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Daniel Kehlmann: Studienjahre eines Bestsellerautors

17.01.2012 | 18:19 |  von Siobhán Geets und Teresa Schaur-Wünsch (Die Presse)

Konrad Paul Liessmann befragte Daniel Kehlmann über seine Studienjahre, den Weg zum Erfolg und das Lesen auf iPad und Kindle.

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Man merkt, die beiden kennen einander: Der Philosophieprofessor und der ehemalige Student, die da unter den riesigen Gemälden im Senatssaal der Wiener Uni sitzen, sind per Du und gänzlich ungezwungen. Man merkt auch: Der Gast zieht. So gut waren die - oft recht gut besuchten - Unitalks“ des Absolventenverbands noch nie.

„Wer studiert denn eigentlich noch Philosophie?“ und „Was macht man denn damit?“ werde er immer wieder gefragt, sagt Konrad Paul Liessmann. Daniel Kehlmann zum Beispiel, und er schreibt Bestseller, ist eine schöne Antwort – Kehlmanns „Vermessung der Welt“ führte die Verkaufslisten von „Spiegel“ und „New York Times“. Der in München geborene Autor ist in Wien aufgewachsen; während er an seiner Philosophie-Diplomarbeit schrieb, arbeitete er parallel an seinem ersten Roman, „Beerholms Vorstellung“. Eine „seltsame Doppelexistenz“, erinnert er sich. Doch das trockene, wissenschaftliche Schreiben in Kant'schem Stil habe ihm gefallen. „Es war wie ein Rollenspiel.“

Insgesamt hat Kehlmann fünfeinhalb Jahre lang studiert, bevor er selbst wenig später zum Gegenstand wissenschaftlicher Arbeiten wurde – und hat daran „heterogene“ Erinnerungen. Natürlich habe er an der Wiener Massen-Uni von Tutoring à la Oxford und Cambridge geträumt, „doch die Breite des Angebots ohne großen Druck“, die „hatten meine Freunde dort nicht“. Sein Interesse fürs Studium hatte Schopenhauer geweckt – „eines der größten geistigen Erlebnisse meines Lebens“. Gleichzeitig sei ihm aber auch bald klar gewesen, „dass aus mir kein guter Philosoph werden kann“. Was er wirklich wollte, war schreiben.


In seinen Büchern lässt er nun Mathematiker und Philosophen wiederauferstehen – eine Möglichkeit, wofür ihn sein ehemaliger Professor, selbst ans „formale Korsett der Wissenschaft“ gebunden, beneidet. Das sei ein Genuss, bestätigt Kehlmann – auch wenn das Lesen seiner Werke das Studium der Texte nicht ersetze. Um das macht sich der seit Kurzem 37-Jährige mit dem bubenhaften Charme durchaus kulturpessimistisch Sorgen – Stichwort Tablet statt Buch: „Als Autor will ich natürlich, dass der Kindle“ – auf den sich Liessmann Kehlmanns Bücher geladen hat – „möglichst bald verschwindet“, sagt Kehlmann. Er verdiene weniger mit den Dateien als mit dem Verkauf der Bücher. „Als Leser finde ich den Kindle aber wunderbar.“

Weniger wiederum in seiner neuesten Version, mit der man wie mit dem iPad surfen kann. Mit dem sieht der Schriftsteller beinahe den „Untergang des Abendlandes“ heraufziehen: Durch das ständige Herumklicken nehme die Konzentrationsfähigkeit ab. Er merke das an sich selbst: „Man surft im Internet und liest gar nichts mehr richtig.“ Und wenn er auf dem gleichen Gerät die Wahl zwischen Leibniz und dem Trailer zum neuesten Film von Ridley Scott habe – „dann sehe auch ich lieber Scott“.


Wie reagiert da der Schriftsteller? Gar nicht: „Ich glaube, Literatur wird wieder zu einem Minderheitenprogramm“, sagt Kehlmann, große Bestseller werde es nicht mehr geben. „Ich bin froh, dass ich einen hatte, bevor diese Entwicklung richtig eingesetzt hat.“ Tipps, wie auch andere noch schnell mit einem Buch weltberühmt werden können, hat er nur einen: „Sich nicht darum kümmern. Sondern einen Weg finden, sich als Schriftsteller zu entwickeln. Sehr viel schreiben – und sehr viel wegwerfen!“

Auf einen Blick

Daniel Kehlmann, 1975 in München geboren, übersiedelte 1981 mit seiner Familie nach Wien. Nach der Matura am Kollegium Kalksburg studierte er Philosophie und Literaturwissenschaft an der Uni Wien. International bekannt wurde Kehlmann mit seinem 2003 erschienenen fünften Roman „Ich und Kaminsky“. „Die Vermessung der Welt“ (2005) ist mit 1,5 Millionen verkauften Exemplaren allein im deutschsprachigen Raum sein erfolgreichster Roman. Kehlmann lebt in Wien und Berlin. Info: www.kehlmann.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2012)

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