Es war die pure, inszenierte Idylle: Man radelte den Waldrand entlang, ließ die drei kleinen Töchter in rosa Kleidchen über die Wiesen toben oder sich eng an die Eltern schmiegen. Beim offiziellen sommerlichen Urlaubsfototermin des niederländischen Kronprinzen und seiner Familie, der traditionell den Klatschblättern hübsche Bilder liefert und den Paparazzi wohl den Wind aus den Segeln nehmen soll, wurde am Wochenende eines vermittelt: Das Bild einer glücklichen Familie – oder zumindest einer Familie, die gemeinsam den Widrigkeiten des Lebens trotzt.
Der diesjährige Sommerurlaub der königlichen Familie Oranien-Nassau der Niederlande auf dem Landgut De Eikenhoorst in Wassenaar bei Den Haag ist von schweren Krankheitsfällen überschattet. „Der Zustand meines Bruders Friso ist nach wie vor unverändert. Sobald es Veränderungen geben sollte, werden wir das bekannt machen“, kommentierte der niederländische Kronprinz Willem-Alexander (45) am Wochenende erstmals Fragen, wie es seinem Bruder Prinz Friso gehe. Der 43-Jährige war bekanntlich am 17. Februar in Lech am Arlberg von einer Lawine verschüttet worden. Seither liegt er im Koma, inzwischen in der Wellington-Klinik in London.
Dort wird er täglich von seiner Frau, Prinzessin Mabel, besucht, die sich erst vor drei Wochen zum ersten Mal wieder in der Öffentlichkeit gezeigt hat, als sie in Florenz die Hochzeit von Königin Beatrix' Nichte Carolina und dem C&A-Spross Albert Brenninkmeijer besuchte. Frisos Mutter Beatrix fliegt jede Woche einmal zu ihrem zweitältesten Sohn nach London ans Krankenbett.
Nicht erwähnt wurde beim Fotoshooting der zweite Krankheitsfall in der Familie: Willem-Alexanders Schwägerin, Prinzessin Maximas jüngere Schwester Ines, ist nach Berichten argentinischer Medien wegen Magersucht und einer Persönlichkeitsstörung in eine psychiatrische Klinik in Buenos Aires eingewiesen worden. Auslöser für den Zusammenbruch der 27-Jährigen soll angeblich vor allem die Angst um ihren Vater Jorge Zorreguieta gewesen sein. Der 84-Jährige ist laut „Bild“ wieder angezeigt worden, weil er während der argentinischen Diktatur mitverantwortlich dafür gewesen sei, Regimegegner zu verschleppen.
Die ersten öffentlichen Äußerungen von Willem-Alexander über den Gesundheitszustand seines Bruders haben indes auch Reaktionen ausgelöst. Zwei namhafte Neurologen geben in der Zeitung „Algemeen Dagblad“ ihre Analyse des Krankheitsverlaufs. „Nach fünf Monaten im Koma müsste es eigentlich schon einige Anzeichen der Besserung geben,“ meint Bernhard Uitdehaag, Vorsitzender der Neurologenvereinigung der Niederlande.
„Man muss sich die Frage daher stellen: Welche Perspektiven hat Prinz Friso überhaupt noch?“ Sein Kollege Michael Kuiper meint: „Die Aussage von Willem-Alexander ist kein günstiges Zeichen.“ Und: „Es wäre positiver gewesen, wenn sich die Situation von Prinz Friso in den vergangenen Monaten verändert hätte.“
Weiterhin unklar ist, ob Prinz Friso selbstständig atmen kann. Bekannt ist lediglich, dass sein Gehirn durch den 50-minütigen Sauerstoffmangel wahrscheinlich erheblich beschädigt wurde. „Früher oder später wird sich die königliche Familie die Frage stellen müssen, ob das Leben von Prinz Friso noch wirkliches Leben ist und ob dieses Leben noch einen Sinn hat,“ meinen die beiden Neurologen Kuiper und Uitdehaag. „Aber was ist sinnvolles Leben? Eine Definition davon hängt von der Kultur, den religiösen Überzeugungen ab.“
Prinz Willem-Alexanders Bruder Friso liegt seit seinem Lawinenunfall im Winterurlaub am Arlberg in einer Londoner Spezialklinik im Koma. Sein Zustand sei „unverändert“, sagte Willem-Alexander beim offiziellen Fototermin im Sommerurlaub im niederländischen Wassenaar. Indes wurde die Schwester seiner Frau Maxima wegen Magersucht und psychischer Probleme in eine Klinik in Buenos Aires gebracht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2012)
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