Erste-Hilfe-Kurs: Beatmen Sie bitte den Kampfhund!

29.01.2011 | 18:14 |  von ERICH KOCINA (Die Presse)

Einem Staffordshire-Terrier einen Kopfverband anzulegen und einen Hund nach einem epileptischen Anfall optimal zu versorgen. Dinge, die man bei einem Erste-Hilfe-Kurs für Haustiere lernt.

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Ein bisschen befremdlich ist der Gedanke ja schon, einem Staffordshire-Terrier Luft in die Nase zu blasen. Auch wenn Spike ein ruhiger und freundlicher Zeitgenosse ist und der Begriff „Kampfhund“, von dem bei seiner Rasse ja gern die Rede ist, vor allem jenen zweifelhaften Besitzern zu verdanken ist, die ihre Hunde scharf machen. Und doch ist Erleichterung zu spüren, wenn Elisa Gamperl erzählt, dass die Mund-zu-Nase-Beatmung nur an Stofftieren geübt werden wird. Aber vorher, erklärt die Tierärztin, steht sowieso noch der Theorieteil an.

„Erste Hilfe für Haustiere“: Diesen Titel trägt die Veranstaltung, bei der sich 16 Interessierte in der Aula der Volksschule Parndorf eingefunden haben. Und der vielen ein Aha-Erlebnis beschert – denn was bei Menschen in unzähligen Kursen erlernt werden kann, wirkt bei Tieren doch etwas, sagen wir, exotisch. Schließlich ruft man üblicherweise den Tierarzt, wenn ein Haustier eine gröbere Verletzung hat oder ernste Krankheitssymptome zeigt.


Den Tierarzt nicht wecken. „Genau da setzen wir an“, erzählt Gamperl. Denn allzu oft werden Tierärzte des Nachts aus dem Schlaf geholt, obwohl es eigentlich nichts Ernstes ist. Und umgekehrt würden manche aus lauter Rücksicht nicht um Hilfe rufen, obwohl das Tier ernsthaft gefährdet ist. „Wir wollen, dass die Tierbesitzer einzuschätzen lernen, wann es ernst ist und wann nicht.“ Und natürlich, wie man im Notfall helfen kann. Dabei gilt als oberste Maxime: Ruhe bewahren.

Was gar nicht so leicht ist, schließlich ist man, wenn das eigene Haustier eine Verletzung hat oder sich in Krämpfen windet, in einer Ausnahmesituation. Das Tier allerdings auch – und so kann ein Schmusehund plötzlich wild um sich beißen. „Daher muss man auf Selbstschutz achten.“ Dazu gehört etwa, einem verletzten Tier nie von hinten auf den Kopf zu greifen. „Nähern Sie sich von vorne und sprechen sie es ruhig an.“

Zur Sicherheit sollte man dem Tier auch eine Maulschlinge anlegen. Ein kleiner Trick, der auch praktisch geübt wird – und den Spike mit stoischer Ruhe über sich ergehen lässt. Kampfhund? Von wegen. Ohne zu zucken, lässt er sich die mit einem lockeren Knoten vorbereitete Schnur über die Schnauze ziehen, festzurren und hinten am Hals zuknoten.

Das funktioniert bei Hunden. „Auch bei Möpsen mit ihrer flachen Schnauze“, erzählt die Tierärztin. Bei Katzen dagegen eher nicht. Da empfiehlt es sich, das Tier nur mit einem Handtuch oder einer Decke anzufassen, denn auch ein Hieb mit der Pfote kann wehtun. Apropos Anlegen: Tieren kann man auch Verbände anlegen. Und wieder muss Spike zum Üben herhalten. Geduldig sitzt er da, während Sonja Redl, die zweite Tierärztin im Kurs, einen Kopfverband vorzeigt. Ohrenverletzungen können stark bluten – in so einem Fall das Ohr mit einem Tupfer bedecken, den Kopf mit Watte umwickeln und danach mit einer Mullbinde fixieren. „Das zweite Ohr sollte man freilassen, das ist für den Hund angenehmer“, erklärt Redl. Spike lässt das ebenfalls über sich ergehen, so wie auch das Verbinden der Beine und Pfoten.


Epileptische Anfälle. Andere Lektionen lassen sich nicht derart anschaulich üben. Zum Glück, denn ein Tier bei einem epileptischen Anfall zu beobachten, ist nicht besonders angenehm. Ein Hund schüttelt sich eine Minute lang in einem Krampf, springt auf, heult laut auf und läuft gegen eine Wand. Im Kurs ist es nur ein Film, der zeigen soll, wie ein solcher Anfall abläuft. Gamperl verrät die richtige Reaktion: ruhig bleiben, Abstand zum Tier halten. Und sind Kinder oder andere Tiere im Haus, sollte man sie in ein anderes Zimmer bringen – sie würden noch mehr Unruhe in die Situation bringen.

Hitzschlag, Unterkühlung, Unterzuckerung, Stromschlag – man käme gar nicht auf die Idee, welche Notfälle eintreten können. Vielleicht abgesehen von Vergiftungen. Aber hier überraschen die Vortragenden vor allem damit, welche Stoffe für Haustiere gefährlich sein können. Weintrauben, Rosinen, Zwiebel oder Knoblauch zählen zu den Gefahrenquellen. Und wer glaubt, seinem Hund mit Süßigkeiten etwas Gutes zu tun, irrt: „Einen 15 Kilo schweren Hund“, sagt Gamperl, „kann man mit 100 Gramm Kochschokolade umbringen.“ In diesem Fall gilt es, so schnell wie möglich zum Tierarzt zu fahren. Nur ja keine Zeit verlieren.

Am Ende steht Wiederbelebung an. Atemwege frei machen, Zunge raus, Herzmassage durchführen – mit zwei Fingern bei kleinen Tieren, mit den Händen bei großen. Zwischendurch dafür sorgen, dass das Tier Luft in die Lunge bekommt. In diesem Fall heißt das: mit dem Mund Luft in die Nase blasen. Spike und der Berner Sennenhund Lina haben zu diesem Zeitpunkt längst Pause, laufen durch die Aula. Und auch, wenn man sich freut, nicht einen Staffordshire-Terrier beatmen zu müssen – ein wenig befremdlich ist es schon, einem Stoffhund Luft in die Nase zu blasen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2011)

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