Spaemann: "Denk an deine Frau, fahr vorsichtig!"

Der deutsche Philosoph hat Richtungsweisendes zur Ethik geschrieben. Im Interview spricht er über die heikle Rechtfertigung staatlicher Gewalt gegen den Terror.

Spaemann Denk deine Frau
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Was macht eigentlich ein Philosoph, wenn er gerade nicht denkt?

Robert Spaemann: Diese Frage erinnert mich an eine hübsche Geschichte von Ernst Bloch. Es war in den Zwanzigerjahren, in der Zeit der Weltwirtschaftskrise. Damals herrschte in Deutschland eine Hyperinflation. Bloch saß in einem Kaffeehaus und fand es furchtbar, dass der Kaffee am Morgen doppelt so viel kostete wie am Abend zuvor. Der Kellner antwortete: „Herr Professor, Philosoph sein, nicht denken!“ Sie sehen: Im Volksmund wird Philosophie mit Stoizismus gleichgesetzt.

 

Sie selbst scheuen die öffentliche Debatte nicht, Sie haben sich zum Beispiel gegen die Atomkraft und für den Schutz des ungeborenen Lebens eingesetzt. Was sagen Sie zur Liquidierung des Terrorpaten Osama bin Laden durch ein Spezialkommando der USA. Soll man sich darüber freuen?

Ich empfinde eine gewisse Erleichterung, dass ein sehr gefährlicher Feind unschädlich gemacht wurde. Aber Freude über einen Tod – das geht im Grunde gar nicht. Freude ist ein so positives Gefühl, so eng mit dem Guten und dem Leben verbunden – da kann der Tod kein Gegenstand sein.

 

Wie kann man die Aktion also bewerten?

Es ist die Tötung innerhalb eines feindlichen Verhältnisses. Wenn man sagt, es ist Krieg, dann wäre die Aktion problematisch, denn da brauchte man ein Kriegsziel. Es ist unsinnig zu sagen, dass man Krieg gegen den Terrorismus führt. Terrorismus ist keine Institution, die irgendwann besiegt wird, sondern ein Phänomen, das in verschiedenen Zivilisationen auftaucht und das man bekämpfen muss wie in der Verfolgung von Kriminellen. Im Zuge einer solchen Verfolgung kann man die Aktion moralisch rechtfertigen, weil man den Kriminellen unschädlich machen muss. Das heißt aber nicht immer, dass man tötet. Bin Laden, sagt man, sei nicht bewaffnet gewesen. Wenn das US-Kommando die Parole „lieber tot als lebendig“ mitbekommen hätte, dann wäre das ein unzulässiger Befehl – den man freilich verstehen kann: Die USA wollten vermeiden, dass es einen großen Prozess und eine Plattform für Bin Laden gebe. Aber ein Rechtsstaat kann so nicht handeln.


Ein Rechtsstaat muss sich verteidigen können. Wo liegen da die Grenzen?

Es ist zum Beispiel nicht angemessen, eine gegnerische Stadt auszulöschen, wenn eine eigene von einer Atombombe ausgelöscht wurde. Das wäre nur Rache, der unschuldige Menschen zum Opfer fallen. Im Zweiten Weltkrieg kündigten die Deutschen an, Städte auszuradieren. Dagegen hat sich in einer Predigt der Bischof von Münster, Graf Galen, gewandt. Er war ein Patriot, aber gegen Rache. Die sei eines christlichen Soldaten unwürdig. Keine deutsche Mutter würde getröstet, wenn auch eine englische um ihr Kind trauere, das von einer Bombe getötet worden sei. Wenn aber ein Gegner keinerlei Hemmung hat, wird es schwierig. Dann muss man die Niederlage akzeptieren. Selbst Franz Josef Strauß sagte einmal, dass er vor einem drohenden Atomangriff sofort kapituliert hätte, dass er das aber nie laut gesagt hätte.

Vor einigen Tagen ist der 2005 verstorbene Papst Johannes Paul II. im Eilverfahren seliggesprochen worden. Hat Sie das gefreut?

Ja. Aber mit dem Tempo war ich nicht so ganz zufrieden. Zehn Jahre später wäre mir lieber gewesen.

 

Was macht für Sie seine Person aus?

Der Mann hatte eine ganz ungewöhnliche Ausstrahlung. Er war eine merkwürdige Verbindung von mystischer Frömmigkeit und einem hervorragenden politischen Instinkt. Mich persönlich haben seine Reden beeindruckt, aber wenn ich sie nachgelesen habe, konnte ich nicht so viel damit anfangen. Das gilt auch für seine Enzykliken. Er war sehr wortreich, aber bei der Frage, was er mir eigentlich sagen wollte, kam ich schon in Schwierigkeiten, ganz anders als beim jetzigen Papst BenediktXVI. Da kann ich jeden Satz nachvollziehen. Imponiert hat mir bei Johannes PaulII. die gesamte Persönlichkeit, sogar die öffentliche Zelebrierung seines Todes. Er war ein Schauspieler, der das spielte, was er wirklich war. Er hat sich selbst darstellen können.

Was macht für Sie an sich eine Person aus?

Das ist ein Lebewesen, das zu sich ein Selbstverhältnis hat, das von sich selbst weiß, das sich zu seinem Tun in Distanz bringen kann. Ich habe einmal einen Aufkleber auf einem Lastwagen gesehen: „Denk an deine Frau, fahr vorsichtig!“ Das ist für mich das Spezifische der Person. Dass ein Wesen an seiner Frau hängt, gibt es auch außerhalb des Menschseins. Aber dieser Aufkleber appelliert daran, dass meine Frau nicht nur Teil meiner Welt ist, sondern ich auch Teil ihrer Welt. Wenn ich sterbe, verliert sie etwas. Zu diesem Gedanken sind nur Personen fähig. Ich bin der andere des anderen. Darauf beruht menschliche Kommunikation, wenn sie authentisch ist. Ich vertrete zudem die These, dass zu den Personen auch Menschen gehören, die diese Eigenschaften nicht haben, allein weil sie einer Spezies angehören, deren normale Erwachsene dazu fähig sind.


Der Ethiker Peter Singer differenziert anders. Er ist zum Beispiel dagegen, dass man Affen tötet, bei ungeborenen Menschen hingegen hat er damit weniger Probleme.

Für Singer muss man nur die Würde jener Wesen achten, die tatsächlich diese Eigenschaften besitzen. Für mich liegt viel daran, dass man nicht die Eigenschaften Personen nennt, sondern die Träger, selbst wenn das einzelne Individuum – etwa ein Neugeborenes oder ein Mensch mit Demenz – noch kein Selbstverhältnis oder keines mehr hat. Trotzdem rechnen wir sie zu den Wesen, denen wir den Charakter als Selbstzweck zuerkennen.

Um selig zu werden, braucht man theologische Tugenden und Kardinaltugenden. Welche sind Ihnen am wichtigsten?

Von den theologischen Tugenden hält schon Paulus die Liebe für die wichtigste. Diese Antwort wäre also geklärt.Von den Kardinaltugenden kann man keine der vier wegdenken. Wenn Sie das auf Johannes Paul II. beziehen – er hat natürlich auch Fehler gehabt, zum Beispiel, dass er Missbrauchsfälle in der Kirche nicht an die Öffentlichkeit dringen lassen wollte. Er hatte auch ein Vertrauensverhältnis zum Gründer der Legionäre Christi, einem unbeschreiblichen Bigamisten und Homosexuellen.

 

Wie kommt man dazu, Philosoph zu werden? Ist das Zufall oder Bestimmung?

Das hat sich bei mir während des Studiums entwickelt. Ich habe mit Psychologie angefangen, mit Theologie als Nebenfach, dazu gehörte auch Philosophie. Bei ihr bin ich hängengeblieben.

Welchen Fragen wollten Sie auf den Grund gehen. Womit hat das bei Ihnen begonnen?

Mit 14 hatte ich im Gymnasium einen Griechischlehrer, der hat mit uns platonische Dialoge gelesen. Er war ein Platoniker, er hat uns diesen Denker nahegebracht, erst leichtere Sachen wie die „Apologie“, dann auch „Phaidon“. Dass die Naziherrschaft eine Lüge war, war mir von Anfang an klar, aber zu wissen, warum sie falsch war, erforderte weiteres Nachdenken. Ein Buch von Theodor Haecker hat mir weitergeholfen: „Vergil, Vater des Abendlandes“. Über ihn bin ich zu Kierkegaard gekommen. Dann gab es kein Zurück mehr.

Sie haben bereits ein langes Gelehrtenleben. Was ist davon geblieben?

Bildung, sagt man, ist, was übrigbleibt, wenn man alles vergessen hat, was man gelesen hat. Das Gelesene formt den eigenen Geist. Ich hatte immer eine Sympathie für die Idee der „Philosophia perennis“ bei Leibniz: dass die großen philosophischen Einsichten über Zeiten und Kulturen erhalten bleiben. Die Weichen, die Platon gelegt hat, bestehen noch heute. Er ist für mich die Nummer eins. Auch von Hegel habe ich viel gelernt. Ich habe allerdings weniger gelesen, als man sollte. Sehr früh im Studium bin ich meinen eigenen Interessen nachgegangen. Ich bin Eklektiker. Wie Leibniz meine ich, dass ich nichts von dem, was ich gelesen habe, ganz falsch gefunden habe.

 

Welche Versäumnisse schmerzen Sie?

Dass ich nicht mehr ein Buch über Nähe und Ferne als ontologische Grundbegriffe schreiben kann, bedauere ich. Einen Aufsatz über Ähnlichkeit habe ich immerhin geschrieben. Aristoteles sagt, das sei ein schlüpfriges Gebiet. Es ist nicht Identität oder Verschiedenheit, auch nicht eine Mischung von beiden. Ich habe mich davon verabschieden müssen, dass Ähnlichkeit ein nicht reduzierbarer Grundbegriff sei, weil eben Nähe und Ferne viel grundlegender sind. Sie spielen nicht nur in der Mathematik, sondern auch in der Ethik eine Rolle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2011)

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