Oft hört man die Ühus (Menschen über hundert) beim Proteinautomaten über gute alte Zeiten sinnieren. Über Kellner, die beim Servieren des Kaffees freundlich lächelten. Über eine Falte zwischen den Augen, die nach Zorn benannt war. Über Mimik, die Kummer oder Freude ausdrückte. Dann folgt wie das Amen im Gebet die absurd klingende Geschichte über das „ansteckende Lachen“. Es soll so heftig gewesen sein, dass sich niemand dagegen wehren konnte und dass einigen dabei unweigerlich die Tränen kamen. Aber – man muss das ja nicht glauben. Vor allem, wenn es nicht von Wikipedia 6.2 abgehakt wurde. Dort findet man unter „lachen/lächeln“ heute eine Tastenkombination zur digitalen Bekundung von Lustig- und Freundlichkeit.
Was der History-Terminal über die Dekaden nach der letzten Jahrhundertwende ausspuckt, sind detaillierte Beschreibungen von Botox- und Hyaluron-Spritzen. Leiden für die Schönheit? Das wäre heute undenkbar. Längst ermöglicht Nanotechnologie das Eindringen der Wirkstoffe in tiefe Hautschichten. Damit wurden aus Spritzen Gels zum Auftragen, was endlich auch wehleidige Männer überzeugte. Die Füller heißen jetzt übrigens „Freezer“ – weil sie das Gesicht bei kontinuierlicher Anwendung in der Jugendlichkeit der Pubertät einfrieren. Oder, so lautet die wohl ehrlichere Definition, weil der exzessive Gebrauch früher oder später dazu führen wird, dass nur noch austauschbare „Frozen Faces“ durch die Gegend laufen werden. Denn welche Spuren das Alter wirklich hinterlässt und wie Ühus im Jahre 2100 aussehen werden, darüber herrscht unter Kosmetologen noch Uneinigkeit. Sicher ist: Der Anblick von Katzenaugen, Schlauchbootlippen und anderen Aufpimpdesastern, die Schönheitsdekorateure lange Zeit als Zeichen der Jugend propagiert hatten, bleibt uns dann erspart.
Tageslichttauglichkeit vertreibt Falten
Die neuesten Schlagzeilen tickern jeden Morgen beim Zähneputzen über den Spiegel. Der letzte Schrei in Sachen Schönheit: Ectoine. Das sind Wirkstoffe aus Bakterien, die extremste Bedingungen überlebt haben. Nach Mikroalgen vom Meeresgrund und Säften aus Wüstenkakteen schaben Weltraumagenturen heute organische Substanzen aus Jupiter-Monden. Da mussten Marketingexperten (noch immer besteht Kosmetik aus 50 Prozent Blabla-Manipulation und 50 Prozent Wirkstoff) nicht lange über das Naming nachdenken: Die neue Creme-Generation heißt Sinope, wie einer der natürlichen Satelliten.
Paraben und Paraffin klingt für Kids der 2060er dafür antiquiert wie Benzin und Diesel. Sie würden auch nicht glauben, dass sich Oma und Opa vor einem halben Jahrhundert tatsächlich Erdölprodukte auf die Haut geschmiert haben. Sogar Konservierungsmittel haben sich selbst aus der Liste der Inhaltsstoffe gelöscht, denn rascher als erwartet akzeptierten Konsumenten die hässlichen licht- und luftgeschützten Verpackungen.
Zur Beratung surft man heute durchs Kosmetiklabor. Über Gen-Chips erstellt der „Skinalyzer“ ein persönliches Hautprofil und passt die Pflege den geplanten Aktivitäten, prognostizierten Wetterwerten, Reisezielen und Stressfaktoren an. Dabei geht es hauptsächlich um Make-up und Feuchtigkeit. Denn Falten und dunkle Flecken sind nicht mehr das große Problem. Der moderne Mensch ist uneingeschränkt tageslichttauglich. Dazu wurde der Hauptauslöser ausgeschaltet: die UV-Strahlung. Die Haut verbarrikadiert sich hinter einem genetischen Lichtschutzfaktor 50 und erwartungsgemäß liegt der Teint irgendwo zwischen Mozzarella und Porzellan. Das entspricht glücklicherweise gerade dem Attraktivitätsstereotyp, das allerdings durch Auswertung der Datencloud jederzeit vom Ersatzhirn-Phone auf Erdbraun geändert werden kann.
Die Ad-hoc-Anpassung erfolgt dann über Nutrikosmetik, also Wirkstoffzuckerln, die Ühus an Gummibären erinnern, nur dass man heute Lakritze für dunklere Haut und Litschi für gute Zähne lutscht – die ohnehin schon standardmäßig gegen Karies versiegelt werden. Der Zahnärzte Leid, der Friseure Freud: Dank pillengesteuertem Haarwuchs gibt es keine Diskussionen mehr über Stirnfransen Ja oder Nein. Mit einer Dosis „go“ wachsen Haare über Nacht. Mit einer Dosis „stay“ bleibt man dem Styling treu. Nur bei der Entwicklung einer Art „Photoshop des Lebens“ zum Instant-Färben der Haare hapert es noch. Kunden greifen daher immer noch zur guten alten Tönung. Nach Koralle und Vanille kommt jetzt übrigens „Blech“ – eine Hommage an die 50.000-Euro-Note.
Maniküre ist heute eindeutig eine Männerdomäne. Seit ein LED-Lack Nägel mit Bildern und Mustern aus dem Internet bespielt, laden die Herren wie wild Uhren herunter. Endlich können sie zehn teure Exemplare gleichzeitig an den Fingern tragen. So wurde der Nagellack zum Ego-Booster. Früher hätten wir darüber Tränen gelacht.
Illustration von Nina Ober
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2012)
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