Sally Perel : "Jupp ist noch immer in mir"

Der Jude Sally Perel überlebte den Zweiten Weltkrieg in einer HJ-Schule. Als »Hitlerjunge Salomon« wurde er weltberühmt. Heute ist Perel 87 und versucht, junge Menschen gegen falsche Freunde zu impfen.

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(c) Photo: Michaela Bruckberger

Herr Perel, Sie sagen ganz offen, dass Sie sich damals nicht nur als Hitlerjunge Salomon ausgegeben haben, sondern, dass Sie dieser Hitlerjunge wirklich geworden sind.

Sally Perel: Untertags war ich Hitlerjunge, habe begeistert „Heil Hitler!“ gerufen, die Fahnen gehisst. Nachts war ich in Gedanken im Ghetto und habe um meine Eltern geweint. Da fühlte ich die Einsamkeit. Man geht jede Nacht mit der Angst schlafen, ob man am nächsten Tag entdeckt wird. Und dann erinnert man sich an die Mutter, an den Vater. Hungern sie? Werden sie vielleicht gefoltert? Und gleichzeitig freute ich mich wirklich über die Siege der Wehrmacht. Diese Zerrissenheit ist der wichtigste Aspekt meiner Lebensgeschichte. Man fragt mich auch immer wieder, wieso ich nicht schizophren geworden bin.

Wieso eigentlich nicht?

Natürlich kommt man aus solchen Sachen nicht unbeschädigt heraus. Aber ich habe genug Vernunft, um mich damit richtig auseinanderzusetzen. Ich habe eine Balance gefunden, zwischen „Jupp“, wie mich meine Hitlerjungenkollegen nannten und der immer noch in mir drinnen ist, und Sally. Jupp war vier Jahre lang der Dominante, hat den Sally verdrängt, um ihn zu retten, hat ihn sozusagen mit Hakenkreuzen bedeckt. Jetzt ist zwar Sally der Dominante, aber Jupp kommt ständig hervor. Wir haben beide Platz in mir.

Kennen Sie noch jemanden, der ein solches Schicksal hatte?

Ich habe versucht, jemanden zu finden. Wenn sich die Zeitzeugen in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel treffen, fühle ich mich immer als Außenseiter. Alle anderen haben etwas Gemeinsames. Sie waren in einem Lager oder Transport oder kommen aus demselben Städtchen. Ich kann über meine Geschichte nur mit meinen ehemaligen Kameraden aus der Hitlerjugend reden.

Haben Sie noch Kontakt?

Ja. Einige haben mich auch schon in Israel besucht. Ich finde gut, dass wir jetzt nicht nur Kameraden, sondern auch Freunde sind.

Werden Sie von anderen Juden eigentlich als „Verräter“ gesehen?

Einige sagen, ich hätte unmoralisch gehandelt, meine Religion verleugnet. Diese Leute frage ich: „Welche Moral predigst du mir? Hätte ich sagen sollen, ich bin Jude, bitte schieß mich tot?“ Ich musste die Religion verleugnen, um zu überleben. Auch im jüdischen Glauben ist das Menschenleben das Wichtigste. Jeder Mensch will doch leben. Ein anderer Überlebender hat mir gesagt: „Dein Holocaust war Holocaust de luxe. Während ich in Auschwitz geschuftet und gefroren habe, hast du die Zeit mit schönen Mädels verbracht.“

Am Ende des Krieges wurden Sie von den Amerikanern gefangen genommen, aber nach zwei Tagen freigelassen. Haben Sie da gleich geschrien: „Ich bin Jude!“

Nein, das ist ja das Interessante. Wahrscheinlich haben mich diese langen Jahre so mit der Haut der Feindes umhüllt, dass ich da nicht gleich rausspringen konnte. Es wäre ja das Logischste gewesen, den Amerikanern zu sagen: „Ich gehöre nicht dazu!“ Ich konnte es ja auch beweisen, als männlicher Jude. Aber nicht nur das, ich kann Ihnen noch etwas Schlimmeres sagen. Ich war sogar traurig, dass Deutschland den Krieg verloren hatte. Das hört sich schrecklich an, ist aber die Wahrheit. Man kann nicht von einem Moment auf den anderen aus diesem Panzer heraus. Dieser Prozess ist bis heute nicht beendet. Solange der Hitlerjunge in mir drinnen ist, bin ich nicht derselbe Sally, der ich war, als ich meine Eltern verließ. Ich wurde sehr schnell Hitlerjunge. Aber zurück zum Sally und nur Sally sein – das weiß ich nicht, ob ich das noch schaffen werden. Ich bin immer ein Doppeltes, lebe immer mit Jupp zusammen.

Warum ist es so schwer für Sie, Jupp loszuwerden?

Ich liebe ihn. Er hat mich gerettet. Mit Hakenkreuzen, okay, aber er hat mich gerettet. Ohne Jupp gäbe es heute keinen Sally. Der würde in einem Massengrab liegen.

Wie haben Sie das unter einen Hut gebracht? Wenn Sie sich den Endsieg gewünscht haben, hätte das ja auch die totale Vernichtung der Juden bedeutet.

Ich hatte offenbar gewisse Schutzmechanismen, die das reguliert haben. Ich war ja sogar im Ghetto in Lodz auf der Suche nach meinen Eltern. Da war ich direkt konfrontiert mit diesen dreckigen Zuständen. Aber sobald ich wieder in der HJ-Schule in Braunschweig war, habe ich umgeschaltet. Das war eine innere Notwendigkeit. Nur so konnte ich überleben. Ich durfte ja da nicht nur eine Rolle spielen. Denn wenn man eine Rolle spielt, macht man bestimmt mal einen Fehler im Text. Ich durfte keinen Fehler machen.

Warum hat es 40 Jahre gedauert, bis Sie Ihr Buch geschrieben haben?

In Israel begann ein neues Leben. Woher nimmt man die Kraft dafür? Man hatte keine Zeit für die Vergangenheit, also hat man sie verdrängt. Meine Geschichte war außerdem nicht nur traumatisch, sondern auch problematisch. Ich schrie „Heil, Hitler!“. Damit konnte man sich als Jude in Israel nicht so leicht auseinandersetzen. Also habe ich geschwiegen. Meiner Frau habe ich erzählt, ich hätte mit arischen Papieren überlebt. Dann kamen der Ruhestand, eine Herzoperation und Freizeit. Da beschloss ich, meine Geschichte aufzuschreiben. Es war auch eine Selbsttherapie, sonst wäre ich wohl in der Irrenanstalt gelandet. Und ich wollte wirklich die volle Wahrheit schreiben.

Sind Sie wieder ganz Jude geworden? Gläubiger Jude?

Auschwitz und Gott passen für mich nicht zusammen. Wieso war Auschwitz möglich? Die Christen müssen sich solche Fragen nicht stellen, außer aus Reue. Aber nicht, um Gott zu beschuldigen. Ich beschuldige Gott. Du hast uns erwählt, niemand anderer hat die Zehn Gebote eigenhändig von dir bekommen. Wir blieben dir immer treu. Und trotzdem ließt du die Juden ermorden. Wenn Gott die Welt geschaffen hat, ist er auch für sie verantwortlich. Und da dürfte es kein Auschwitz geben.


Was ist Ihre Mission in den Schulen? Aufklärung? Vergebung?

Versöhnung. Und das richtige Handeln heute, damit die jungen Leute gegen die neue Gefahr geimpft sind, deren Symptome ich bereits genau erkenne. Damals hat es genauso angefangen. Das waren auch Randgruppen.

Sie fordern die Schüler auf, aus der Geschichte zu lernen. Tun sie das?

Nicht genug. Aus Fehlern der Geschichte kann man sehr viel lernen. Dafür sind wir Zeitzeugen da. Wir müssen die Jugend aufklären, damit sich das nicht wiederholt. Ich versuche, das historische Bewusstsein zu wecken, gegen das Vergessen zu wirken, Interesse zu fördern. Ich will sie dazu bringen, in der Gegenwart richtiger zu handeln.

Aber die Generation der Zeitzeugen wird es nicht mehr sehr lange geben.

Ich möchte die Jugend beauftragen, diese Wahrheit weiterzutragen. Das wirkt auf junge Menschen sehr beeindruckend. Ich bekomme viele E-Mails: „Herr Perel, ich verspreche Ihnen, ich werde Ihren Auftrag annehmen.“ Das ist es, was ich als Zeitzeuge noch tun kann, bevor ich ins Grab gehe.

1925
Sally Perel wird in Peine (Niedersachsen) geboren.

1938
flieht die Familie nach Lodz. 1939 schicken die Eltern Sally und seine Brüder weg. Sally wird von der Wehrmacht gefangen genommen, gibt sich aber als Arier aus.

1942
kommt er in die HJ-Schule Braunschweig. Dort fungierte er als Joseph „Jupp“ Perjel.

1945
wandert Sally Perel nach Israel aus, wo er im Unabhängigkeitskrieg kämpft.

40 Jahre später
schreibt er „Ich war Hitlerjunge Salomon“. 1989 wurde das Buch verfilmt. Sally Perel liest im BRG Waltergasse das erste Mal vor österreichischen Schülern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2011)

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