Österreich ist im Eishockeyfieber, zumindest Teile davon. Am Freitag bebte jedenfalls die Liebenauer Halle, mit mehr als 4000Zuschauern restlos ausverkauft. Der Streit in der nordamerikanischen Profiliga NHL macht es möglich, 82 Spiele hat man vorerst abgesagt, es gibt keinen gültigen Arbeitstarifvertrag, die Verhandlungen liegen auf Eis, Hauptstreitpunkt ist die Aufteilung der jährlichen Gesamteinnahmen von rund 3,3 Milliarden Dollar. Während man sich in Amerika und in Kanada seit 11.Oktober, ursprünglich als Saisonstart geplant, fragt, wie lange ein Leben ohne Eishockey überhaupt denkbar ist, reiben sich Vereine in Europa die Hände. Auf einmal sind Stars zu haben, die man normalerweise nur zu nächtlicher Stunde im TV, bei Weltmeisterschaften oder bei Olympischen Winterspielen zu sehen bekommt.
Auch österreichische Vereine haben sich bedient, besonders glücklich sind die Grazer mit ihrem Thomas Vanek. Der 28-Jährige gibt für die Steirer ein Gastspiel, feierte bei seinem Debüt in der Erste-Bank-Liga gleich einen Sieg (5:4 gegen Zagreb im Penaltyschießen), steuerte einen Treffer bei. Der Superstar, der bei den Buffalo Sabres zum Multimillionär geworden ist, präsentiert sich als pflegeleichter Profi ohne Allüren. Er scheint die Rückkehr in seine Heimat so richtig zu genießen, im Elternhaus ist er in sein altes Kinderzimmer gezogen. Auf einen Dienstwagen vom Verein hat er dankend verzichtet, Vanek genügt ein Fahrrad.
Die Grazer, die im Eishockey schon triste Zeiten erlebt haben, feiern ihren Thomas Vanek als neuen Heilsbringer. Die Fans sind ausgehungert, sie lechzen nach Erfolg, jetzt weht in Liebenau tatsächlich so etwas wie ein Hauch von NHL. Vanek-Trikots sind der große Renner, die ersten 350 Stück sind schon weg, Nachbestellungen sind schon in Arbeit. Der Klub rechnet damit, dass man rund 1000 Trikots an Mann und Frau bringt.
Die sieben Heimspiele, die Thomas Vanek für die Steirer bestreiten soll, werden alle ausverkauft sein, die Rechnung geht also voll auf. Schon am heutigen Sonntag steigt in Graz das nächste Highlight, die 99ers empfangen Innsbruck. Mit Spannung wird das Duell mit einem weiteren NHL-Legionär erwartet, die Tiroler rücken mit Andreas Nödl (Carolina) an. Das Ligadebüt des 25-jährigen Wieners war nicht von Erfolg gekrönt. Innsbruck verlor in Székesfehérvár mit 3:4 und ist auch nach neun Runden noch sieglos. Nödl hat einen Treffer vorbereitet und hofft nun auf den ersten Sieg. Er selbst gibt sich extrem bescheiden. „Ich bin kein NHL-Star“, sagt er. „Wenn das einer ist, dann ist es Thomas Vanek.“
Ein Spektakel wird auch beim Tabellenführer aus Villach erwartet, wenn mit Michael Grabner der dritte Österreicher in der NHL sein Können zeigt. Erstmals seit acht Jahren läuft der Kärntner, der nur wenige Meter von der VSV-Halle aufgewachsen ist, wieder für seinen Verein auf. Der Gegner heute heißt Dornbirn. Auch in Villach ist das Eishockeyfieber voll ausgebrochen. Wenigstens eine Liga, die derzeit boomt.
wolfgang.wiederstein@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2012)
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