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Freitod: Die Dämonen der Kennedys

19.05.2012 | 18:00 |  von THOMAS VIEREGGE (Die Presse)

Mary Kennedys Selbstmord wirft erneut ein Schlaglicht auf die Tragödien und Todesfälle der berühmtesten Familie der USA. Viele sprechen von einem "Fluch", und es scheint tatsächlich so.

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Ihre Schwägerin zerriss es fast vor Schmerz. „Ich fühle mich, als hätte ich die Hälfte meines Körpers, die Hälfte meiner Seele verloren“, sagte Kerry Kennedy am Ende der jahrelangen, von Depressionen, Alkohol- und Tablettensucht gezeichneten Tragödie um ihre Busenfreundin Mary Richardson Kennedy. Sie hatte ihre Mitschülerin in den Kennedy-Clan eingeführt. Welcher Teenie träumte nicht vom gesellschaftlichen Glanz jener Familie, des US-Äquivalents der Royals? Die Kehrseite des Kennedy-Ruhms, das Leid und die Verbitterung, kommt oft erst zu spät ans Licht.

Als 14-Jährige hatten die beiden Mädchen im Internat Putney (Vermont) Freundschaft geschlossen, anschließend besuchten sie die Brown University in Providence, und bei Kerrys Hochzeit mit dem aufstrebenden demokratischen Politiker Andrew Cuomo stand Mary 1990 als deren Brautjungfer vor dem Altar. „Lange bevor ich sie heiratete, hat jedes Mitglied meiner Familie sie als eine Kennedy betrachtet“, erzählte Robert F. Kennedy, Jr. Soll also niemand sagen, dass sie nicht wusste, worauf sie sich einließ.

Am Wochenende hielten die Kennedys und die Richardsons zwei Requien für die 52-Jährige ab. Sie betrauerten den jüngsten Todesfall in der an Familiendramen reichen Polit-Dynastie. Doch nicht erst seit dem Selbstmord am Mittwoch herrscht böses Blut zwischen den Familien. Dass Mary im Familiengrab der Kennedys in Hyannisport beigesetzt werden soll, erzürnt die vier Schwestern und zwei Brüder der Architektin und Designerin, die einst für Andy Warhol arbeitete. Als sie sich in der Scheune des weitläufigen Anwesens erhängte, hatte sie sorgsam darauf geachtet, dass ihre vier Kinder im Alter von elf bis 17 Jahren außer Haus waren. Die Tochter eines College-Professors aus New Jersey, die nach dessen frühen Tod einmal für ein halbes Jahr mit einer Puppentheatertruppe auf Tour gegangen war, hinterließ angeblich keinen Abschiedsbrief.


Hochzeit am Hudson. Mary war im sechsten Monat schwanger, als sie im April 1994 an Bord des Forschungsschiffes „Shannon“ am Hudson River den Anwalt und Umweltaktivisten Robert, Jr. heiratete, das dritte von elf Kindern des 1968 ermordeten Präsidentschaftskandidaten und ehemaligen Justizministers Robert F. Kennedy. Erst einen Monat zuvor hatte der Vater zweier Kinder aus erster Ehe die Scheidungspapiere unterschrieben. Das Glück schien perfekt, als drei weitere Kinder folgten und die Kennedys ihren Backstein-Familiensitz in eine ökologische Vorzeigevilla umwandelten. Mehr oder weniger prominente Freunde und Nachbarn wie die Schauspieler Glenn Close und Christopher Reeve kamen in der Parkanlage samt Teich zu Spielnachmittagen zusammen.

Während seine Frau zu Hause blieb und sich dem Umbau des Heims widmete, ging Robert auf ausgedehnte Reisen – als Autor und Umweltschützer, als Falkner und Wildwasser-Rafter. Eine Zeit lang erwog er auch, das Familienerbe anzutreten – den Sprung in die Politik. Anders als Onkel Ted und Cousine Caroline sprach er sich 2008 für die Wahl Hillary Clintons aus. Wie sein Großvater, sein Vater und seine beiden Onkel blieb er dem Ruf als notorischer Womanizer treu.

Im Kennedy-Richardson-Haushalt war unterdessen schon lange nichts mehr heil. Mit der Begründung „Mary ist krank“, sagte Robert Einladungen immer öfter kurzfristig ab. Die Ehe ging in die Brüche, Robert zog aus und reichte 2010 schließlich die Scheidung ein. Mehrmals brachte er eine einstweilige Verfügung gegen seine Frau ein, er kämpfte um das Sorgerecht für seine Kinder. Nach Notrufen und Suiziddrohungen versuchte die Polizei, die Turbulenzen im Hause zu schlichten. Zweimal stoppte sie Mary im Fahrzeug unter Alkohol- und Medikamenteneinfluss. Einmal sprang sie aus dem Auto, als ihr Mann sie in eine psychiatrische Klinik einweisen wollte. „Oft wusste ich nicht, wie sie den Tag überstanden hat“, sagte er nach ihrem Freitod. „Sie durchlitt große Qualen.“

Pein und Seelennot sind Robert Kennedy, Jr. selbst alles andere als fremd. Nach dem Anschlag auf seinen Onkel John F. Kennedy trug sein Vater die Fackel weiter, bis ihn am Abend seines Triumphs bei den Vorwahlen in Kalifornien ein Attentäter in der Küche des Ambassador-Hotels in Los Angeles niederstreckte. Bald danach, berichtete er in einem Interview, griff Robert, Jr. zu Drogen. Er überwand die Sucht, der Tod wurde jedoch zu einem ständigen Begleiter. 1984 starb sein jüngerer Bruder David in Palm Beach an einem Drogencocktail, 1997 erlitt Michael – ein weiterer Bruder – einen letalen Unfall, als er in Aspen beim Ski-Football rückwärts gegen einen Baum prallte.


Abstürze und Unfälle. Dramen durchziehen das Leben der Kennedys wie ein roter Faden, begleitet von Alkohol und Drogen. Cousin John-John stürzte samt Frau und Schwägerin im Cockpit eines Sportflugzeugs über der Insel Martha's Vineyard ab, als er im Nebel die Orientierung verlor. Der viel beschworene „Fluch“ der Kennedys: Hatte er wieder zugeschlagen, wie der Boulevard raunte? Kein Kennedy, so die Fama, stirbt im Bett. Kein Zweig des verästelten Clans blieb verschont von Abstürzen, Anschlägen, Unfällen oder Krebs. Ted Kennedy überlebte 1969 den Unfall von Chappaquiddick, seine Beifahrerin nicht – es kostete ihn die Präsidentschaft. Im Vorjahr erlag seine Tochter Kara 51-jährig einem Herzinfarkt im Fitnessstudio.

Robert zeigte sich an der Seite der Schauspielerin Cheryl Hines, er zog teils nach Kalifornien. Mary unterzog sich einer Therapie bei den Anonymen Alkoholikern, die Trennung verwand sie indes nicht. Gegen ihre „Dämonen“, meint Kerry, war sie machtlos.

1960
wurde Mary Kennedy als Mary Richardson geboren.

1994
heiratete sie Robert F. Kennedy Junior, den Sohn des 1968 erschossenen Senators gleichen Namens. Dessen Bruder, US-Präsident John Fitzgerald Kennedy, war 1963 in Dallas erschossen worden. Mary Kennedy war Mutter von sechs Kindern. Vier bekam sie gemeinsam mit Robert F. Kennedy Junior, zwei hatte der berühmte Erbe mit in die Ehe gebracht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2012)

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