Schafbergbad und Priesterseminar: Wie ein Wiener Video viral ging

Für ihr Video „Les Pauli“ haben BartolomeyBittmann an 281 Orten in Wien gespielt – und damit in zwei Wochen mehr als eine Million Menschen erreicht.

Im Stadtpark, in der Spanischen Hofreitschule und im Kran: Mehr als ein Jahr lang haben Klemens Bittmann (Geige) und Matthias Bartolomey (am Cello) in ganz Wien gedreht. Auf Facebook wurde das Video weltweit mehr als eine Million Mal aufgerufen.
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Im Stadtpark, in der Spanischen Hofreitschule und im Kran: Mehr als ein Jahr lang haben Klemens Bittmann (Geige) und Matthias Bartolomey (am Cello) in ganz Wien gedreht. Auf Facebook wurde das Video weltweit mehr als eine Million Mal aufgerufen.
Im Stadtpark, in der Spanischen Hofreitschule und im Kran: Mehr als ein Jahr lang haben Klemens Bittmann (Geige) und Matthias Bartolomey (am Cello) in ganz Wien gedreht. Auf Facebook wurde das Video weltweit mehr als eine Million Mal aufgerufen. – (c) Max Parovsky

Es war am Freitag vor drei Wochen, BartolomeyBittmann waren gerade in Innsbruck vor einem Auftritt beim Soundcheck. Um drei Minuten nach drei ging Matthias Bartolomey auf Facebook und klickte auf „posten“. Während sein Kollege Klemens Bittmann weiterprobte, schielte Bartolomey immer wieder aufs Handy, ein Freund schickte laufend SMS, jedes Mal, wenn ihr Stück „Les Pauli“ eine weitere Schallmauer durchbrach. Vier Stunden, nachdem das Video online gegangen war, hatten es 300.000 Menschen gesehen. Zwei Wochen später waren es eine Million.

Eine ziemlich bemerkenswerte Zahl für einen Cellisten und einen Geiger. Dabei, versichern die beiden Musiker, hätten sie nicht bewusst auf einen viralen Hit geschielt. Schon aber ein richtig schönes Video machen wollen, und eine Hommage an Wien. „Man müsste uns viel Geld zahlen, damit wir das Gleiche für Tokio oder New York machen“, sagt Bittmann, so viel Arbeit sei es gewesen.

In dem schnell geschnittenen Clip spielen die beiden einfach ihr Stück – auf der Stadtbibliothek und beim Geigenbauer, in Schönbrunn und auf der Baustelle, auf einer Verkehrsinsel der 2er-Linie und in der 49er-Straßenbahn, am Donaukanal und bei der Liliputbahn, im Haus des Meeres und vor dem WC auf dem Zentralfriedhof, in der Neustiftgasse und auf der Nordbrücke, im Museumsquartier und in der Lugner City, im Schafbergbad, im Priesterseminar, im Volks- und im Weingarten, auf der Trabrennbahn und im Musikverein, im Bundeskanzleramt, im Rhiz und in der Garage X, im Böhmischen Prater, auf Balkonen, in Wohnzimmern und in den Katakomben des Stephansdoms. Ein visuelles Such- oder Erkennungsspiel, das von Europa nach Amerika schwappte, dann nach Asien und in den arabischen Raum.

Insgesamt 281 verschiedene Wiener Miniaturszenen hat das Duo dafür zwischen September 2015 und November 2016 gedreht. Möglich gemacht hat es der Fotograf und Videokünstler Max Parovsky, „er war“, sagt Bittmann, „genauso begeistert dabei wie wir“. Parovsky und Bartolomey haben als Wiener auch die „kultigsten Orte“ auf die Liste gesetzt, „ich als Grazer“, sagt Bittmann, „habe dabei Wien endlich einmal richtig kennengelernt“.

 

Neue Musik für alte Instrumente

Apropos kennenlernen. Zusammengeführt hat das Duo vor fünf Jahren ein Popprojekt, Bittmann schrieb damals die Arrangements. „Wir haben uns sofort gut verstanden“, sagt Cellist Bartolomey, „ich habe ihn gefragt, ob wir uns einmal zu zweit treffen wollen und jammen. Wir waren genau richtig gepolt und haben uns zur richtigen Zeit getroffen.“ Bartolomey war damals gerade mit dem Studium fertig und im Bemerken, dass er nicht in die Orchesterwelt wollte, als Erster in seiner Familie (sein Urgroßvater spielte bei den Wiener Philharmonikern Klarinette, sein Großvater Geige, sein Vater war Cellist). Auch Bittmann war auf der Suche nach „einem Projekt, bei dem man sich dedicaten kann“, dem man sich bei vollem Risiko widmet. Die Idee ging schnell auf. Er höre „gespannt, überrascht und begeistert zu“, erklärte etwa Nikolaus Harnoncourt, bei dem Bartolomey im Concentus Musicus gespielt hatte, und lobte: „Super komponiert und fabelhaft gespielt.“ Zwei Alben hat das Duo mit seiner virtuosen, schwer kategorisierbaren Mischung aus Klassik und Jazz, Rock und Pop bisher herausgebracht, am dritten wird gerade geschrieben.

Der Titel des energetischen Stücks „Les Pauli“ ist dabei eine Wortspielerei, die nicht nur auf die berühmte E-Gitarre Bezug nimmt, sondern auch auf Bittmanns Geige: Sie wurde 1817 von Josephus Pauli in Linz gebaut. Bartolomeys David-Tecchler-Cello von 1727 ist die Leihgabe einer Wiener Familie, schon sein Vater hat darauf gespielt. „Wir wollten für unsere Instrumente, die aus einer ganz anderen Zeit stammen, neue Musik schreiben“, erklärt Bittmann die Philosophie. Beide nutzen ihre Instrumente auch für Percussion; er selbst hat sich außerdem von Markus Kirchmayr ein eigenes Instrument bauen lassen, das er Mandola nennt, auch wenn es keine ist, „eher eine Geige mit Gitarrenfunktion“.

Sehr gefragt sind inzwischen auch die Noten des Facebook-Hits. Die beiden Musiker teilen sie gern, auch wenn sie mitunter beim Niederschreiben ihrer Stücke an Grenzen stoßen. „Wie notiert man, dass man etwa einen Radiohead-Groove braucht?“

AUF EINEN BLICK

BartolomeyBittmann „progressive strings vienna“ sind der Wiener Cellist Matthias Bartolomey (Jahrgang 1985) und der 1977 in Graz geborene Geiger Klemens Bittmann. Seit fünf Jahren spielen sie als Duo, mit Schauspielerin Ursula Strauss haben sie die Programme „Marlene“ und „Alles Liebe“ entwickelt. 2013 erschien das Album „Meridian“, 2015 „Neubau“. Video: www.bartolomeybittmann.at/videos

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2017)

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