Zugegeben. Wir wollten kein Wort mehr über Felix Baumgartner verlieren. Aus medienhygienischen Gründen. Wenn Red Bull vorkommen will, sollen sie inserieren, so lautet das Argument. Aber erstens haben die Menschen in der vergangenen Woche über nichts mehr diskutiert als über den vergeblichen Versuch, aus der Stratosphäre zu springen. Da kommt man einfach nicht daran vorbei. Zweitens haben wir auch etwas gelernt vom Basejumper. Es heißt nämlich Stratosphäre und nicht Stratossphäre, wie wir fälschlicherweise angenommen haben. Baumgartners Projekt nennt sich aber trotzdem Stratos.
Und drittens freuen wir uns insgeheim ein bisserl, weil wir bisher recht hatten mit unserer (auch an dieser Stelle gestellten) Prognose: Er wird überhaupt nicht springen. Nie. So windstill und so wolkenlos, wie es sein müsste, damit dieser hyperempfindliche Ballon in den Himmel steigen kann, ist es nämlich auf dem Planeten Erde einfach nicht.
Gleichzeitig fühlt jeder, der schon einmal auf ein Zehn-Meter-Brett hinaufgeklettert ist, hinuntergeschaut hat und dann doch nicht gesprungen ist, mit Felix Baumgartner. Wenn weltweit live übertragen wird, ist es gar nicht so einfach umzudrehen. Runterschubsen kann einen dort oben freilich auch niemand. Abgesehen von der Frage, wie man wieder herunterkommt, wenn man kneift. Vielleicht ist ja in der Internationalen Raumstation noch Platz? Wir haben Stratosphäre natürlich auch gegoogelt und gelernt, es gibt noch ziemlich viel Luft nach oben: Mesosphäre, Thermosphäre und Exosphäre, die allesamt deutlich höher liegen, könnten noch als Absprungzone dienen. Aber vielleicht hat Baumgartner das eh noch vor.
Es gab in den 1980er-Jahren den russischen (später ukrainischen) Stabhochspringer Sergej Bubka. Der sprang nicht nur im Wettbewerb höher als alle anderen, sondern hatte im Training den bestehenden Weltrekord bereits um 25 Zentimeter überboten. Um aber über viele Jahre Preisgelder einstreifen zu können und die Aufmerksam zu halten, überbot Bubka den jeweils gültigen eigenen Weltrekord immer nur gerade um einen Zentimeter. Insgesamt 35 Weltrekorde gehen auf sein Konto. Wenn Baumgartner damit anfangen sollte, hätte er bei 50 Kilometer Stratosphäre eine Zeit lang etwas zu tun.
Wenn er nur endlich spränge . . .
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)
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