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Julie Delpy: "Komiker sind geplagte Seelen"

14.07.2012 | 18:06 |  von Rüdiger Sturm (Die Presse)

In Filme wie "Before Sunrise" gab die Französin Julie Delpy die ätherische Schöne. Dabei ist sie ein humorvoller Freigeist, wie sie mit ihren Regiearbeiten zeigt. Ein "Presse"-Interview.

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In den Klassikern der Neunziger wie „Drei Farben: Weiß“ und „Before Sunrise“ war Julie Delpy die ätherische Schönheit Doch dieses Image trog schon immer. Die Tochter des Schauspielerehepaars Albert Delpy und Marie Pillet wuchs wie ein anarchischer Freigeist auf, und spätestens mit ihrem Regiedebüt „2 Tage in Paris“ vor fünf Jahren bewies sie dem großen Publikum ihren ebenso frechen wie melancholischen Humor. Jetzt demonstriert die 42-Jährige ihr Können mit der Fortsetzung „2 Tage in New York“.

 

Ihre neue Regiearbeit „2 Tage in New York“ verstrahlt eine versöhnliche Stimmung. Spiegelt das Ihre aktuelle Gefühlslage wider?

Julie Delpy: Offen gestanden entstand diese Komödie in einer Zeit voller Verwerfungen. Ich hatte ein Baby, meine eigene Mutter starb, und ich hatte das unbedingte Bedürfnis, meine Gefühle auszudrücken. Deshalb schrieb ich zwei Filme gleichzeitig. Aber ich hatte keine Lust auf eine billige Romantikkomödie. Ich wollte vielmehr eine Situation zeigen, in der die Leute bereits zusammen sind und dann erst in Schwierigkeiten geraten. Sich zu verlieben ist einfach, du hast den ersten Sex miteinander, alles macht Spaß. Aber das wahre Leben beginnt erst danach. Wirst du glücklich zusammenbleiben bis zum Ende aller Tage? Das ist die Frage.

 

Ihre Eltern, die über 40 Jahre verheiratet waren, waren ja ein gutes Beispiel.

Ja; ich kenne sie nur zusammen. Natürlich haben sie auch ständig gestritten, aber sie waren eine Inspiration für mich. Mich interessieren eben Paare, die mitten drin in einer Beziehung stecken. Wie kann das funktionieren?

Die beiden spielten ja Ihre Eltern im Vorgängerfilm „2 Tage Paris“, während Sie jetzt den Krebstod Ihrer Mutter reflektieren. Dabei kam der nicht ganz unerwartet.

Ja, sie hatte schon Krebs, als ich geboren wurde. Als Kind nahm sie mich immer zur Behandlung mit. Sie verlor ihr Haar, als ich ganz klein war. Jedes Jahr musste ich mit ihr zur Nachuntersuchung. Sie bekam auch Panik, dass ich selbst Krebs bekommen könnte. Ich musste ständig Biopsien und Check-ups über mich ergehen lassen. In dieser Hinsicht war meine Kindheit hart.

 

Ein Blick zurück im Zorn?

Oh nein, sie war eine wunderbare Frau. Sie war einfach nur von der ganzen Geschichte traumatisiert. Meine Eltern waren verrückt, meine Mutter als Italienerin ganz besonders. Sie war immer überspannt, aber das war okay, denn sie war sehr liebevoll. Für meine Eltern war ich immer die Beste. Wenn ein Lehrer sagte: „Ihre Tochter ist blöd“, meinten sie: „Sie sind der Blödmann. Fuck yourself.“ – Wenn deine Eltern unerschütterlich an deiner Seite stehen, glaubst du, dass dir alles möglich ist.

Ist es das?

Durchaus. Mit 30 beschloss ich: Ich will Gitarre spielen, obwohl ich noch nie eine in der Hand hatte. In drei Monaten hatte ich es drauf. Es kommt nur auf deine Einstellung an. Die meisten Leute blockieren sich selbst. Was du kannst, ist nur eine Frage der Geisteshaltung.

 

Und so erziehen Sie auch Ihren Sohn?

Ich will ihm die gleiche geistige Freiheit beibringen, wie meine Eltern das bei mir getan haben. Wie ich schon sagte, es konnte mit ihnen schwierig sein. Aber intellektuell war es großartig. Sie brachten mir massenhaft Kultur nahe, Literatur, Kino, Kunst, Philosophie. Mit neun sah ich Bergman-Filme.

Es scheint auch, als wären Sie nicht gerade eine pflegeleichte Partnerin.

Ich muss zugeben: Mein Lebensgefährte hat es schon manchmal schwer. Ich bin eine Nervensäge. (lacht)

 

Was heißt das konkret?

Wenn Sie mir sagen, so funktioniert das nicht, dann kontere ich: Ich werde Ihnen zeigen, wie das funktioniert. Wenn jemand mir frech in die Augen sieht, dann weiche ich seinem Blick nicht aus, ich schaue von oben auf ihn herab. Das ist meine Persönlichkeit. Ich hatte einen Freund – den inzwischen verstorbenen Autor Hubert Selby jr., der unter anderem „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ schrieb. Er meinte zu mir: „Fantasie gibt es nicht umsonst.“ Will sagen: Ja, ich kann dank meiner Fantasie lustige Komödien schreiben und mir meinen Spaß machen. Aber genauso bedeutet das, dass ich nachts nicht schlafen kann, weil ich meinen Obsessionen nachhänge. Und selbst Komödien sind nicht einfach. Je mehr du davon schreibst, desto düsterer wirst du innerlich. Komiker sind in Wirklichkeit geplagte Seelen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2012)

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