Über die Klippe

29.12.2012 | 18:03 |  von Florian Asamer (Die Presse)

Oder: Warum ein Wiener und kein Wal Münchner des Jahres geworden ist.

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Schade eigentlich, dass das Wort des Jahres 2012 (Rettungsgasse) bereits gekürt wurde. Das zeigt einmal mehr, dass man das Ende des Jahres abwarten sollte, bevor man sich ein endgültiges Urteil erlaubt. Der Fifa ist das heuer schon mit den Kandidaten für das Tor des Jahres passiert. Die wurden einen Tag vor Zlatan Ibrahimovićs Traumtor gegen England nominiert. In das Rennen um das Wort des Jahres hätte jedenfalls das Wort „Fiskalklippe“ gehört, das uns der amerikanische Steuerstreit zwischen Demokraten und Republikanern als Pausenfüller zwischen den Jahren beschert hat.

Schaut man von dieser Klippe herunter aufs nachweihnachtliche Medienmeer, sieht man unten einen 18 Meter langen Wal liegen, gestrandet an der Küste New Yorks. Der Wal ist inzwischen leider gestorben, die 60 Tonnen Lebendgewicht konnten nicht von Menschenhand ins offene Meer zurückgebracht werden. Das Traurige ist, dass ein gestrandeter Wal die einzige Möglichkeit bietet, diese Tiere ohne die Brechung des Wassers und nicht nur portionsweise, sondern als Ganzes zu betrachten. Sie verlieren trotz ihrer Hilflosigkeit aber nichts von ihrer majestätischen Erscheinung.

Von der Klippe aus sieht man auch den Strand. Und denken wir an Strand, denken wir an Sand, und von dort ist es nicht mehr weit zu Norman Schwarzkopf. Der verstorbene amerikanische General hat es geschafft, dass unsere Generation bei Schwarzkopf nicht mehr nur an Drei-Wetter-Taft und die Destinationen Hamburg (Regen), München (Wind), Rom (Sonne) gedacht hat, sondern auch an die Operation „Desert Storm“ und Saddams Ende im Erdloch. Die Nachricht von Schwarzkopfs Tod erreichte den Kriegspräsidenten George Bush, den Papa von W., auf der Intensivstation. Der greise Präsident hat seinen gut zehn Jahre jüngeren Sterne-General überlebt.

Apropos überlebt: Der Japaner Jirouemon Kimura ist laut Guinnessbuch der Rekorde mit 115 Jahren und 253 Tagen der älteste Mann, der jemals gelebt hat. Von Beruf war er Postbote. Sein Geheimnis: „Iss wenig, leb lange.“ Von Klippenspringen ist jedenfalls nicht die Rede.

Das letzte Ranking das wir im alten Jahr noch bemühen wollen, ist jenes des „Münchners des Jahres“, den Süddeutsche.de in einer Leserabstimmung gekürt hat. Gewonnen hat... ein Wiener. David Alaba.

florian.asamer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2012)

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