Das jährliche Stelldichein mit der Presse nach der königlichen Jagd am Halle-Hunneberg ist bei Schwedens Journalisten sehr beliebt. Selten erlebt man König Carl Gustaf so locker und aufgeräumt, wie wenn er berauscht von der Beute und ein paar Schnäpschen über das Jagdglück und andere Fragen philosophiert. Diesmal war das anders, was nicht nur am mageren Abschuss von nur zwei Elchen lag. Viermal so viele Medienleute wie sonst waren nach Trollhättan gereist, und nervös stand Carl Gustaf vor der Meute, die ihre Mikrofone wie Gewehre auf den Monarchen richtete. Er hatte eine Erklärung zu einem Skandalbuch versprochen, dessen Enthüllungen in Schweden seit Tagen die Boulevardpresse füllen, doch als er nach einem gestotterten Statement den Fragern den Rücken kehrte, waren diese so schlau wie zuvor.
"Der widerwillige Monarch" hatten der auf entschleiernde Biografien spezialisierte Autor Thomas Sjöberg und zwei Mitskribentinnen ihre "ungeschminkte" Schilderung von Carl XVI. Gustaf betitelt, und höchst widerwillig hat dieser die Intimitäten aufgenommen. Es sei schwierig für ihn, ein Buch zu rezensieren, das er nicht gelesen habe, sagte er, aber die Überschriften in der Presse seien "nicht gar so nett" gewesen. Da war von angeblichen Besuchen des Königs in Stripclubs in Atlanta und Bratislava zu lesen, von einer monatelangen Beziehung zu einer auch international bekannten Popsängerin, von ausschweifenden Gelagen mit guten Kumpels in einem von einem serbischen Gangster betriebenen illegalen Klub, mit Whirlpool und reichlich jungen Damen zur Vergnügung, und dass die Sicherheitspolizei dann in deren Wohnungen eindrang, um nach kompromittierenden Bildern zu suchen. Alles auf teils anonymen, teils zwielichtigen Quellen basierend.
König verwirrt noch mehr statt zu klären
Und der König? Stellt sich vor die Mikrofone wie ein verlegener Schuljunge und bestätigt und bestreitet nichts. "Krisenmanagement wie im Kindergarten" warfen die schwedischen Medien am Freitag dem Hof vor, "er hat statt Klarheit noch mehr Verwirrung gestiftet", meint der PR-Experte Niclas Lövkvist. Er hätte schweigen sollen, meinen die Fachleute. Ein König solle sich nicht auf eine Polemik mit Skandalautoren einlassen. Oder aber Klartext reden: Dementi, Verleumdungsklage. Dann freilich hätte er riskiert, dass der Verlag mit Zeug(inn)en auffährt, drei der im Buch namentlich nicht benannten Damen wären dazu angeblich bereit gewesen. Nun erklärt Hofsprecherin Nina Eldh, dass man die Sache nicht weiter verfolgen werde. "Der König hat das seine gesagt."
Viel war das nicht: Dass er die "Überschriften natürlich mit der Familie und der Königin" erörtert habe. Dass das Geschriebene von weit zurückliegenden Affären handle. "Jetzt wenden wir das Blatt und gehen weiter im Leben." Was heißt das, rätseln jetzt die Kommentatoren: Dass alles stimmt, was in dem Buch steht - obwohl die loyalen Freunde des Königs, die angeblich mit ihm feierten, alles als "Lüge, Lüge, Lüge" klassifiziert haben? Oder zumindest so viel davon, dass sich Carl Gustaf nicht auf eine Diskussion einlassen will, wo der Klatsch endet und die Verleumdung beginnt? Als die Reporter nach dem "Wahrheitsgehalt" des Buchs fragen wollten, machte der König kehrt und ließ sie im Wald stehen. Jetzt reist er nach China, wo er keine naseweisen Fragesteller zu befürchten hat.
Mehr Verkäufe als bei Victorias Hochzeitsbuch
Dass die Sache damit ausdebattiert ist, glaubt in Schweden allerdings niemand, und sie kann weitreichende Folgen bekommen. "Jetzt sehen viele aus dem Umkreis des Hofs die Chance, mit Indiskretionen Geld zu verdienen", ahnt der Verleger Pelle Andersson. Um das Privatleben Prominenter gab es in Schweden, anders als im angelsächsischen Raum, bisher noch einen, wenn auch längst bröckeligen Schutzwall. Gerüchte gab es auch um Carl Gustaf viele, geschrieben wurde wenig. Jetzt werden die Grenzen neu definiert, auch in der seriösen Presse. "Schreibt man nicht darüber, wird das als Versuch gesehen, wichtige Informationen zu verheimlichen. Schreibt man, wird man beschuldigt, Gerüchten und Klatsch Vorschub zu geben", beschreibt die liberale Zeitung "Dagens Nyheter" das Dilemma.
Gewinner sind vorerst die Autoren und ihr Verlag. Die Erstauflage von 20.000 Exemplaren ist fast vergriffen, eine zweite im Druck. Allein der Internetbuchhandel Adlibris verkaufte am ersten Tag des Erscheinens 2000 Stück des 350 Seiten dicken Buchs. Zum Vergleich: Von Kronprinzessin Victorias Hochzeitsband setzte man in fünf Monaten 1500 Exemplare ab. "Wenn das schwedische Volk das Buch liest, wird sich ihr Bild der Monarchie ändern", meint Herausgeber Kristoffer Lind. Da sind sich Staatsrechtsexperten nicht so sicher. "Das hier handelt von Personen und ist keine Herausforderung der Institution", sagt die Politologin Cecilia Åse. Und auch wenn das Image der Königsfamilie nun getrübt ist, bedarf es wohl nur eines Babys der Kronprinzessin, um die Stimmung wieder kippen zu lassen.

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