Als „Fünf Freunde“, frei nach Enid Blyton, wollten sie die Welt wiedererobern, aber die raue Wirklichkeit des Musikgeschäfts ist offenbar kein Kinderspiel. Noch vor Beginn der Welttournee von Take That im Mai schießt Gary Barlow, der Frontman der wiedervereinigten Popgruppe, scharf gegen den heimgekehrten Sohn Robbie Williams: „Ich sehe unsere Zukunft weiterhin als ein Quartett. Seit wir 2005 wieder zusammengekommen sind, haben wir bewiesen, dass wir es auch zu viert können.“
Take That war die erfolgreichste britische „Boyband“ der 1990er-Jahre gewesen. Nach dem Ausscheiden ihres exzentrischen Stars Robbie Williams 1995 zerbrach die Gruppe aber. Während Williams zu einer beispiellosen Solokarriere ansetzte, versanken die übrigen Bandmitglieder in der Vergessenheit. Sein weltweiter Erfolg bekam Robbie Williams aber nur finanziell gut: Die Plattenfirma EMI zahlte ihm 2002 für einen Vertrag für drei Alben 80 Millionen Pfund.
Doch alle drei Platten wurden Enttäuschungen. Die Fans goutierten Williams' Versuche nicht, sein musikalisches Repertoire zu erweitern. Von Robbie Williams will die ganze Welt Lieder wie „Angels“ oder „Feel“ hören und in seliger Ekstase unter Hunderttausenden mitgrölen dürfen. Williams, der immer schon mit Suchtproblemen zu kämpfen hatte, stürzte böse ab und entzog sich mit Medikamenten, Alkohol und manch anderen Substanzen der Erwartungshaltung seiner Fans.
Wie groß die Entzugserscheinungen waren, zeigte sich nach der Wiedervereinigung der vier Stammmitglieder von Take That – ohne Robbie Williams. Nicht nur eilten sie von einem ausverkauften Konzert zum nächsten, von den beiden Platten „Beautiful World“ (2006) und „Circus“ (2008) verkauften sie 40 Millionen Stück. Als im Oktober Robbie Williams dann seine Rückkehr zu Take That verkündete, hatte das immer ein wenig den Beigeschmack eines eingestandenen Scheiterns.
Natürlich konnte man sich damals in gegenseitigem Lob und Hudel kaum genug tun. „Es ist, als würde ich nach Hause zurückkehren“, sagte der verlorene Sohn Williams. Und Barlow erwiderte: „Es ist fantastisch, dass Robbie wieder dabei ist, ein Traum.“ Doch hinter den Kulissen dürfte es einen offenen Kampf der Egos geben, bei dem sich die vier Stammmitglieder gegen Williams zu stellen scheinen: Er war weder beim gemeinsamen Weihnachtsurlaub dabei noch bei Gary Barlows 40.Geburtstag vor Kurzem in London. Stattdessen sandte er eine Videogrußbotschaft aus LA – nackt und mit einem Hündchen unter dem Arm. Augenzeugen bezeichneten seinen Auftritt als „bizarr“.
Genug Stoff für weitere Verarbeitung bietet Robbie Williams' Leben jedenfalls genug. Wie die Zeitung „The Sun“ berichtet, soll seine Geschichte zu einem Musical verarbeitet werden. Angeblich habe der Sänger die Verwendung seiner Solo-Hits für die Show im Old-Vic-Theater im Londoner West End bereits genehmigt. Ob das seine Bandkollegen freut?
Manche Beobachter meinen, Williams habe ohnehin schon wieder die Lust an Take That verloren. Andere sehen den Versuch der übrigen Band, sich nicht noch einmal von ihm dominieren zu lassen. „Wir sind jetzt wieder mit Robbie zusammen“, betonte Barlow, mit Betonung auf „jetzt“. Buchmacher bieten bereits Wetten an, dass Williams noch vor der Tournee aussteigen wird. Sie startet am 27.Mai in Sunderland, innerhalb von zwei Tagen war sie mit mehr als einer Million verkaufter Tickets ausverkauft. Das Begleitalbum „Progress“ – mit Robbie Williams – war 2010 die bestverkaufte Platte Großbritanniens.
Während die Fans bangen, wagt die Wissenschaft einen tieferen Blick. Zeitgleich mit den Take-That-Konzerten im Juni in Manchester bietet die Universität der nordenglischen Metropole ein zweitägiges Seminar zum Thema „Making Things Whole Again: The Take That Reunion” an. Möglicherweise war das etwas voreilig.
Take That wurde 1990 als britische „Boyband“ gegründet. 1995 verließ Robbie Williams die Band, im Jahr darauf gaben Take That ihre Trennung bekannt. 2005 fanden Gary Barlow, Mark Owen, Jason Orange und Howard Donald wieder zusammen. 2010 kehrte auch Robbie Williams zurück.
Am 12.Februar sind Take That bei „Wetten, dass...?“ zu Gast. Dort hätten sie schon im Dezember auftreten sollen, der Unfall des Wettkandidaten Samuel Koch war aber dazwischengekommen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2011)
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