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Ordnung ist das ganze Leben

01.10.2011 | 18:02 |  von Julia Pfligl (Die Presse)

Von wegen "Das Genie beherrscht das Chaos". Ein vermüllter Schreibtisch kann die Beziehungen zu den Kollegen vergiften und der eigenen Karriere schaden.

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Lose Büroklammern, Bleistifte und Kugelschreiber, Reste vom letzten Mittagessen, leere Zigarettenschachteln, bunte Kinderzeichnungen, Familienfotos und Papierstapel, die dem schiefen Turm von Pisa Konkurrenz machen – auf dem Arbeitsplatz von Markus S. ist so einiges los. Zu viel, findet er. Denn unter den vielen Klammern, Stiften und Zetteln verbirgt sich etwas, was der selbstständige Unternehmer zwar dringend braucht, aber schon lange nicht mehr gesehen hat: sein Computer.

Irgendwann realisierte Markus S., dass ihm das Chaos buchstäblich über den Kopf wuchs. Ohne fremde Hilfe würde es schwer werden, den Computer wieder „auszugraben“. Also wandte sich der verzweifelte Schreibtischtäter an Gerda Siedl. Was viele andere verabscheuen, hat sich die gebürtige Kärntnerin zum Beruf gemacht: aufräumen. Bei einer Pilgerreise im Jahr 2005 fand sie Gefallen am Leben ohne unnötigen Ballast und bringt seitdem chronischen Chaoten bei, Überflüssiges loszulassen und wegzuwerfen.

Der Bedarf ist groß, denn Markus S. ist kein Einzelfall: Die Büroartikelfirma „Staples“ befragte Menschen, die mindestens 20 Jahre alt sind und einen Schreibtisch als Arbeitsplatz haben, zu ihren Ordnungsgewohnheiten im Büro. Mehr als 20 Prozent der Befragten bezeichneten sich als „latente Chaoten“. Die Dunkelziffer liegt allerdings viel höher, weiß Siedl. „Viele meiner Klienten heben Zeitschriften, Prospekte und andere lose Zettel ewig auf. Sie sind überzeugt, dass sie diesen ganzen Papierkram noch einmal brauchen, und haben Angst davor, eine vermeintlich wichtige Informationsquelle zu verlieren.“ Die Ironie daran: Viele der „Schreibtisch-Messies“ seien in Wahrheit Perfektionisten. Sie wollen alles richtig machen und horten daher so viel wie möglich auf ihrem Schreibtisch.


Wer aufräumt, gilt als zuverlässig. Übersteigt das Chaos ein bestimmtes Ausmaß, kann das allerdings schwerwiegende Konsequenzen haben. „Ein zugemüllter Arbeitsplatz wirkt sich negativ auf die eigene Persönlichkeit aus. Man trägt den unnötigen Ballast ständig auf seinen Schultern. Einen Freiraum für Kreativität gibt es nicht mehr“, sagt Seidl. Ständiges Chaos kann in krassen Fällen sogar ein Karrierehindernis darstellen, bevorzugen doch 70 Prozent der Topmanager Mitarbeiter mit ordentlichen Arbeitsplätzen. 55 Prozent assoziieren einen unaufgeräumten Schreibtisch mit amateurhafter und unzuverlässiger Arbeitsweise. Auch das geht aus der Staples-Umfrage hervor.

Nicht nur der Chef, sondern auch die Kollegen können meterhohen Aktentürmen auf dem benachbarten Schreibtisch oft nicht viel abgewinnen. Psychologin Helga Kernstock sieht darin einen potenziellen Auslöser für Konflikte. „Extreme Unordnung auf dem Schreibtisch wird dann zum Problem, wenn mehrere Personen zusammenarbeiten. Sobald jemand aus der herkömmlichen Ordnungsnorm herausfällt – also zu chaotisch, aber auch zu ordentlich ist –, kann es zu ernsthaften Konflikten mit Kollegen, im schlimmsten Fall sogar zu Mobbing kommen.“

Aber nicht in allen Büros wird der Begriff „Ordnung“ gleich definiert. In einer Werbeagentur beispielsweise darf am Arbeitsplatz durchaus „kreatives Chaos“ herrschen, ein Arzt oder eine Lohnverrechnerin hingegen muss penibel Ordnung halten. „Wer das partout nicht befolgen kann, hat womöglich den falschen Beruf gewählt“, sagt die Psychologin. Bestimmte Typen bräuchten ein gewisses Maß an Chaos, um sich kreativ entfalten und produktiv arbeiten zu können. „Extreme Ordnung kann für jemanden auch Zwang oder Starre bedeuten und genauso blockieren wie Chaos“, weiß Kernstock.

Kein Schreibtisch wird schon vollgeräumt übernommen. Am Anfang einer Zumüllung steht nicht selten eine persönliche Krise. Der Erhalt von Ordnung erfordert Energie, die in schweren Zeiten nicht vorhanden ist oder für andere Bereiche aufgewendet werden muss. „Dann steigt die Unordnung automatisch“, so Kernstock. Und das nicht nur am Arbeitsplatz: Bürochaoten neigen meist auch in anderen Lebensbereichen zur Unordentlichkeit, denn die Regeln, die das Ordnunghalten erfordert, sind überall gleich.

Anleitung zum Ordentlichsein. Wer Gefahr läuft, im und am Chaos zu verzweifeln, ist ein Fall für die Ordnungsexpertin. Siedl gibt Hilfe zur Selbsthilfe, von radikalen Lösungen hält sie nichts. Ihre Aufräummethode ist langfristig und besteht aus drei Schritten: „Zuerst wird gesichtet und grob vorsortiert. Gleiches wird zu Gleichem gegeben. Dann müssen Entscheidungen getroffen werden: Kann ich mir die Information auf diesem Zettel auch anderweitig beschaffen? Wenn ja, weg damit! In der dritten Phase wird alles in ein Ablagesystem eingeordnet.“ Dieses sei aber lediglich eine Zwischenstation und müsse regelmäßig geleert werden. Früher oder später müsse alles in einem Ordnungssystem – seien es Mappen, Ordner oder Hängeregister – landen.

Der ideale Schreibtisch ist demnach vor allem funktionell. Auf dem Tisch selbst ist nur Platz für das, was täglich benötigt wird. Familienfotos, Nachschlagewerke und abgeschlossene Projekte sollten darunter oder daneben aufbewahrt werden. „Einen guten Schreibtisch erkennt man an einer sichtbaren Struktur. Er ermöglicht seinem Besitzer, produktiv und kreativ arbeiten zu können. Auch Dritte – etwa Vertreter im Krankheitsfall – sollten sich mühelos zurechtfinden“, so Siedl.

Ist die Ordnung erst einmal geschaffen, muss sie nur noch gehalten werden. Dafür kennt jedoch selbst die Spezialistin keinen Zaubertrick: „Das Rezept ist banal: Disziplin! Nach jedem Arbeitstag sollte man sich zehn Minuten Zeit nehmen, um Überflüssiges zu entsorgen.“ Psychologin Kernstock ist überzeugt, dass die Wandlung vom Wühltisch zum Schreibtisch keine Utopie ist: „So viele Jugendliche durchlaufen messieähnliche Phasen und entpuppen sich später als kompetente Haushaltsorganisatoren.“

Auch Markus S. hat diese Zeit hinter sich gelassen. Von einer „Messie-Phase“ will er aber selbst rückblickend nichts hören. Er sei eben sehr, sehr perfektionistisch gewesen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2011)

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