Es ist also wieder, wie es immer ist. Außergewöhnlich. Diesmal also kalt, bis vor zwei Wochen war es warm. Auch außergewöhnlich. Wird das Außergewöhnliche zur Regel, ist es ratsam, sich daran zu gewöhnen – und so das Außer außer Dienst zu stellen.
Beginnen könnten wir mit dem Wording. Derzeit hat also eine „sibirische Kälte“ Europa „fest im Griff“ (diese Formulierung wird im Frühling zusammen mit Ski und Rodel eingesommert, um dann zusammen mit der »sibirischen Kälte« spätestens Anfang Februar aus dem Phrasen-Skikeller geholt zu werden). Dabei bezeichnet das Sibirische im aktuellen Fall immerhin die geografische Herkunft der kalten Luft (wie z.B. auch das Italien-Tief), die negativen Konnotationen zu Sibirien werden von den Wintergegnern aber dankbar aufgenommen. Polare Kaltluft hat was viel Neutraleres, vielleicht denkt der eine oder andere an den armen erfrorenen Scott oder an vom Aussterben bedrohte Eisbären, damit hat sich das Negative aber schon.
Hat man ein Dach über dem Kopf und hängt nicht gerade an der Salzburger Fernwärme, könnte man allerdings auch versuchen, der Kälte etwas Positives abzugewinnen. Indem wir etwa Assoziationen mit Winter aus der Kindheit aktivieren, was in den Semesterferien ja nicht so schwierig sein dürfte. Wir sprechen also ab sofort von Gasteiner oder Arlberger Wetter. Klingt doch gleich viel freundlicher, wenn wir Mütterchen Skiurlaub statt Väterchen Frost bemühen.
Überhaupt hat die Kälte die Fähigkeit, uns unsere Grenzen aufzuzeigen. Im eigentlichen Wortsinn nämlich. Nie spüren wir deutlicher, wo unser Körper endet, die Welt da draußen beginnt, als bei großer Kälte. Überhaupt wird viel zu selten gelobt, was die Stärke an unserer geografischen Lage ist. Die Jahreszeiten nämlich, so viel richtigen Frühling, Sommer, Herbst und Winter gibt es kaum einmal wo.
So, jetzt haben wir alles versucht, was in unserer Macht steht. Wer jetzt immer noch missmutig friert, muss halt warten, bis es wieder warm wird. Sicher bald. Und sicher wieder außergewöhnlich. Wetten?
P.S.: Unabhängig von der Jahreszeit wäre es schon wirklich bemerkenswert, wenn der fleischgewordene Traum aller Schwiegermütter (KHG nämlich) nach allem, was war, jetzt ausgerechnet über eine Aussage seiner realen Schwiegermutter stolpern würde.
florian.asamer@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2012)
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