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Die Ästhetik des Sommers 2012

25.08.2012 | 16:34 |  von ERICH KOCINA (Die Presse)

Auf dem Rücken liegend Bauch und Beine fotografieren, aufrecht auf einem Surfbrett paddeln und geheimnisvolle Steinpyramiden bauen – die Trends des vergangenen Sommers.

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Stellt man sich einen Sommer als Foto vor, so hat der heurige zwei Beine, eine Bikinihose und im Hintergrund Wasser, Sand und Sonne. Je nach Variation kann der Bildausschnitt noch den Bauch und die Brust erfassen – doch die Perspektive ist immer die gleiche, nämlich mit Blick auf den eigenen, am Rücken liegenden Körper hinunter. „Body Surfing“ wird der Stil auch genannt, in dem unzählige Urlaubsfotos im Sommer des Jahres 2012 entstanden sind – und die auf Social Media Plattformen wie Pinterest, Facebook und Twitter zu Tausenden hochgeladen wurden. Inklusive der Spezialdisziplin „Celebrity Body Surfing“, bei der etwa Prominente wie Heidi Klum ganz beiläufig ihre Bikinifigur im Netz präsentieren. Das Body Surfing löst damit jene Ästhetik ab, die vergangenes Jahr die Fotoalben dominierte – man stellte sich vor einen Spiegel, fotografierte sich dabei und lud die Bilder ins Netz. War man dabei auch noch nackt, lief das Ganze unter dem Stichwort „Scarlettjohanssoning“ – von der Schauspielerin Scarlett Johansson waren solche selbst gemachten Bilder plötzlich im Netz, die angeblich bei einem Hackerangriff von ihrem Handy entführt worden waren.

Summer of Instagram
. Abgesehen vom Body-Surfing-Motiv sticht im Fotoalbum des heurigen Sommers aber auch ein Stil besonders ins Auge – so ziemlich jedes Bild ist in Retro-Ästhetik abfotografiert – fast könnte man auch vom „Summer of Instagram“ sprechen. Schließlich eignet sich die Bearbeitungssoftware für das iPhone – und mittlerweile auch für Android-Handys – perfekt dazu, einem an sich völlig belanglosen Bild mit ein bisschen Retrobearbeitung den Anschein von Originalität zu verleihen.

Der Schein ist dann auch ein wesentliches Element in der Ästhetik des Sommers – etwa der Schein der untergehenden Sonne. Ein Klassiker, der wohl im Fotoalbum jedes Sommers irgendwo auf den obersten zehn Plätzen rangiert. Nur dass er heuer eben auch im Retro-Look daherkommt – und die Sonne noch ein bisschen dunkelgelber hinter dem Horizont versinkt.
Ein Motiv hat es auch unzählige Male gegeben – ob mit oder ohne Retrofilter: das Essen. Ob zu Gast bei Freunden oder im Restaurant, vor dem Griff zu Messer und Gabel wird erst einmal das Mobiltelefon gezückt, der Teller abgelichtet und das Bild ins Internet gestellt. Bliebe diese Food-Pornografie wenigstens unkommentiert, ließe sie sich ja noch einigermaßen aushalten. Doch lautmalerische Begleitbekundungen à la „Mampf“ oder „Mmmmmh“ scheinen für derartige Fotos zum guten Ton zu gehören.

Leider geil. Wobei man sich in Momenten wie diesen nur sehnlichst wünscht, diesen sogenannten guten Ton – wenn man ihn schon unter all den Fotos lesen muss – niemals hören zu müssen. Das gilt auch für jene zwei Wörter des Sommers 2012, mit denen man Menschen regelrecht zur Weißglut bringen kann: „Leider geil!“ Ja, der Einfall zu dem Spruch mag großartig gewesen sein, das dazugehörige Album der deutschen Elektro-Rapper „Deichkind“ ein Höhepunkt der diesjährigen Spaßkultur – doch spätestens nach der zehnten Wiederholung ist die Originalität dahin. Und es verfestigt sich zunehmend der Gedanke, dass „leider geil“ leider nervt.

Nervig mögen manche auch den heimlichen Sommerhit bezeichnen – der allerdings weitab von karibischen Klängen und Baströckchen-Video zu finden ist. „Easy“ von Cro feierte zwar schon vergangenen November seine Premiere, doch es war der Sommer, in dem sich das Lied derartig stark ausgebreitet hat, dass man ihm nicht mehr entkommen konnte. Und auch abseits der hörbaren Sommererinnerungen hat Cro seine Spur hinterlassen – denn der Rapper trägt eine Pandamaske und lieferte damit eine Inspiration für unzählige Besucher der heurigen Open-Air-Musikfestivals, die auch in der allergrößten Hitze plötzlich mit Tierkostümen vor der Bühne herumturnten.

Die Ästhetik der sommerlichen Ganzkörperverhüllung gipfelt schließlich in den Morphsuits – Anzügen aus Spandex, die den gesamten Körper einhüllen – Kopf inklusive. Maximale Aufmerksamkeit bei maximaler Anonymität scheinen die hautengen Anzüge zu versprechen. Ob sie es aus dem Fotoalbum des Sommers auch in die Mainstream-Ästhetik schaffen?

Eine junge Sportart, die zunächst eher belächelt wurde, scheint dagegen von einer Modeerscheinung langsam zu einem echten Trend zu werden: Stehpaddeln oder Stand up Paddling – also aufrecht auf einem Surfbrett stehen und mit einem Stechpaddel Vortrieb schaffen – ist immer häufiger zu sehen, von der Alten Donau bis zur Moldau, wo sich einige Wagemutige damit sogar über Wehre wagen.

Pyramiden aus Stein. Die Ästhetik des Sommers 2012 wäre aber nicht komplett ohne die Steinpyramiden. Es gibt kaum ein Gewässer, sei es ein Flusslauf, sei es ein Meer, bei dem nicht am Ufer Steine zu Pyramiden aufgeschlichtet stehen. Eine Reminiszenz an den Horrorfilm „Blair Witch Project“? Oder eine Anlehnung an den Gletscher Vatnajökull in Island, vor dem Reisende schon hunderte solcher Steinhaufen errichtet haben? Man weiß es nicht so genau. Und will es auch gar nicht wissen. Im Fotoalbum des Sommers 2012 haben sie dennoch ihren fixen Platz – nur in Kombination mit Body Surfern hat man sie bisher kaum gesehen. Vielleicht kommt das ja erst 2013.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2012)

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