Seit 17 Jahren ruht Jacqueline Bouvier Kennedy Onassis, so die Grabinschrift, auf dem Heldenfriedhof Arlington nahe Washington. Über der marmornen Grabplatte flackert eine ewige Flamme – Jack (alias John F.) und Jackie sind die Untoten der US-Geschichte. In ihnen spiegelt sich die Größe und saloppe Unbeschwertheit wie das Leid und die Tragödie einer Nation wider. Darum können die Amerikaner nicht genug kriegen von der Heile-Welt-Familie im Weißen Haus, die der Kennedy-Clan in einer perfekten PR-Inszenierung den Amerikanern vorgegaukelt hat: eine Home-Story mit adretten Kindern und einem jungen Paar, die die Hoffnungen des Landes symbolisieren und den Aufbruch in eine neue Ära.
Als Jackie Kennedy nun posthum in einem TV-Special mit mädchenhaft kieksender Stimme über Gott und die Welt plauderte, über die kleinen und großen Eitelkeiten, im Vorfeld zusammengerührt zum scharfzüngigen Klatsch, da waren die Amerikaner schlagartig wieder in den Bann jener Polit-Sippe aus Boston mit ihren weitverzweigten Verästelungen gezogen.
Der Präsident mit nacktem Oberkörper beim Football-Spiel am Strand; die First Lady, bei der Angelobung gerade einmal 31 Jahre alt, ihren Mann anmutig anlächelnd; der kleine John-John im Oval Office herumkrabbelnd; und Schwester Caroline, die Neil Diamond zu seinem Hit „Sweet Caroline“ inspirierte, auf einem Pony reitend oder im Pool tollend: Das private Fotoalbum der First Family beschwört Reminiszenzen an eine Zeit herauf, in der die USA kulturell und gesellschaftlich den Ton angaben – und in der im Hintergrund der Kalte Krieg schwelte.
Der Titel First Lady, so sagt Jackie Kennedy, habe ihr nie behagt. Er habe die passionierte Reiterin zu sehr an ein Rennpferd erinnert. Die junge Frau aus dem Ostküstenadel, die sich nach dem Studium passenderweise als Society-Reporterin versuchte, wollte weder – wie Eleanor Roosevelt – politischen Einfluss nehmen noch sich mit der biederen Rolle ihrer Vorgängerin Mamie Eisenhower begnügen. Zwar gestand sie ein, sie wollte ihren Mann eine angenehme Atmosphäre schaffen – eine Aussage, die der aufkeimenden Emanzipationsbewegung der 1960er-Jahren Hohn spottet. Schnell avancierte sie indes mit ihren Pillbox-Hüten und den Kostümen ihres Leib-Couturiers Oleg Cassini zur Stilikone einer ganzen Generation. „Ich bin der Mann, der Jackie Kennedy nach Paris begleitet hat“, sollte John F. Kennedy bei einem Staatsbesuch in Frankreich sagen.
Als Innenarchitektin und Dekorateurin bei der Umgestaltung des Weißen Hauses stellte die Kunst- und Literaturkennerin, die fließend Französisch, Italienisch und Spanisch parlierte, ihr Geschick unter Beweis. „Ich war so glücklich, dass ich etwas vollbracht hatte, was Jack stolz machte“, vertraute sie in den Interviewsitzungen wenige Monate nach der Ermordung ihres Mannes dem Haus- und Hofhistoriker Arthur Schlesinger an. In einer Sendung, die 80 Millionen Amerikaner verfolgten, führte sie damals die TV-Nation erstmals durch den Amtssitz des Präsidenten. Die First Lady, anfangs eingeschüchtert vom Amt, war längst zu einer wichtigen Wahlhelferin ihres Mannes geworden. Jack & Jackie – ein Paar wie im Märchen.
Kein Wort über den notorischen Womanizer und über seine Seitensprünge, nicht einmal eine Andeutung über ihre angeblichen Affären mit Gianni Agnelli oder William Holden. Stattdessen nur die romantische Schilderung der ersten Nacht nach der Inauguration im Lincoln Room. Jackie Kennedy verstand sich in dem Interview als Gralshüterin des politischen Testaments ihres Mannes. „Die Konversationen zwischen mir und meiner Mutter bleiben zwischen uns“, blockte Tochter Caroline bei der Ausstrahlung des Interviews gegenüber der Moderatorin Diane Sawyer jede Nachfrage über private Kalamitäten ab.
Ihre Mutter hatte sich stets diskret in Schweigen gehüllt. Als Buchlektorin im New Yorker Doubleday-Verlag ging sie später einem richtigen Brotberuf nach – obwohl sie dies als Witwe des Reeders Ari Onassis, ausgestattet mit einer üppigen Apanage, nicht notwendig gehabt hätte. Ihre Memoiren hätten Jackie ein Millionenvermögen eingebracht. So aber bleibt der Mythos mächtiger als die Realität.
Interview-Buch. 50 Jahre nach der Angelobung John F. Kennedys erschien eine Interview-Serie des Historikers Arthur Schlesinger mit Jackie Kennedy, aufgenommen wenige Monate nach dem Attentat in Dallas, nun in Buchform. Der TV-Sender ABC strahlte Auszüge der Tonbänder aus. Die ehemalige First Lady, nach der Ermordung ihres Mannes als „Witwe der Nation“ verehrt, versteht sich darin als Gralshüterin seines politischen Testaments. Später hat sie sich nie mehr zu seiner Amtszeit geäußert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2011)
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