Da liegen sie, die Dinge. Die zahllosen. Die unnötigen. Und bilden große Haufen in der ganzen Stadt. Der stylishe Zungenschaber etwa, geformt von Philippe Starck, hergestellt aus Zellulose. Wer ihn bei der Zungenhygiene versehentlich verschluckt, hat Überlebenschancen. Aber das allein macht ihn noch nicht „nützlich“. Mit vielen anderen Objekten hatten die Menschen in den letzten Jahrzehnten ähnliche Erkenntnisse. Und so wurden die Dinge des Alltags allmählich weniger, die Komposthaufen mehr.
Heute, im Jahr 2062, verhält sich auch Plastik endlich so vorteilhaft wie Holz: 100 Prozent biologisch abbaubar. Deshalb dürfen jetzt auch Karim Rashids letzte tausend Entwürfe friedlich vor sich hin zerfallen. Als hätte sie die Natur selbst als harmlose Bananenschalen designt, die keinem Planeten etwas zuleide tun könnten. Und die Städte haben dadurch noch ein paar Kompost-Aussichtshügel mehr, die schon höher sind als die Häuser, die auch irgendwann auf ihnen enden werden. Wenn sie nicht doch klein gehackt werden. Und verfüttert an die Schweine, die auf den Dächern der Stadt in den „Urban Farms“ grunzen. Den Rest holen sich italienische und skandinavische Möbelhersteller. Sie brauchen Dünger für ihre biologischen Möbelplantagen. Dort wachsen die Stühle ganz organisch aus dem Boden, folgen der Form von Metallgerüsten, die Stardesigner für sie entworfen haben. Bis sie irgendwann nach der Ernte auf der Mailänder Möbelmesse stehen.
Intelligenter Rückhalt
Im Wohnzimmer hat das Sofa das Sagen. Weich und gierig schluckt es, was es kriegen kann. Nicht nur, was dem „User“ beim Herumknotzen aus den Hosentaschen purzelt. Auch die Funktionen allerlei anderer Dinge hat es bereits verschlungen. Lampe muss man längst keine mehr sein, um zu leuchten. Das kann das Sofa selbst. Und will man zusätzliches Stimmungslicht, dreht man einfach die Tapete auf. Natürlich auch organisch: LED strahlen in allen Farben winzigklein von den Wänden.
Die restlichen Gegenstände haben sich vorsorglich in verschiedenste Wolken in Sicherheit gebracht, bevor auch sie überflüssig werden. Das Sofa hängt drahtlos an diversen „Clouds“, um selber Musikanlage, bequemes Homeoffice oder Kommunikationszentrale zu sein. Das letzte Stück verwurzelter Heimat in einer virtuellen Lebensblase, durch die die sozialen Beziehungen treiben. Ein paar Jahre zuvor hat man sie noch tatsächlich im Wohnzimmer gepflegt. Die Dematerialisierung war ja absehbar, schon in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts, als plötzlich „Ordner“ statt in den Regalen auf den Screens auftauchten, nur ein paar Pixel hoch und breit.
Auf dem Sofa klebt eine Plakette. Dank Chamäleonzunge-Imitat – die Chemie-Industrie musste irgendwann zugeben: Die Natur kann's einfach besser. Mindestens drei „A“. Und ebenso viele „+“ sollten dort prangen. Das steht in alter Kühlschrank-Nostalgie für „moralisch ziemlich vertretbar“. Denn eine afrikanische Dorf-Community hat das Stück in Handarbeit „upgecycelt“. Aus alten Mülltonnen, von denen die Welt viel weniger braucht, seitdem man nur noch zwischen Antiquitäten aus altem Plastik und Kompost aus allem anderen trennt. In fair bezahlter Handarbeit sticken die Afrikaner traditionelle Muster aus dem bolivianischen Altiplano in die Pölster. War ja klar, dass das nach 10 Jahren wieder in Mode kommt.
Aus dem Internet zieht das Sofa alles, was es wissen muss von seinem Meister. Schließlich will es möglichst intelligent dastehen. Und mit den Fähigkeiten der Antizipation und Empathie imponieren. So weiß es früher als andere, wer wann nach Hause kommt. Wer auf ihm sitzt – Gewicht und Hautschuppenanalyse verraten es. Dann krault es den „User“, so wie er es gerne hat, weckt ihn, wenn er weg muss (selten), reicht ihm Snacks, senkt sich, hebt sich dabei wie ein Brustkorb beim Atmen, man ist schließlich nicht gern allein.
Aber da sitzt ja auch noch der treue Lifestyle-Gefährte am Boden. Ein „Sozialer Roboter“, wie ihn Zukunftsforscher schon vor 50 Jahren düster prophezeiten. Ein Hund, für den man kein Sackerl braucht. Ein recht sympathisches Beispiel für „Emotional Design“. Da helfen auch die immensen Fortschritte im Duftdesign. Auch die Note „muffiges Fell“ ist kein Problem mehr. Endlich lässt sich ein Hauch von Seele auf die Dinge träufeln. Das schützt vor vorschnellem Komposthaufen. Und das Sounddesign lässt den Techno-Wauzi auch einmal bedauernswert fiepen. Wenn man ihn zu lange ignoriert.
Illustration: Nina Ober, http://ninaober.at/
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