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Charlotte: Am Stöckerl

05.07.2012 | 16:48 |  von Jacqueline Nowikovsky (Die Presse - Schaufenster)

Charlotte Dellal gründete mit ihrem Schuhlabel Charlotte Olympia eine neue Anlaufstelle für High-Heels-Liebhaberinnen.

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Der Stellenwert der Fußbekleidung liegt irgendwo zwischen nützlichem Fortbewegungsmittel und begehrtem Fetischobjekt. Zu perfekten High Heels gehört stilvolle Eleganz ebenso wie sexy verruchtes Design. Ragt der Absatz in schwindelerregende Höhe, so muss der Schuh dennoch tragbaren Komfort bieten. Diese Eigenschaften modisch zu vereinen beherrschen wenige, umso legendärer sind ihre Namen: Jimmy Choo, Manolo Blahnik oder Christian Louboutin mit seiner roten Signatursohle. Doch obwohl ein Schuh die ganze weibliche Silhouette zu verändern vermag, finden sich nur wenige Designerinnen unter den marktführenden Herstellern. Der Markt für feminine Luxusschuhe ist ein männerdominiertes Parkett. Nun aber mischt eine Dame ordentlich mit. Der Name des Labels scheint den Weg an die Spitze bereits anzukündigen: Charlotte Olympia, benannt nach den zwei Vornamen der jungen Designerin Charlotte Dellal.

Szenegirl. Dabei hätte sich die Britin mit brasilianischen Wurzeln unbeschwert den Vergnügungen eines Szenegirls hingeben können. Sie stammt aus einer angesehenen Familie der Londoner Oberschicht, in deren Familienalbum es an schillernden Persönlichkeiten nicht mangelt. Charlottes Mutter war in den 1970er- Jahren Muse des Modeschöpfers Valentino und modelte für Häuser wie Yves Saint Laurent. Charlottes jüngere Schwester Alice Dellal trat als Model in die Fußstapfen der Mutter. Mit ihrem markanten Haarschnitt, einer halbköpfigen Rasur, inspirierte ihr rotziger Punk-Chic Karl Lagerfeld zur neuesten Handtasche namens „Boy Chanel“. Bruder Alex Dellal gründete in London eine Kunstgalerie und war außerdem bis vor Kurzem mit Charlotte Casiraghi aus der monegassischen Fürstenfamilie liiert.
Dass gute Verbindungen in der Modewelt nicht schaden, möchte man gar nicht leugnen. Doch ohne ein entsprechend qualitatives Produkt ist jedes Netzwerk zwecklos. Und dieser handwerklichen Qualität hat sich Charlotte Olympia verschrieben.

Nach dem Abschluss an der Talentschmiede Cordwainers College absolviert die angehende Designerin ein Praktikum bei Emanuel Ungaro. Daraus erwächst eine enge Freundschaft zum damaligen Chefdesigner Giambattista Valli. Als Valli sein eigenes Label gründet, verbringt Charlotte Dellal jede freie Minute in dessen Pariser Atelier. Ohne je bei einem anderen Designer Station gemacht zu haben, wird ihr schnell bewusst, dass sie ihr eigenes Schuhlabel gründen und dieses als weltweite Marke positionieren will. Den Grundstein dafür legt sie im Jahr 2007. Sehr bald kann man die originellen Kreationen bei Auftritten von Beyoncé oder an der Schauspielerin Sarah Jessica Parker sichten. Was insofern einem Ritterschlag gleichkommt, als diese in ihrer Rolle als Carrie Bradshaw den ausgeprägten Schuhgeschmack an der Kippe zur Obsession salonfähig gemacht hat.

(c) beigestellt Charlotte Dellal legt höchsten Wert auf Präzision und Detailversessenheit. Das spiegelt sich auch in ihrem eigenen Auftritt mit den ondulierten Haaren und den blutrot geschminkten Lippen wider. Doch nicht nur ihr Erscheinungsbild erinnert an den Glamour der 1950er-Jahre. Auch sämtliche ihrer Schuhkreationen sind im Stil großer Hollywood-Diven gehalten. Die sorgfältig ausgesuchten Namen der Entwürfe verweisen auf ihre Inspiration durch Leinwandgöttinnen, etwa die Modelle „Hayworth“, „Greta“ oder „Ava“. Was zu reiner Nostalgie verkommen könnte, peppt Charlotte Dellal durch brasilianische Einflüsse auf: mit farbenfroher Buntheit und animalischen Prints sowie mit Motiven, die an tropische Regenwälder und Samba-Rhythmen erinnern. So durchbricht sie die Nähe zur Film-Noir-Ästhetik stets mit Humor. Aus dieser Mischung aus Femme fatale, Pin-up-Girl und Amazone entsteht dann das atemberaubend hohe Schuhwerk mit zwölf Zentimeter hohen Stöckelabsätzen oder 15-Zentimeter-Plateau.

Auf die Befürchtung, dass solche Ausmaße grenzwertig unpraktisch sein könnten, kontert die Designerin mit alltagserprobten Beobachtungen. Denn im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen kann sie alle Prototypen zur Probe tragen, bevor die Modelle in die italienische Manufaktur gehen. Charakteristisch für Charlotte-Olympia-Kreationen ist die „Island Plattform“, eine rückversetzte Erhöhung unter dem Fußballen. Sie erweckt den Eindruck, als stünde der Schuh wie eine Skulptur auf seinem eigenen Sockel.

Sie sagt, es schmeichle natürlich, wenn Berühmtheiten in ihren Entwürfen über rote Teppiche schweben. Noch schöner aber sei es, wenn ihr Frauen auf der Straße in Charlotte-Olympia-Schuhen begegnen, weil nur im Alltag der ultimative Anspruch an Tragekomfort bewiesen werde. Mittlerweile ist das Sortiment um eine Slipper-Reihe erweitert. Dass die Schuhspitze der „Kitty Flats“ einem Kätzchen nachempfunden ist oder der Kussmund auf „Kiss Me Dolores“ ungeniert mit typischen Kitschelementen hantiert, verortet Charlotte Dellals Kreationen in die Tradition der Modeschöpferin Elsa Schiaparelli, die ihre Zitate freimütig dem Surrealismus entlehnte.
 
Kunstaffin. Charlotte Dellal selbst wurde Kunstaffinität in die Wiege gelegt. In ihrem Elternhaus hängen Werke von Andy Warhol, Jean-Michel Basquiat, Gilbert & George und George Condo an den Wänden. In ihrem eigenen Zuhause, einem Town-house unweit des Londoner Flagship Store in Mayfair, beherbergt sie eine Auswahl zeitgenössischer Kunstwerke. Darunter Arbeiten von Künstlern wie Alex Hoda oder Lawrence Owen.

Dass die zweifache Mutter nicht aufzuhalten ist, zeigt ihr jüngster Coup: Letzten Monat wagte sie den Sprung über den großen Teich und eröffnete ihre erste New Yorker Boutique. Vermutlich ist es aber nur eine Frage der Zeit, bis die Kreationen auch hierzulande erhältlich sein werden. Denn nicht zu Unrecht ist das Markenlogo ein Spinnennetz. Gewählt wurde es in Anlehnung an den Kinderliteraturklassiker „Charlotte’s Web“. Wie die kleine Spinne Charlotte, die Heldin der Geschichte, spannt auch Charlotte Dellal ein Netz, das unermüdlich weiterwächst.

TIPP
Flagshipstore 56 Maddox Street, London, W1S 1AY www.charlotteolympia.com

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