James fährt zu Marianne

10.03.2012 | 17:53 |  von Florian Asamer (Die Presse)

Warum es nicht stimmen kann, dass Regisseur Cameron am tiefsten von allen taucht.

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Der journalistische Werkzeugkoffer enthält auch Messgeräte, um die Größen von Geschichten bestimmen zu können. Die einer Zeitung zur Verfügung stehende Lautstärke (wie viel Platz räume ich einer Geschichte ein, auf welcher Seite, ohne/mit welches/-m Bild) muss behutsam eingesetzt werden. Wenn der Inhalt der Geschichte und seine Aufmachung einander zu sehr widersprechen, wird niemand die Geschichte glauben.

Ein Beispiel? Steht unter Vermischtes in einer Boulevardzeitung eine kurze Meldung mit dem Titel „Außerirdische auf der Erde gelandet“ oder „Jesus Christus hatte einen Sohn“, dann weiß jeder, dass die, die die Geschichte geschrieben haben, sie auch nicht glauben, sonst würde sie nicht klein dort hinten stehen, sondern groß auf der Titelseite.
So ähnlich geht es uns, wenn wir Folgendes hören: James Cameron, der Regisseur von „Terminator“, „Titanic“ und „Avatar“, also drei der meistgesehenen Filme überhaupt, war vergangene Woche als erster Mensch alleine in einem U-Boot auf über acht Kilometer Tiefe. Weiters plant Cameron mit dem selbst konstruierten U-Boot „Deepsea Challenger“ (ja, klingt wie aus einem Kinostreifen) den tiefsten Punkt der Erde, den Marianengraben im westlichen Pazifik, als erster Einzeltaucher (natürlich in dem U-Boot, der Druck ist dort unten so hoch, als würde man sich den Eiffelturm mit der Spitze auf den großen Zeh stellen, steht zumindest im Netz) zu besuchen, um dort Gesteinsproben und seltene Lebewesen nach oben zu holen. Sein U-Boot ist eine winzige Kapsel, in der er sich kaum bewegen, aber immerhin sechs Stunden unter Wasser sein kann. Die erste und letzte bemannte Tauchfahrt in den 1950er-Jahren hatte gerade zwanzig Minuten Aufenthalt am Meeresgrund.

Damit noch nicht genug: Neben dem kanadischen Großregisseur beteiligen sich derzeit auch noch ein Team des Virgin-Milliardärs Richard Branson und eine vom Google-Präsidenten Eric Schmid gesponserte Mannschaft am Wettlauf zum tiefsten Punkt des Meeres.

Diese hochinteressante Geschichte, die wie der Plot für einen Abenteuer-Blockbuster klingt, haben wir diese Woche online auf ausgesuchten Portalen in überschaubarer Größe gefunden. Sonst ist sie uns noch nicht untergekommen. Nimmt man die eingangs erwähnten Journalistenregeln als Maßstab, kann sie eigentlich nicht stimmen.

florian.asamer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2012)

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