"The Boundary Man": Brandauer als Forscher

Klaus Maria Brandauer spielt den Psychiater und Grenzforscher Wilhelm Reich. Und freut sich, dass er dabei Birgit Minichmayr an seiner Seite hat.

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Klaus Maria Brandauer – (c) FABRY Clemens

Wenn Schauspieler über ihre aktuellen Projekte sprechen, fällt das Ergebnis naturgemäß relativ positiv aus. Natürlich ist das Projekt toll und die Zusammenarbeit hervorragend. Alles andere wäre zwar manchmal ehrlicher, aber schlecht für die Eigen- und Film-PR. Hin und wieder aber glaubt man dem Schauspieler sofort: Weil er gar so enthusiastisch ist – und man weiß, dass er alles andere nicht nötig hat.

Wie Klaus Maria Brandauer. Der hat seine Filmprojekte ziemlich selektiv ausgewählt. Zuletzt war er Anfang des Jahres im Schweizer Politthriller „Manipulation“ zu sehen, davor 2009 in „Tetro“, einem Film von Francis Ford Coppola. Fast zehn Jahre ist es her, dass Brandauer in einer österreichischen Produktion mitgespielt hat. In „The Boundary Man“ spielt er nun den österreichisch-amerikanischen Psychiater Wilhelm Reich. 1897 in Galizien geboren, war Freud-Schüler Reich 1920 in Wien der Psychoanalytischen Gesellschaft beigetreten, hatte 1933 über „Die Massenpsychologie des Faschismus“ geschrieben, später über die „Funktion des Orgasmus“. Im Fokus des Films stehen die letzten Lebensjahre des Forschers in den 1950ern: Da steht der ehemalige Kommunist, Atomkraftkritiker und Forscher an der Lebensenergie „Orgon“ in seinem Zufluchtsland USA wegen Betrugs vor Gericht.

 

„Künstlerischer, denkender Mensch“

Regisseur Antonin Svoboda („Immer nie am Meer“) beschäftigt sich schon seit sieben Jahren mit Reich, seit zwei Jahren teilt Brandauer seine Faszination. Seit Ende September wird in Wien, Niederösterreich und Spanien gedreht, heute ist der letzte Drehtag in Österreich. Freitagabend lud die Crew in Wien zur Zwischenbilanz – in die Strudlhofgasse, ins Physikinstitut der Uni Wien. „Überall dort“, sagt Brandauer, „wo ich das Gefühl habe, dass ich etwas für mich selbst im Unwägbaren tun kann, wo es um Dinge geht, die nicht beweisbar sind, macht mir das einen Riesenspaß.“ Insbesondere, da es sich mit seinem Berufsverständnis deckt, die Geschichte des Forschers zu spielen, der zum Außenseiter geworden war. „Ich bin auf der Welt als künstlerischer, denkender Mensch, um die Leute zu unterstützen, die in der Minderheit sind. Um die Mehrheit muss man sich ja nicht kümmern.“ Das, was Reich die Lebensenergie Orgon nannte, kann Brandauer offensichtlich nachvollziehen. „Es ist etwas hier auf der Welt, das uns alle mit dem Universum verbindet, und wir wissen es auch alle, nur vergessen wir es wieder. Reich ist der Kerl, der mich wieder darauf gestoßen hat.“

Nicht ganz so viel Lebensenergie scheint in Birgit Minichmayr zu stecken. Zurückhaltend sitzt sie in Streifenshirt und Hosenträgern neben Brandauer. „Sehr aufregend und ganz toll“ sei es gewesen, mit ihrem einstigen Lehrer Brandauer vor der Kamera zu stehen. Wer diesen Kommentar für knapp hielt, wurde von Brandauer aufgeklärt. „Sie hat sich gebessert“, erklärte er geradezu liebevoll. „Vor zehn Jahren wurde sie gefragt, was sie von mir gelernt hat. Ihre Antwort war: viel.“ Brandauer scheint die Zusammenarbeit Spaß gemacht zu haben. „Das ist doch toll für einen alten Lehrer, einen alten Sack, mit seiner ehemaligen Schülerin zu spielen.“ Zumal es sogar „ein bissl eine Liebesgeschichte“ sei.

Eine Frage musste Minichmayr dann doch noch beantworten: Ob sie sich auch bei einem Film schon einmal „nicht beschützt“ gefühlt habe – eine Anspielung auf ihre „Lulu“-Absage am Burgtheater im Frühjahr. Das sei nicht ganz vergleichbar, sagt Minichmayr, „weil die Mitsprache bei einem Film viel weniger ist als beim Theater“. Aber auch beim Theater sei es ihr ja erst einmal passiert. „Beim Film hatte ich bisher immer Glück, dass die Arbeiten nicht so ein Gefühl in mir ausgelöst haben.“ Wobei, in Sachen Absage ist Minichmayr ja auch nicht allein: Kurz nach ihr hat Klaus Maria Brandauer bekannt gegeben, die Proben an der Burg für Schnitzlers „Das weite Land“ doch nicht aufzunehmen. Ein Lehrer und seine Schülerin, die wissen, was sie sich leisten können.

Zum Film

„The Boundary Man“ erzählt die letzten Lebensjahre des Psychiaters Wilhelm Reich. Die Produktion ist österreichisch, der Cast international: Neben Klaus Maria Brandauer und Birgit Minichmayr spielen die Deutschen Julia Jentsch und Jeanette Hain, die Schotten Jamie Sives und Gary Lewis („Gangs of New York“) und der Amerikaner David Rasche („Sledge Hammer“, „Burn after Reading“). Das Waldviertel wird zum US-Bundesstaat Maine. 2012 soll der Film ins Kino kommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2011)

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