Wenn 2062 die subtropische Sonne auf ein deindustrialisiertes Österreich niederbrennt, erträgt das Gros der Bevölkerung die Sommerhitze bei unausgesetzter Berufstätigkeit – die drei Tage bezahlten Jahresurlaubs nehmen die meisten ja im gemäßigteren November in Anspruch. Die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit sind wie jene zwischen Wach- und Ruhephasen aber ohnehin weitgehend aufgehoben, was durch die „Intelligent Casual Workwear“ (ICW) möglich wurde.
So wurde die Anfang der Zwanzigerjahre entwickelte, sensorengesteuerte Kleidung von den Personalentwicklungsstrategen globaler Konzerne wie Apple-Microsoft-IBM oder Nestlé-L'Oréal-Kraft positiv aufgenommen; man erkannte und förderte die Option, Catsuit-Anzüge für Homeoffice-Worker entwickeln zu lassen. Temperaturempfinden, Wach-Schlaf-Zyklen oder gratifizierende Wellnessphasen (etwa durch das Gefühl von fließendem Wasser auf der Haut, Windsimulation) werden über ICW zentral geregelt und führen zu deutlicher Effizienzsteigerung der Mitarbeiter, die obendrein angehalten sind, ihre zweite Haut nie abzulegen.
Guter Ton will Tracht
Besser gestellte Schichten verbringen indes ihre Sommerfrische wie einst im Salzkammergut, dem Gasteinertal oder am kühlen Weißensee. Das birgt den zusätzlichen Vorteil, lokale Trachten, mit Federkiel-Stickereien verzierte Gürtel und Gamsbart-Hüte erstehen zu können: Bei internationalen Business-Videokonferenzen (nicht einmal Manager deplatzieren sich noch) gehört es ja zum guten Ton, dass sich alle Mitglieder einer Länderdelegation in regionalen Kostümen ihren Geschäftspartnern zeigen.
Was die verwendeten Gewebe betrifft, so avancierte Mitte der Dreißigerjahre massenproduzierte Spinnenseide zum Standard in der Textilherstellung. Sie löste alle anderen Kunstfasern sowie die aufgrund von zu hohem Ressourcenverbrauch (Wasser, Transportaufwand) unrentablen Naturfasern ab und wird am Rand aller Ballungszentren in standardisierten Anlagen hergestellt, wo Kolonien der durch Genmanipulation erzeugten, patentierten Klongattung TextAranea® ihre Fäden spinnen. Im High-Fashion-Segment internationalen Zuschnitts und unter Modenostalgikern erfreut sich derweil Recycling-Baumwolle, die nur mehr am Schwarzmarkt erhältlich ist, besonderer Beliebtheit. Erzeugnisse aus der Ära billiger Massenproduktion, die in den frühen Zwanzigerjahren zu Ende ging, werden unter Qualitätseinbußen wiederverwertet; Experten sagen jedoch voraus, dass spätestens Mitte der Achtzigerjahre dieses Downcycling an sein Ende kommt.
Unsterblich, stilecht und ortlos
Auch das Panorama der Luxusmode, den Supereliten vorbehalten, hat sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten verändert. Wenig betroffen von den Transformationsprozessen sind traditionsreiche Maisons wie Hermès, Louis Vuitton oder Gucci. So gut wie alle Mode-Avantgardisten mussten aber das Feld räumen und konnten sich in einem retraditionalisierten Umfeld nicht behaupten. Auch firmiert Paris nur mehr pro formaals Mode-Welthauptstadt, schließlich entwerfen anonymisierte Kreativteams (der Designer-Geniekult wurde als, überdies kostenintensiver, Anachronismus verworfen) die Kollektionen in Ateliers irgendwo auf dem Globus: Diese Entwicklung nahm übrigens akkurat der von Hedi Slimane 2012 initiierte Umzug von Saint Laurent Paris nach Los Angeles vorweg.
Zu den erfolgreicheren Marken zählen auch Pioniere des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, etwa Charles Worth, Jeanne Paquin oder, in Wien, Fred Adlmüller, die nach Jahrzehnten der Vergessenheit von Investoren aus Fernost reanimiert wurden. Als Monarch der Mode, ja einzig verbleibender Stardesigner, gilt 2062 wie 2012 Karl Lagerfeld, weiterhin im Dienste von Chanel: Er fristet seit den frühen Zwanzigerjahren sein Dasein, abgesehen von intensiven Arbeitsphasen, in einem mit antioxidierenden Substanzen gefüllten Kühlkokon, der ihn über jedes Älterwerden und so endgültig zur Inkarnation eines zeitlosen Stils erhebt.
(c) Illustration von Nina Ober, http://ninaober.at/
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2012)
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