„Kraft frei“ und „Alles Walzer“

Der Ball der Gewichtheber gilt in Wien als Kultveranstaltung. Doch abseits der jährlichen Show kämpfen die Athleten nicht nur mit dem schlechten Image als Wirtshaussport.

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Themenbild: "Kraft frei" – Imago

Es gibt Menschen, die zwängen sich gern in einen Frack und drängen sich mit Tausenden Menschen auf dem Wiener Opernball. Oder in einen Smoking für den überfüllten Juristenball, in eine Tracht für den ausgelassenen Jägerball. Michael gehört zu keiner dieser Kategorien: Der Student trägt ein schlichtes T-Shirt und Jeans.

Zugegeben, dafür ist er auch für diesen Ball etwas underdressed, aber wirklich schräg angeschaut wird er deswegen nicht. Außerdem gehört Michael dazu: Er hat den Sport selbst lange Zeit betrieben, bevor er wegen Zeitmangels aufhören musste, und er hält noch immer einen Rekord. Und damit ist er an diesem Abend Teil eines erlesenen Kreises.

Wir sind auf dem Ball der Gewichtheber, der mittlerweile in Wien so legendär ist wie der Veranstaltungsort selbst: das Schutzhaus „Zukunft auf der Schmelz“, 1920 errichtet und Zentrum der ersten Kleingartensiedlung, die das Rote Wien angelegt hat. Sogar der spätere Bundespräsident Adolf Schärf bewirtschaftete hier zwischen 1921 und 1959 einen Kleingarten.

Es ist also der passende Ort für einen Sport, der Ende des 19. Jahrhunderts in Gasthäusern entstand und der Arbeiterschaft zum Kräftevergleich diente. Wirte lockten einst mit den Hanteln die Kundschaft, bis in die 1960er-Jahre war das Gewichtheben mehr oder weniger ein Wirtshaussport (die Älteren erinnern sich an die TV-Serie „Ein echter Wiener geht nicht unter“, in der Edmund Sackbauer als leidenschaftlicher Gewichtheber auftrat).

Die 13-jährige Alina ist eine Nachwuchshoffnung des Gewichtheberverbands.
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Die 13-jährige Alina ist eine Nachwuchshoffnung des Gewichtheberverbands.
Die 13-jährige Alina ist eine Nachwuchshoffnung des Gewichtheberverbands. – Akos Burg

Bühne für 150 Kilogramm

Der Ball selbst ist schon eine Legende. Vor „Alles Walzer“ heißt es „Kraft frei“. Zu Beginn, als eine Art alternative Polonaise, gibt es einen Bewerb im Gewichtheben. Acht Frauen messen sich eine Stunde lang in verschiedenen Gewichtsklassen. Früher einmal waren es Männer, doch seit vor ein paar Jahren ein Statiker die Bühne für maximal 150 Kilogramm freigab, ist es ein reiner Frauenwettkampf.

Bevor der Ball, der seit 20 Jahren stattfindet, so schick wurde, dass sich hier jedes Jahr sogar eine Gruppe von Forum-Alpbach-Teilnehmern trifft, war er eine exklusive Mitgliederveranstaltung. „Heute kennst ja kaum noch jemanden“, klagt ein älterer Herr.

Das sei gar nicht so schlecht für den Sport, meint dagegen Gerhard Peya, Präsident des Gewichtheberverbands. „Damit kommt das Gewichtheben über unseren internen Kreis hinaus.“ Denn einen leichten Stand hat der Sport nicht. Man leidet natürlich unter dem Image, dass es in erster Linie ältere Herren mit dicken Bäuchen sind, die zwischen zwei Bier schnell eine Hantel in die Höhe reißen.

Zudem fehlt es dem Verband an Trainingsmöglichkeiten für interessierte Anfänger, gerade in Wien. Auf dem Land sei es noch etwas besser, weil teilweise die Gemeinden die Freizeit-Gewichtheber unterstützen würden. „Aber sonderlich leicht haben wir es nicht“, sagt Peya. 53 Vereine gibt es in ganz Österreich, man zählt – gut geschätzt und aufgerundet – etwa 500 aktive Mitglieder. Nur zum Vergleich: Beim österreichischen Fußballbund sind knapp 600.000 Mitglieder registriert.


Die Zukunft auf der Bühne

An diesem Abend steht die Zukunft auf der Bühne des Schutzhauses in Wiens 15. Bezirk. Alina gehört mit ihren gerade einmal 13 Jahren zu den großen Talenten. „Du schaffst das“, schreit einer im dunklen Anzug, als die Schülerin zu der Hantel greift, auf der links und rechts je 25 Kilogramm hängen.

Es gibt zwei Disziplinen beim Gewichtheben: das Reißen und das Stoßen. Einst maßen sich die Teilnehmer auch noch im Drücken (eine Unterart des Stoßens), aber das verlängerte die Wettbewerbe auf drei bis vier Stunden – „und das hält ja niemand aus“, sagt sogar Peya.

Beim Reißen geht es darum, die Hantel in einer einzigen Bewegung vom Boden zur Hochstrecke mit ausgestreckten Armen zu bringen. Das ist schwierig, deswegen liegen die gerissenen Gewichte weit unter den gestoßenen. Beim Stoßen kann der Athlet nämlich noch eine „Pause“ machen. Zuerst geht die Hantel bis auf die Schultern, erst dann wird sie mit einem Stoß über den Kopf gehoben.

Eine kleine Renaissance erlebt das Gewichtheben derzeit dank des Booms von Crossfit, einer Sportart, bei der Sprinten, Eigengewichtsübungen, Turnen und Gewichtheben kombiniert werden. Nicht nur Hobbysportler, sondern auch Sport- und Fitnesslehrer kämen jetzt wieder zum Verband, um sich beraten zu lassen.

„Gültig“, sagt die Schiedsrichterin und deutet mit der Hand nach unten. Mit den 50 gestoßenen Kilogramm hat Alina eben einen neuen Rekord aufgestellt. Sie selbst wiegt lediglich 38 Kilogramm. Seit zwei Jahren hebt die Schülerin der Sportmittelschule Tulln Gewichte. Es mache ihr, sagt sie, „richtig Spaß“. Und es sei eine Herausforderung, sich an immer schwereren Gewichten zu versuchen.

„Sie ist eine mögliche Teilnehmerin bei den Olympischen Spielen 2024“, sagt Gerhard Peya. Die Trainer hätten ein G'spür dafür, die Hürde sei jetzt noch die Schule. „So viel Zeit bleibt den Kindern heute für den Sport nicht mehr.“ Zwei, drei Mal die Woche muss mindestens trainiert werden, wenn man vorn dabei sein will.

Einmal hatte Österreich übrigens einen Olympia-Sieger – zumindest fast. Der gebürtige Wiener Matthias Steiner war nicht nur Europameister, sondern gewann 2008 auch Olympisches Gold in Peking – allerdings für Deutschland. Steiner hatte einerseits wegen seiner deutschen Frau, aber vor allem wegen eines Streits mit dem österreichischen Gewichtheberverband die Staatsbürgerschaft gewechselt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2017)

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