung gewesen, die ihn dazu gebracht habe, sich mit Freunden zusammenzutun, „die auch anders waren“, um Theater zu machen. Mit 13 beschloss er, Regisseur zu werden. Mit 14 schrieb er sein erstes Stück, bekam dafür im Dorf die Schulaula mit 500 Plätzen. Eine Woche vor dem Abitur ging er zum Vorsprechen am Reinhardt-Seminar – ohne Erwartung. „Es hieß immer: Das schafft man nicht, also hatte ich nichts zu verlieren.“

Rückblickend sei es genau die richtige Schule gewesen. „Weil der Schauspieler im Fokus steht, und weil ich enorme Freiheit hatte, Dinge auszuprobieren und auch zu scheitern.“ Auch die Bereitschaft zum Misserfolg führt er auf sein vermeintliches Handicap zurück. „Ich versuche immer, mich zu überfordern. Das habe ich beim Stottern gelernt. Ich muss ja auch immer wieder reden und mich überwinden.“ Die Zeit, wo er den Mund nicht aufgemacht habe, um sich zu schützen – die sei vorbei.

Theater, das bedeute für ihn, Dinge zu hinterfragen und Möglichkeiten zu eröffnen. „Um das Publikum zu aktivieren, in welcher Form auch immer – am besten durch Fantasie.“ Was ihn beschäftigt, ist die Frage, wie man Ideen von Nicht-Theatermachern einbauen kann. „Es gibt so viele Menschen, die etwas zu sagen haben, auf deren Perspektiven wir nicht kommen. Da bin ich gerade dabei, Verbündete zu suchen, die genauso besessen davon sind wie ich, Dinge verstehen zu wollen.“

Sein eigenes Stottern besser zu verstehen, das hat er nun zu seiner Abschlussarbeit gemacht. „Ich habe gedacht: Wenn ich dieses Kapitel beenden will, muss ich mich dieser Macht stellen, die mich hierher geführt hat.“ Bis heute wisse man nicht, wieso weltweit jeder hundertste Mensch beim Sprechen stockt, selbst Diagnoseverfahren gebe es keins. Für sein „Stotterstück“ hat er mit seinem Team vier Wochen zum Thema improvisiert. „Stottern wird zum Problem gemacht. Ich wollte hinterfragen, ob es ein Problem ist, oder ob diese Schwäche nicht auch eine Stärke sein kann.“ In Film und Literatur seien Stotterer „immer entweder hyperintellektuelle Autisten oder Deppen. Aber was es bedeutet, stotternd durch den Alltag zu gehen, dazu gibt es nichts. Ich habe versucht, dem Publikum die Perspektive eines stotternden Menschen zu geben“.

Er selbst habe mit der Beschäftigung die eigene Angst davor jedenfalls verloren. Nicht, dass die nächste Angst nicht schon warten würde – jene, ob er als junger Regisseur überhaupt Chancen bekommen wird. Er halte wenig davon, dass der Nachwuchs erst jahrelang in der Regieassistenz durch die Mühle des Systems gedreht würde. „Wir sind doch jetzt jung und scharf im Kopf!“

Zur Perso´n

Simon Dworaczek (23) wuchs in Nordrhein-Westfalen auf. Mit 13 gründete er mit Freunden eine Theatergruppe. Während seines Regiestudiums am Max-Reinhardt-Seminar hat er mit ORF und der Stotterselbsthilfe ein Hörspiel gestaltet. „Frei heraus!“ beschäftigt sich nun nochmals mit dem Thema. Premiere ist am Dienstag, am 14. Dezember – als erste Theaterproduktion der Kunstuni wird sie per Livestream übertragen und ist auch später online abrufbar. Weitere Termine: 15., 16. und 17. Dezember, Neue Studiobühne. Karten: mrs@mdw.ac.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2016)

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