Als Karl May einen Harem walzen ließ

02.02.2013 | 18:13 |  von anne-catherine simon (Die Presse)

Liebe auf dem ersten Ball, Werthers »fliegender« Tanz und ein vergessener Opernballroman: Die Literatur gibt die besten Einblicke in die Seelengeschichte des Balls.

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Zu den lustigsten Passagen in Karl Mays Orient-Reiseromanen gehört die Stelle, wo Kara ben Nemsi mit seinem Klavierspiel einen Harem zum Walzertanzen bringt. „Ich war sehr begierig zu sehen, welche Wirkung ein flotter Walzer auf die Damen machen werde...“, denkt er sich in einer Episode des Bandes „Von Bagdad nach Stambul“. Und er wird nicht enttäuscht: „Die Frauen zuckten vor Überraschung zusammen, schrien vor Erstaunen laut auf... Nach einem kurzen Präludieren ließ ich meinen ,feschesten‘ Walzer los. Mein Publikum saß zunächst ganz starr; bald aber kam Bewegung in die steifen Gestalten: Die Hände zuckten, die Beine empörten sich gegen ihre orientalisch eingebogene Lage, und die Körper begannen, sich nach dem Takte hin und her zu wiegen...“

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Ein bisschen so, wenn auch nicht ganz so ungewohnt, muss der Walzer auch auf Europäer gewirkt haben, als er Ende des 18. Jahrhunderts aufkam. Goethes 1774 erschienener „Werther“ kann davon eine Vorstellung vermitteln – und zwar gerade deswegen, weil das „Walzen“, von dem im Roman die Rede ist, gar keines in unserem Sinn ist. Werther und Lotte tanzen auf dem Ball, auf dem sich Werthers Leidenschaft entzündet, einen „Deutschen“, den Vorläufer des klassischen Walzers, der viel behäbiger und langsamer gewesen ist. Und doch ist es für Werther wie „Fliegen“: „Nie ist mir's so leicht vom Flecke gegangen. Ich war kein Mensch mehr. Das liebenswürdigste Geschöpf in den Armen zu haben und mit ihr herumzufliegen wie Wetter, dass alles rings umher verging...“ Und Werther schwört, „dass ein Mädchen, das ich liebte, auf das ich Anspruch hätte, mir nie mit einem anderen walzen sollte als mit mir, und wenn ich damit zugrunde gehen müsste.“

Wenn schon der „deutsche Tanz“ hier zum Inbegriff der Leidenschaft wird, wie müssen Goethe und seine Zeitgenossen den sich bald durchsetzenden Walzer empfunden haben? Und als wie gefährlich muss er den Hütern der Moral erschienen sein, wenn doch schon der „Deutsche“ wegen der körperlichen Nähe der Tanzpartner als unzüchtig galt. In Bayern und Salzburg wurden 1760 die „walzend und schutzend Tänz“ sogar verboten.

Das kontrollierte Balzritual. Wenn es um die Kulturgeschichte von Bällen geht und im Besonderen dem Walzertanzen auf Bällen, ist die Literatur die vielleicht beste Quelle. Einige der größten Liebesgeschichten beginnen auf einem Ball: Romeo verliebt sich dort in Julia, Anna Karenina in Wronsky, Elizabeth Bennett in Mr. Darcy (in Jane Austens Roman „Stolz und Vorurteil“), und eben auch Werther in Lotte. Das ist nicht verwunderlich. Liebe wurde seit dem Ende der arrangierten Heiraten in Adel und dann auch Bürgertum auf Bällen angebahnt. Sie waren Initiationsritus und Heiratsmarkt in einem, gesellschaftlich zugelassene Balzrituale unter der Kontrolle der „Alten“.

Einige der gewitztesten Ballbeschreibungen findet man bei Jane Austen. Im eintönigen britischen Landleben sind Bälle oft die einzige Abwechslung. In Russland waren die Winter noch länger und kälter. Autoren wie Dostojewski und Tolstoi inszenieren den Ball als Mikrokosmos der „feinen“ Gesellschaft, Tolstoi ist der Meister, wenn es um die Psychologie weiblichen „Ballgefühls“ geht. Zu Recht berühmt: die Ballszene am Anfang von „Anna Karenina“, in der sich Charakter und Befindlichkeit von Anna und Kitty schon aus ihrer Toilette erschließen.

Aber kein anderes Land hat den Ball, und einen ganz besonders, zu einem Kernstück eigener Identität gemacht. Deshalb gibt es anderswo auch nichts, was Josef Haslingers „Opernball“-Roman vergleichbar wäre. „Eh wir zum Gasschlauch greifen,/ fahrn wir zum Opernball“, schrieb Josef Weinheber im Gedicht „Wir Wiener“ (1935). 60Jahre später ermorden in Haslingers Roman rechtsextreme Terroristen mit Giftgas 3000 Opernballgäste. Aus Weinhebers weinerlichem, autoaggressivem Weltschmerz ist Terrorismus geworden, ermöglicht durch die Art von Eskapismus, die schon Weinheber thematisiert.

Ein britischer „Opernball“. Einen Opernballroman gab es übrigens schon früher. 1975 veröffentlichte die britische Autorin Sarah Ames unter dem Pseudonym Sarah Gainham den Roman „To the Opera Ball“, da geht es aber nicht wirklich um Gesellschaftskritik: Leona soll mit ihrem Verlobten auf den Wiener Opernball gehen, der statt seiner einen geheimnisvollen Freund schickt, worauf Liebe auf den ersten Blick folgt und die zwei in die Berge Schifahren gehen...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2013)

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