Bischof Scheuer: "Die Menschen mögen"

07.04.2012 | 15:23 |  von Dietmar Neuwirth und Köksal Baltaci  (Die Presse)

Der Innsbrucker Diözesanbischof Manfred Scheuer spricht im Interview über winterliche Zeiten in der Kirche, den Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils und den "Aufruf zum Ungehorsam".

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Zu Ostern verkünden die Kirchen: Der Stein ist weg, das Grab ist leer. Das Grab ist wahrscheinlich leer, aber kann es sein, dass der Stein wieder vor das Grab gewälzt wurde?

Bischof Manfred Scheuer: Zum Ostergeheimnis gehört das Leben Jesu mit Kreuz und Auferstehung. Zentral für den Glauben ist das Hinschauen auf das Leiden, nicht abstrakt, sondern in der Person Jesu, in der das Leiden der Menschen gebündelt ist. Es gibt so etwas wie Gezeiten im Leben, auch in Gesellschaft und Kirche – mit winterlichen ebenso wie mit Aufbruchszeiten.


Erlebt nicht die Kirche derzeit eine dieser winterlichen Zeiten?


Karl Rahner hat vor 40 Jahren von einer winterlichen Zeit in der Kirche gesprochen. Man hat jedenfalls nicht den Eindruck, dass wir gerade in einem galiläischen Frühling, also in einer Aufbruchstimmung leben. Ich kann mir die Zeit, in der ich lebe, nicht aussuchen. Ich möchte die Gegenwart als Herausforderung und Chance verstehen.


Wir feiern heuer ein Jubiläum – 50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil: Damals gab es einen großen Aufbruch. Mittlerweile ist von diesem Schwung wenig übrig, oder?

Ich bin dankbar für das Zweite Vatikanische Konzil, dessen Bandbreite ich aufgrund meines Alters erst während meines Studiums realisiert habe. Das Konzil wurde durch viele Aufbruchsbewegungen vorbereitet, die durch die Hinwendung zur Heiligen Schrift und zu einem neuen Verhältnis zur Moderne gekennzeichnet waren. Das Verhältnis von Kirche und Welt wurde neu gesehen, im Sinne einer solidarischen und kritischen Zeitgenossenschaft. Das ist ein bleibendes Vermächtnis. Johannes XXIII. wollte die Kirche öffnen. Insgesamt war das eine Zeit, die stark auf Dialog ausgerichtet war. Die Aufträge, die bleiben, sind: Wie bekommen wir ein positives und zugleich differenziertes Verhältnis zur Moderne? Wie stellen wir uns der sozialen Frage, der Globalisierung, dem Auseinanderklaffen zwischen Arm und Reich, den sogenannten „Zeichen der Zeit“ – auch ein Begriff, der für das Zweite Vatikanische Konzil prägend war.


Durch das Konzil wurden Fenster geöffnet. Sind nicht manche wieder geschlossen worden? Das Konzil hat der Ökumene einen kräftigen Schub beschert. Zuletzt hat Benedikt XVI. in Deutschland für Ernüchterung gesorgt, auch mit der Aussage, er komme ohne ökumenisches Geschenk.

Es braucht beides – verbindliche Gestaltung gemeinsamen Glaubens ebenso wie Dynamik. Tradition ist ein lebendiges und auf Umkehr und Veränderung hin offenes Geschehen. Die Kirche darf dabei kein Vogelhaus sein, nach allen Seiten offen nach der Devise „anything goes“. Sicher ist zum Beispiel im Bereich der Ökumene die Euphorie einer Ernüchterung gewichen. Ich bedaure, dass manches in der Beziehung zwischen den Konfessionen schwieriger geworden ist. Begegnung ist immer auch Wagnis. Manchmal könnten wir mehr riskieren und auf Leute zugehen, von denen wir nicht im Vorhinein wissen, dass sie uns bestätigen.


Von „anything goes“ sind wir in der katholischen Kirche aber sehr weit entfernt.


Es gibt unterschiedliche Ausprägungen. Die Kirche selbst ist eine höchst gemischte Gesellschaft mit einer großen Bandbreite. Ich glaube auch, dass es in Rom einen größeren Pluralismus gibt als es von vielen wahrgenommen wird.


Glauben Sie wirklich, dass in Rom an maßgeblichen Stellen Pluralismus existiert?

Ich denke schon, dass es unterschiedliche Ansätze gibt.


Ist Ihnen die römische Kurie zu ängstlich? Fehlt bei den höchsten Amtsträgern das „Fürchtet euch nicht“ aus der Bibel?


Es steht mir nicht zu, die Psychologie der römischen Kurie zu beurteilen. Ich denke, wer eine feste Überzeugung hat, kann auch Vertrauen haben. Da könnte man durchaus offensiver sein. Wir sind in vielen Bereichen in der Defensive. Was die Ökumene angeht, denke ich schon, dass in den letzten Jahrzehnten sehr viel erreicht wurde. In der Ökumene gilt es – das ist durchaus eine Formulierung, die auch von Papst Benedikt XVI. stammt – wahrzunehmen, dass es mehr Gemeinsames als Trennendes gibt. Das gemeinsame Christuszeugnis etwa, auch das diakonische, karitative Zeugnis. Zur Ökumene gibt es keine Alternative. Auch der gegenwärtige Papst hat sich entschieden zur Ökumene bekannt. Ich glaube nicht, dass da etwas zurückgenommen wird.


Vor 50 Jahren war eine Neudefinition des Verhältnisses der katholischen Kirche zur Moderne sehr wichtig. Ist dieses Verhältnis heute nicht extrem gestört?


Wir haben natürlich nicht die Moderne von damals, sondern die Postmoderne. Wir haben auch die Dialektik der Moderne erlebt, ihre Schattenseiten wie etwa die Vereinsamung oder andere Formen der Entfremdung. Die grundsätzlichen Errungenschaften wie Freiheit, Verantwortung für die Gesellschaft und auch ein positives Verhältnis zur Wissenschaft würde ich auch gegenwärtig unterschreiben. Nicht der naive Fortschrittsglaube ist automatisch das Evangelium. Es geht vielmehr darum, die Menschen der Gegenwart zu mögen und die aktuellen Entwicklungen – auch wenn sie nicht unter christlichen Vorzeichen laufen – als Herausforderung und Chance zu sehen. Wir haben in manchen Bereichen zu schauen, wo es neue Versöhnung braucht. Manchen Bildungsexperten geht es nur darum, dass Menschen immer erfolgreicher werden. Das ist ein amputiertes Menschenbild. Ich sehe die Postmoderne also differenziert positiv. Einiges ist in der kirchlichen Tradition verwurzelt, manches wiederum sperrt sich.


Ist es nicht Zeit für ein neues Konzil? In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Entwicklung so beschleunigt wie in keinem anderen Abschnitt der Menschheitsgeschichte.

Wir brauchen ein stärkeres Miteinander von Ortskirchen und Weltkirche, ein stärkeres Maß an Subsidiarität. Das halte ich auch für möglich. Kardinal Kasper hat von einer gewissen Schräglage zwischen Universalkirche und Ortskirche gesprochen. Nicht alle Details müssen von Rom geregelt werden. Ob ein Konzil in der Gegenwart das geeignete Instrument ist, bezweifle ich. Manches aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil haben wir noch nicht umgesetzt.


Wie wollen Sie das Verhältnis zwischen Ortskirchen und Rom verbessern?

Es geht zuerst um die eigene Glaubenskraft. In Europa gibt es Ermüdungserscheinungen. Welche Kreativität haben wir, welche Freude am Glauben und welche Jugendlichkeit? Wenn ich Besuch von Bischöfen aus dem Ausland bekomme und wir Gottesdienst feiern, fragen sie mich, wo die Jugend ist.


Und wo ist die Jugend? Ist sie nicht eine verlorene Generation für die Kirche?

Das sehe ich nicht so. Auch aufgrund der demografischen Entwicklung gibt es weniger Kinder. Junge Menschen zeigen spirituelle Suchbewegungen und auch ein solidarisches Potenzial.

Haben Sie eigentlich Helmut Schüller, den Kopf der Pfarrerinitiative, schon einmal getroffen?

Ja, ein paar Mal, aber vor dem „Aufruf zum Ungehorsam“. Ich habe immer versucht, die Pfarrerinitiative differenziert wahrzunehmen. Ich glaube nicht, dass eine ungeteilte Zustimmung möglich ist, aber eine pauschale Ablehnung wäre auch fatal. Es ist wichtig, die Leidenschaft für die Seelsorge wahrzunehmen. Und die Frage zu stellen, welche Wertschätzung Seelsorger erfahren.


Welche Wertschätzung erfahren Priester durch Diözesanleitungen, wenn man ihnen immer neue Pfarren aufhalst?

Das Bild der Pfarre und des Pfarrers hat sich verändert. Stundenmäßig haben Priester vor 40, 50 Jahren wahrscheinlich sogar mehr gearbeitet. Etwa die Hälfte ihrer Arbeit bestand aus Religionsunterricht. Heute haben Priester mit dem Gefühl zu kämpfen, sehr viel und trotzdem nicht genug zu tun – und weniger Resonanz zu bekommen. Wir haben auch in der Kirche eine zunehmende Bürokratisierung.


Sie haben die Wertschätzung angesprochen. Wo ist die Wertschätzung der Bischöfe für die Priester?


Ich stelle mir im Zusammenhang mit der Pfarrerinitiative schon die Frage, ob wir Bischöfe unserer Fürsorgepflicht für die Priester nachkommen. Das möchte ich deutlich sagen. Es wäre fatal, wenn eine Kampfsituation zwischen Priestern beziehungsweise Pfarrern und Bischöfen entsteht. Nach dem Motto: Wer ist stärker?


Ist diese Situation nicht schon Realität?

Realität ist das Gefühl von nicht wenigen Priestern und kirchlichen Mitarbeitern, von den Bischöfen nicht verstanden und wahrgenommen zu werden.

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