Mit dem Hip-Hop in Österreich war es immer schon ein Gfrett. DSL, der einzige auf internationalem Niveau agierende Hiphop-DJ, musste nach Hamburg auswandern und von der einzigen ernstzunehmenden, heimischen Formation, den Aphrodelics, hat man seit zehn Jahren nichts mehr gehört. Allein, die vom legendären, viel zu jung verstorbenen Radiomacher und Produzenten Werner Geier gegründete Hip-Hop-Sendung „Tribes Vibes“ gibt es noch auf FM4. Ansonsten kümmerte den ORF eines der weltweit erfolgreichsten Genres bislang nicht besonders.
Erst mit der Reality-Soap „Sidos Blockstars“ erinnert man sich daran. Mit viel künstlichem Drama destillierte man aus einem Dutzend Kandidaten mit Sharon, Dragan, Benjamin und Marko die endgültige Formation, die sich zum Eurovisions-Contest rappen will. Nur zwei Wochen benötigte man, um das Debütalbum aufzunehmen.
Sofort schoss es an die Spitze der i-Tunes- Charts. Das war der Moment, als die lange vom ORF vernachlässigte Hip-Hop-Szene aufheulte. Jan Braula formulierte im Magazin „Message“ das Unbehagen darüber, dass „die Hip-Hop-Kultur in ein schiefes Licht gerückt wird, wenn sie fortwährend mit Kleinkriminalität, Sexismus und Gewalt in Verbindung gebracht wird“. Das Argument wirkt ein bisschen scheinheilig, schließlich ist Hip-Hop in den amerikanischen Großstadtghettos entstanden, und seine erfolgreichsten Stars von 2Pac über Eminem bis zu 50 Cent kommen aus, euphemistisch ausgedrückt, problembehafteten Verhältnissen.
Einwände dieser Art kümmern „3punkt5“ genauso wenig, wie die Absicherungsstatements des ORF, in denen beteuert wurde, dass man „den jungen Menschen keinerlei Starillusionen vermitteln wollte“. Unzweifelhaft betrachtet das Quartett das Album „Ausnahmesituation“ als Karrierebeginn. „Das Hobby zum Beruf zu machen und damit erfolgreich zu sein, das ist das Höchste“, schwärmt Dragan. Benjamin bleibt bodenständig: „Wir haben nicht die Erwartung, dass wir Millionäre werden, aber den Kühlschrank soll die Musik schon füllen.“
Den Sozialporno-Vorwurf können sie, die für ihre Lieder bis zu 17 Stunden täglich im Studio verbrachten, nicht mehr hören. „Tatsache ist doch, dass dem Michael geholfen wurde. Der hat jetzt eine Wohnung“, meint Dragan leicht genervt. „Uns allen wurde durch Sido geholfen“, sagen die anderen und verweisen auf die pragmatisch-musikalische Ebene. Sharon singt schon länger, die anderen basteln schon seit zehn Jahren klanglich herum. Aber erst mithilfe und Druck von Sido hat man eigene Ideen umgesetzt und ein Album aufgenommen.
Die Musik ist ihnen kein Selbstzweck, man „dropt“ auch „Messages“, wie es im Jargon heißt. Marko etwa preist in einem serbokroatischen Rap das Prinzip Multikulti. „Wir wollen das Beste der jeweiligen Kulturen in unser Leben integrieren“, schwärmt Sharon. Dragan ist etwas skeptischer. „Egal, wie gut du dich in ein Land integrierst, für eine Partei wie die FPÖ bleibst du trotzdem Ausländer. Ich verstehe, dass sie sich für ihre Kultur einsetzen, aber man übertreibt mit Sagern wie ,Daham statt Islam‘.“ Bewusst haben sie sich dafür entschieden, mit dem nachdenklichen „Augenblick“ in die Songcontest-Ausscheidung zu gehen. „Es wäre der Hammer, wenn wir unsere Botschaft vor so einem großen Publikum platzieren könnten“, träumen die vier.
„Blockstars“ war eine achtteilige Reality-Doku des ORF mit dem deutschen Rapper Sido. Benachteiligten und perspektivlosen jungen Leuten sollte dabei über ein Bandprojekt die Chance auf ein besseres Leben gegeben werden. Die Kandidaten Sharon, Dragan, Benjamin und Marko gingen dabei als Sieger hervor. Unter dem Namen „3punkt5“ kämpfen sie um eine Teilnahme beim Songcontest, ihr Debütalbum „Ausnahmezustand“ lag am Montag auf Platz drei der österreichischen iTunes-Charts.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2012)
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