Was macht die Lego-Idee so gut, dass sie sich seit Jahrzehnten am Markt hält?
Buland: Das versteht man anhand der Entwicklung von Bausystemen: Zuerst entwickelte der Architekt und Flugpionier Gustav Lilienthal mit seinem Bruder Otto einen Steinbaukasten, der ab 1882 als Anker-Steinbaukasten produziert wurde. Das Vorbild war der Eiffelturm und die Idee, aus Einzelteilen größere Werke zu konstruieren. 1901 folgte der Wiener Johann Korbuly mit dem Matador-Baukasten und seinen Steckverbindungen, mit denen man wirklich den Eiffelturm nachbauen konnte. Da waren die Elemente allerdings starr verbunden, beim Steinbaukasten dafür lose. Das war die Genialität der Lego-Erfinder Ole und Godtfred Christiansen – eine Verbindung, stabil genug zum Bauen und dennoch leicht zu lösen.
Hat die Familie Christiansen demnach andere Entwicklungen mitverfolgt?
Ganz sicher, sie haben jahrelang experimentiert. Das Material war die nächste Genialität: Ursprünglich war es Celluloseacetat. Das ist aber so starr, dass die Verbindungen nicht gut funktionierten. Der Schweizer Chemieingenieur Hans Schiess hat um 1960 den Werkstoff ABS (Acrylnitril-Butadien-Styrol) ins Lego-Entwicklungslabor gebracht, aus dem heute noch die Steine bestehen.
Was war das Besondere daran?
Es ist durch das Spritzgussverfahren leicht formbar und so fest, dass es viele Aktionen aushält, aber auch so elastisch, dass die Steckverbindungen gut halten, außerdem gut zu färben und nicht leicht brennbar. Der Nachteil ist, dass es praktisch nicht verrottet. Wir sammeln also Lego-Müllberge an.
Die Genialität lag also auch im Gespür, was im Spieleangebot der 1930er gefehlt hat.
Drei Faktoren sind zusammengekommen: die Steckverbindung, das Material und die optimale Vermarktung. Lego hat ein Komplettsystem für alle angeboten, dazu einfache Systeme und jene für Spezialisten, in den 1990er-Jahren kamen Themenparks, man versuchte Mädchen anzusprechen.
Selbst Lego muss sich mit der Zeit wandeln?
Ja. Witzigerweise funktionieren die Themenparks bei Mädchen gut, während Lego Bubensache bleibt, obwohl man in den 90er-Jahren Genderforschung betrieb und sich wirklich interessierte.
Die Frage ist, wofür interessiert sich ein Kind von selbst und wofür interessiert es sich, weil sich seine Eltern für Spiele entscheiden.
Stimmt, bis zum Alter von etwa drei Jahren stellen wir kaum Unterschiede fest, legt man Bausteine hin, spielen beide Geschlechter damit. Ab vier oder fünf Jahren ändert sich das. Aber man kann den Einfluss der Umwelt nicht ausblenden: Für Frauen und Mädchen basiert Werbung darauf, dass man bestimmte Farben und Formen verwendet und ihnen einredet, das wäre weiblich. Um die Unterschiede seriös zu klären, müsste ich Mädchen ohne Werbung aufwachsen lassen.
Auch der Klassiker Lego wird kritisiert. Geht durch Bauanleitungen Kreativität verloren?
Im Gegensatz zu den Grundbausteinen kann ich mit dem fixen Bausatz für ein Raumschiff nur dieses eine Raumschiff bauen. Das zerstört schon Kreativität und technisches Lernen.
Warum hat sich Lego in der digitalen Welt bisher noch nicht durchgesetzt?
Weil es schon Programme gibt wie AutoCAD, mit denen man digital bauen kann, es braucht kein Lego-Programm.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2012)
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