Seine „A-Levels“ (die britische Matura) schaffte er mit mäßigen Noten in Kunst und Erdkunde, er feierte gern, trank zu viel, rauchte Cannabis und verkleidete sich auf einer Party als Nazi: Prinz Harry (27) galt lange Zeit als wildes Sorgenkind der britischen Königsfamilie. Doch jetzt, so scheint es, hat Harry seine Berufung gefunden und dabei sogar seinen älteren Bruder William überholt: Captain Wales, wie er bei den Heeresfliegern genannt wird, ist seit dieser Woche qualifizierter Pilot eines Apache-Kampfhubschraubers, eines der komplexesten militärischen Fluggeräte der Welt. (William darf nur Rettungshubschrauber fliegen).
Und nicht nur das: Harry wurde nach dem 18 Monate langen Training sogar mit einem Preis als bester Kopilot-Heckenschütze seiner Klasse geehrt, wie die Pressestelle seines Vaters, Prinz Charles, voller Stolz vermeldete. Vor ein paar Jahren hatte Harry in einem Interview noch selbst bezweifelt, dass er überhaupt je in der Lage sein werde, die 46 Millionen Pfund teure und sieben Tonnen schwere Maschine (Spitzname: „Fliegender Panzer“) zu fliegen.
Doch die Sorgen um den jungen Prinzen fangen damit erst so richtig an: Denn Harry möchte schon bald wieder nach Afghanistan. Schon im Herbst, sobald seine Einheit das Einsatztraining abgeschlossen hat, könnte es losgehen. Harry tritt damit in die Fußstapfen seines Onkels Andrew, der während des Falkland-Krieges 1982 ebenfalls als Kampfpilot Einsätze flog.
Für das britische Verteidigungsministerium ein Dilemma: Einerseits können sie auf einen Soldaten mit Harrys Expertise kaum verzichten. Nur einer von zehn Soldaten, die sich für die Ausbildung als Kampfhubschrauberpilot bewerben, packt das extrem harte Training. Andererseits stellt der Prinz ein Sicherheitsrisiko dar. 2007/2008 wurde er schon einmal auf eigenen Wunsch heimlich in die südafghanische Provinz Helmand geschickt. Das Verteidigungsministerium verhängte zwar eine Nachrichtensperre. Doch als einige Medien trotzdem Harrys Einsatzort verrieten, musste er nach nur zehn Wochen wieder nach Hause. Für das britische Militär ein PR-Desaster, weil ihm unterstellt wurde, das Leben des Prinzen und seiner Kameraden leichtfertig riskiert zu haben. Diesmal wird die Armee wohl gar nicht erst versuchen, den Einsatz des Prinzen geheim zu halten. Sein Job als Hubschrauberpilot soll etwas weniger gefährlich sein, weil der Apache für die meisten Waffen der Taliban zu hoch fliegt. Und auch das Risiko, entführt zu werden, ist geringer.
Doch die öffentliche Wirkung könnte trotzdem problematisch sein, wie das Beispiel Prinz William zeigt: Die Nummer zwei der Thronfolge schiebt derzeit Dienst als Kopilot eines Rettungshubschraubers auf den Falkland-Inseln. Seine pure Anwesenheit in Uniform auf den Inseln hat die ohnehin angespannte Stimmung zwischen Argentinien und Großbritannien noch verschlechtert.
Harrys Job als Kopilot wird die Bedienung der Apache-Waffensysteme sein, sprich der Raketen und Maschinenkanone. Im Klartext: Der Prinz wird Jagd auf Taliban machen. „Rebellen töten – dafür ist die Maschine, die Prinz Harry fliegt, da. Man kann es nicht anders sagen“, zitiert der „Telegraph“ einen Militärangehörigen. Apache-Piloten in Afghanistan haben laut Medienberichten die höchste „kill rate“ aller britischen Einheiten vor Ort. Im Schnitt bringen sie wöchentlich zwei Taliban um.
Harrys Vater Charles soll nicht begeistert sein, dass sein Sohn als Apache-Pilot mit großer Sicherheit Menschen töten wird. Doch Harry selbst hat nie Zweifel daran gelassen, dass er mit ganzem Herzen Soldat ist und an die Front will.
„Mir gefällt es wirklich in der Armee“, erklärte er dem „Telegraph“ während seines kurzen ersten Afghanistan-Einsatzes. „Jeder, der sagt, ihm gefällt es nicht, ist verrückt. Man kann es eine Woche hassen und in der nächsten Woche ist es schon der tollste Job, den man sich wünschen kann. Es hat so viel zu bieten.“
Prinz Harry (27), Dritter in der britischen Thronfolge, hat seine Ausbildung zum Militär-Hubschrauberpiloten abgeschlossen. Die Ausbildung ist zweiteilig: Als Pilot fliegt man den Apache-Helikopter, als Kopilot (der vor dem Piloten sitzt) bedient man die Waffen der Maschine und übernimmt nur im Notfall die Steuerung. Hier war Harry der Beste seines Jahrgangs. Nun will er auch wirklich eingesetzt werden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2012)
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