London/J. k. Es war ein seltener Einblick in die Gedankenwelt Ihrer Majestät, die der BBC-Sicherheitsexperte morgens zur besten Radiosendezeit gewährte: In einem Gespräch über den terrorverdächtigen Hassprediger Abu Hamza und dessen Rechtsstreit um seine Auslieferung in die USA erzählte Frank Gardner, dass der Fall sogar die Queen besorgt habe. Elizabeth II. habe ihm erzählt, dass sie nicht verstanden habe, warum Hamza nicht in Haft sei. Das Staatsoberhaupt habe sogar den Innenminister angerufen und gesagt: „Warum ist der Mann noch auf freiem Fuß? Er muss doch irgendwelche Gesetze gebrochen haben!“
„Ein Knaller“, freute sich der Moderator, „Königin persönlich besorgt über Abu Hamza“ wurde kurzzeitig zur Hauptnachricht. Doch schon ein paar Stunden später entschuldigte sich der öffentlich-rechtliche Sender reumütig bei der Queen – sie habe ihre Bemerkungen „privat und vertraulich“ gemacht, Gardners Offenlegung sei deshalb ein „Vertrauensbruch“, den Sender und Reporter (Gardner sitzt seit einem al-Qaida-Angriff in Saudiarabien 2004 im Rollstuhl) „zutiefst bedauerten“.
Ungeschriebene Gesetze
Der Buckingham Palace wollte den Fall nicht kommentieren. Nach der (ungeschriebenen) britischen Verfassung ist die Queen zu politischer Neutralität verpflichtet. Dass sie sich offenbar nicht daran hält, spielte in der Aufregung nur eine untergeordnete Rolle. Denn nach der (ebenfalls ungeschriebenen) Konvention der Hofberichterstattung dürfen ihre semiprivaten Äußerungen nicht reportiert werden.
Der Fall Hamza dürfte der Queen derweil weiter Sorgen machen: Gestern entschied der Londoner „High Court“, eine Eilklage des Islamisten gegen seine Ausweisung anzuhören.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2012)
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