Man kennt die Situation: Man starrt auf den Herd und wartet bis beispielsweise die Milch hochzukochen beginnt, weil man z.B. genau in dem Moment Puddingpulver einzurühren hat. Bis es aber endlich so weit ist, hat man die trocken gewordenen Augen für einen kleinen Moment abgewendet, genau dann geht garantiert das Häferl über.
Diese Erfahrung aus unserem Alltag haben wir bemüht, um ein wenig Mitgefühl und Verständnis für jenen Torrichter zu wecken, der diese Woche bei der Fußballeuropameisterschaft ein reguläres Tor im Spiel England gegen die eine Gastgeberhälfte Ukraine nicht gegeben hat. Und das, obwohl dessen Aufgabe einzig und allein darin besteht, neben dem Pfosten auf – offenbar verlorenem – Posten zu stehen, um die eine Wembley-torige Situation pro Europameisterschaft richtig zu erkennen. Hat er aber nicht.
Dafür hat er unsere Sympathien. Schon deshalb, weil in der Nähe des Tores mit einer Fahne zu stehen in Österreich, in dem Pfosten auch eine negative Bedeutung hat, und jemand, der wacheln muss, in der sozialen Hierarchie unten rangiert, per se schon ein undankbarer Job ist. Aber auch weil diese Art von Homer-Simpson-Job (sein Leben lang im Kommandoraum eines AKWs warten, ob was passiert, und dann im entscheidenden Augenblick versagen) uns ein gutes Gefühl gibt, neben all diesen Playstationklonen auf dem Spielfeld. Gäbe es nur lauter Ronaldos, müsste man ja an der eigenen Mittelmäßigkeit verzweifeln.
Dem Schiedsrichter verwandt ist der Neojob des Castingshowjurors. Eine einträgliche Tätigkeit, die als neuer Medienberuf in Nullerjahren entstanden ist und eine genauere wissenschaftliche Untersuchung wert wäre. Thomas Gottschalk lässt sich nun für die RTL-Show „Supertalent“ zum Juror umschulen und sitzt dann pikanterweise neben seiner ehemaligen „Wetten, dass..?“-Kollegin Michelle Hunziker und seinem TV-Gegenspieler Dieter Bohlen. Jener Bohlen, der im letzten Jahrzehnt das Samstagabendflaggschiff „Wetten, dass..?“ demoliert hat, nun aber seit geraumer Zeit selbst auf dem absteigenden Ast ist, holt das Auslaufmodell Gottschalk zum Auslaufmodell Castingshow.
Da schauen wir lieber weiter dem Torrichter beim Schauen zu. Und hoffen, dass inzwischen die Milch nicht überkocht.
florian.asamer@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)
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