Auf den ersten Blick tut Kate Moss auf den Fotos für ihre neue Modestrecke schlicht, was sie am besten kann: mit einem Blick, einer Geste, einem scheinbar zufällig arrangierten Detail gerade soviel aus dem Leben einer lasziv-kühlen, immer dezent verbraucht aussehenden Ikone zu erzählen, um Neugierde zu wecken – aber niemals genug, um den Blick auf die echte Moss freizugeben.
Auf den gerade veröffentlichten Fotos, die das Topmodel in der von ihr für den Modekonzern Topshop entworfenen Weihnachtskollektion zeigen, sieht das nach einer Frau aus, die am Ende einer Partynacht die Geschehnisse noch einmal vor ihrem inneren Auge Revue passieren lässt: Konzentrierter Sex-Appeal und ein Hauch von Abwesenheit prägen das Bild – soweit also alles beim Alten. Was tatsächlich verwundert, lässt sich schnell an zwei Punkten der Moss'schen Physis festmachen: erstens Brüste, zweitens Oberschenkel.
„Wie ein Wunder“
Da quillt weibliches Oberweitenmaterial zwischen geradezu gefährlich gespannten Paillettenstoffteilen hervor, wo früher nur die kindhafte Leere des von Moss mitgeprägten „Heroin Chic“ der 90er prangte. Gleichzeitig lassen sich unter der Netzstrumpfhose tatsächlich Schenkel mit Beinfleisch vermuten. Können es sich die vormals eher hungrig-schönen Protagonistinnen der Fashionszene plötzlich leisten, ihre Teller (zumindest halb) anzufüllen? Die Antwort verlangt nach zeitlicher Dehnung: Sie können es nicht – zumindest noch nicht.
Denn obwohl Kate Moss' Kommentare zu ihrer neuen Fülle weniger von Antimagersuchtidealismus als eher von mangelnder Kreativität im Umgang mit Modejournalisten zeugen (die Brüste seien ihr „wie ein Wunder plötzlich“ gewachsen, genau) – wenn die ehemalige Dürrheit in Person Kurven zur Schau stellt, kann das weit mehr, als nur Mode zu bewerben.
Neuer Trend?
Vor allem, weil Moss' neuer Look nur die Spitze eines Eisbergs darstellt, der schon das ganze letzte Quartal durch das Fahrwasser der Modeszene an die Oberfläche durchschimmerte: Den Anfang macht Alexandra Shulman, Chefredakteurin der britischen „Vogue“, mit ihrem Brief an Designer wie Chanel, Dior oder Versace, in dem sie sich über zu klein geschnittene Exemplare und daher zwanghaft dünne Models erzürnte.
Karl Lagerfeld reagierte prompt und (in Erinnerung an seine einst selbst mühsam verlorenen Fettringe) etwas empfindlich – und vergaß auch gleich, dass die Kritik von der durchaus schlanken Frau Shulman stammte: Jene, die Modelmaße kritisierten, seien „dicke Muttis, die zu Hause mit der Chipstüte vor dem Fernseher sitzen“, die Debatte sei „absurd“.
Als weniger absurd beurteilte die Chefin einer bodenständigeren Modeinstanz die Sache: Anfang Oktober ließ „Brigitte“-Chefredakteurin Huber (ja, sie heißt mit Vornamen Brigitte) mit der Entscheidung aufhorchen, ab 2010 nur noch mit normalgewichtigen Laienmodels zu arbeiten. Ein gewagter Schritt für ein Magazin, das auch auf Probeexemplare teurer Designerware angewiesen ist – aber ein mutiger. Langsam, aber doch forcieren auch große Modehäuser den Trend.
Nur Strohfeuer?
So ist es kein Zufall, dass Chanel ausgerechnet die schlanke, aber keineswegs dürre Sängerin Lily Allen zum Star einer Taschenkampagne macht (war Lagerfeld auf Urlaub?). Auch das Septemberfoto der eher üppigen Lizzie Miller im US-Magazin „Glamour“ und der Auftritt des „Plus Size Models“ Laura Catterall bei der Londoner Fashion Week passen ins Bild. Eine Revolution scheint möglich – wenngleich manche die Debatte nach wie vor nicht ernst nehmen: Schuhdesigner Christian Louboutin, dem die zweifelhafte Ehre des neuen Barbie-Designers zuteil wird, kritisiert etwa die Fußgeometrie der Puppe: Sie habe „fette Knöchel“. Arme dicke Barbie.
■Kate Moss, 1974 in London geboren, gilt als die Ikone des „Heroin Chic“ und ist eine der schillerndsten Figuren im Modelbusiness. Einst nur 43 Kilo schwer, sorgt sie nun mit neuem Aussehen für Aufsehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2009)

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