Drei Oscar-Nominierungen für „Dame König As Spion“– der 1970er-Jahre-Thriller wird jetzt schon als Kult gehandelt. Für Hauptdarsteller Gary Oldman ist es die erste Nominierung, dabei steht er seit drei Jahrzehnten vor der Kamera und hat sich längst als schillernder Darsteller ambivalenter Charaktere profiliert. Sein Debüt gab er als Kopf der englischen Band Sex Pistols in „Sid und Nancy“. In Hollywood war Oldman lange auf Bösewichte abonniert, zuletzt sah man ihn bei „Harry Potter“. In John le Carrés feinsinnig-komplexem Thriller beweist Gary Oldman nun seine meisterliche Subtilität.
Endlich wieder eine große Charakterrolle für Sie. Wollten Sie diese Rolle unbedingt – oder wollte man Sie unbedingt?
Gary Oldman: Es war eine dieser seltenen Gelegenheiten – man hat mir das Angebot gemacht. Ich war nicht einer von den üblichen Verdächtigen, einer von fünf in der engeren Auswahl, die man sich anschaut. Manchmal ist das einfach lächerlich: Da ziehen sie mich zusammen mit Leo DiCaprio und Harrison Ford in die Wahl – und alle für dieselbe Rolle.
Ist es schwieriger, eine leise Rolle zu spielen– hier spielen Sie ja fast nur mit Ihrem Blick – als laut und wild zu agieren?
Ich habe 30 Jahre lang darauf gewartet, dass mir jemand eine Rolle wie diese anbietet. Einen Mann, der verschwinden will, der farblos und Teil des Zimmers wird. Er ist jemand, den man vergessen kann, von dem man keine Notiz nimmt. Das ist eine Herausforderung. Es war schön, einmal an etwas zu arbeiten, bei dem es um das ging, was zwischen den Zeilen steht.
Haben Sie den Autor der Romanvorlage, John le Carré, um Rat gefragt?
Ja, ich wollte wissen, wie Smiley früher war – also bevor der Film einsteigt. John war eine große Inspiration. Ich habe mich am Anfang in meiner Rolle an John orientiert, ihn am Anfang nachgeahmt. Seine Stimme zum Beispiel. Er war großartig – schließlich ist er die DNA des Ganzen.
Gab es Resonanz von den Geheimdiensten?
Wir haben den Film den Leuten beim MI6 gezeigt. Die waren begeistert, also ist er wohl zutreffend. Es gab da diesen Typen, dessen Familie glaubt, er arbeite als Chauffeur für Diplomaten. Dabei ist er Spion. Eine seltsame Berufsgruppe.
Gibt es keine Überschneidung zwischen Ihrem Beruf und Spionen?
Doch, beide können sich geradezu obsessiv auf den Beruf konzentrieren. Die Schauspielerei besteht auch zu 99 Prozent aus Konzentration auf das, was direkt vor dir liegt. Alles andere wird ausgeblendet, man „vergisst“ sogar, dass man in Scheidung lebt. Erst abends im Trailer stürmen Probleme, Kinder und Telefonanrufe wieder auf dich ein. Es ist fast so, als würde das echte Leben in der Warteschleife bleiben. Ein fast metaphysisches Erlebnis.
Erinnern Sie sich an den Kalten Krieg?
Ein wenig. Ich war damals ein Teenager, dementsprechend habe ich mich mehr mit mir selbst beschäftigt. Oder mit Mädels und David Bowie. Dass der Weltfrieden gefährdet war, ging mir nicht durch den Kopf. Es ist auch schwer, eine Ära zu analysieren, wenn man gerade in ihr lebt. Aus der Distanz ist es viel einfacher zu beurteilen, ob die Paranoia der damaligen Zeit angebracht war.
Und, war sie es?
Heute würde man das wohl verneinen. Aber ich beneide die Politiker und Präsidenten dieser Ära nicht um ihre Jobs. Ihre Entscheidungen mussten sie unter dem damaligen Druck fällen. Es war schwer zu unterscheiden, was der Paranoia entsprang und was eine reale Bedrohung darstellte. Ähnlich schwierig ist es heute: Sollen wir uns vor dem Iran fürchten? Wenn ein Mann sagt, er will Amerika vernichten, soll man ihm das glauben oder es für einen Bluff halten?
Sie sind in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, haben sich das Klavierspiel selbst beigebracht. Waren Sie eher introvertiert?
Ja, ich habe schon als Kind sehr in meiner eigenen Gedankenwelt gelebt.
Eine Art mentale Vorbereitung?
Wenn man so viel Zeit in seiner Fantasie zubringt, ist der Sprung zur Schauspielerei nicht mehr groß – egal, welchen sozialen Hintergrund man hat. Ich versuche, meine Kinder mehr zum Lesen zu motivieren, aber heute gibt's für Kids so viel Zerstreuung. Ich habe damals nur „Batman“ im Fernsehen gesehen. Vielleicht hätte ich heute statt Klavier auch mit der Playstation gespielt.
Gary Oldman (53) stammt aus London, sein Vater war ein alkoholabhängiger Schweißer, Oldman verließ mit 16 die Schule. Er bekam ein Theaterstipendium und arbeitete fürs Fernsehen.
1986 gab er mit dem Sex-Pistols-Film „Sid und Nancy“ sein Kinodebüt. Bald war er auf Bösewichte abonniert. Zuletzt sah man ihn in „Harry Potter“, bald in Batman „The Dark Knight Rises“.
Privat war Oldman u.a. mit Uma Thurman verheiratet, mit Isabella Rossellini verlobt. Heute ist er mit der Sängerin Alexandra Edenborough verheiratet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2012)
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