Es habe sie, schreibt die deutsche Fotografin und Dokumentarfilmerin Herlinde Koelbl im Vorwort zu ihrem Bildband „Kleider machen Leute“, gereizt, den Kontrast aufzuzeigen – nämlich jenen zwischen dem öffentlichen Menschen und dem privaten, anhand, der Titel verrät es, seiner im jeweiligen Kontext getragenen Kleidung. Und der aufmerksamen Dokumentation von Transformationsprozessen, die sozusagen „an das Individuum“ rühren, gilt seit jeher Koelbls besonderes Interesse. Bekannt wurde sie einer breiteren Öffentlichkeit durch die Ausstellung „Spuren der Macht“, die das Deutsche Historische Museum 1999 zeigte: Da wurden jährlich erneuerte, schnörkellos inszenierte Porträtbilder von Granden der deutschen Innenpolitik wie Gerhard Schröder, Joschka Fischer oder Angela Merkel in chronologischer Abfolge gezeigt. Ob freilich akkurat die Macht ihre Spuren in diesen prominenten Antlitzen hinterließ oder ein anstrengender Lebenswandel oder einfach der Zahn von Zeit und Zeitgeist, sei dahingestellt.
Vom Mensch zur Person. Selbst wenn der grundlegende Ansatz von Koelbls fotografischer Beweisführung in Analogie zu Gottfried Kellers berühmtem Novellentitel nicht von weltbewegender Originalität sein mag, sind doch ihre Menschenbilder – von Clown bis zu Carabiniere, Concièrge und Colonel – in ihrer Gesamtheit eindrücklich. So rekonstruiert die Fotografin die „Entindividualisierung“ der Porträtierten, indem sie sie einmal ohne, einmal mit der angestammten Kluft zeigt. Beziehungsweise: einmal als Mensch, einmal als Person.
Denn die „Person“ ist ja, so will es der lateinische Ursprung des Wortes, die Gesichtsmaske des Schauspielers. Ihr ähnlich katapultiert auch die Uniform, sei es die militärische, sei es das „einförmige“ Gewand eines Berufsstandes, den Einzelnen in eine Rolle, die mit seiner Zugehörigkeit zu einer, wenngleich abwesenden, Menschenmenge oder -masse korreliert. Zu Zeiten zusammengekaufter Söldnerheere war es wohl nicht ganz unpraktisch, wenn durch das rechte Gewand oder „Accessoire“ (die Krawatte in ihrer heutigen Form geht auf ein von kroatischen Söldnern zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges um den Hals getragenes Stoffband zurück) kenntlich gemacht wurde, wer auf wen einzudreschen hat.
Identität, Authentizität und Autorität sind weitere, mit dem Uniformiertsein assoziierte Eigenschaften; sie tragen in nicht unerheblicher Weise zum Reiz bei, der Uniform-Zitate mitunter als Attribut der Dominanz im Fetischkontext und, womöglich über diesen Umweg, sogar in der wechselhaften und wankelmütigen Mode zitatweise auftauchen lässt. Auf der einen Seite mag das verwundern: Verweigert sich doch die Mode essenziellerweise jedweder Monotonie und Einförmigkeit, wie die Uniform sie notwendigerweise impliziert. Auf der anderen Seite wollen unablässig neue Inspirationen gefunden werden – und da kommt den Modeschöpfern jedwedes Faszinationspotenzial gerade recht. Darüber hinaus mag es für kreative Geister eine willkommene Herausforderung darstellen, sich an der Abwandlung oder Brechung der rigorosen Normierung abzuarbeiten. Außerhalb ihrer eigentlichen Domäne versuchen sich Designer in raren Fällen an der Formgebung von Berufsbekleidung: Dazu gehören etwa die Uniformen von Flugbegleitern, ein Feld, in dem sich besonders Air France hervortut – Christian Dior, Cristóbal Balenciaga, Nina Ricci, Jean Patou, Louis Féraud und Christian Lacroix wurden bereits von der Fluglinie ans Reißbrett gebeten. Prominente Vertreter der Space-Age-Mode, etwa Pierre Cardin, Courrèges oder Paco Rabanne, hätten derweil das rechte Outfit für jede auf sich haltende Besatzung einer Mondstation parat gehabt.
Nimmt man es ganz genau mit dem Sinn der Uniform, die Zugehörigkeit zu einem Heer oder einer Mannschaft zu kommunizieren, findet sogar die Luxuslabel-Logomanie mancher Konsumenten hier ein skurriles Platzerl: Wer sich mit Monogrammtasche, verschlungenen Initialen auf
T-Shirt-Front und Schildkappe oder auch, subtiler, durch vier von außen sichtbare Stiche an den imaginären Eckpunkten eines nicht eingenähten Markenzeichens (das Maison Martin Margiela pflegt diese Praxis) als unbeirrbarer Anhänger einer Markenfraktion zu erkennen gibt, hängt im Grunde auch dem Uniformgedanken an.
Auf glühenden Kohlen. Das Military-Mode-Momentum, wie es in der Herbstmode 2012 als einer der wenigen wirklich starken Trends auftaucht, kommt hingegen einem Imponiergehabe in der harten Alltagswelt gleich. Beziehungsweise, auch dieser Gedanke könnte aufkommen, stellt der Combat-Look vielleicht einen impliziten Verweis der Designer auf den für Dezember dieses Jahres vorausgesagten Weltuntergang dar. Wenn die Apokalypse bedrohlich heranrollt, heißt es sich wappnen für härtere Tage. Karl Lagerfeld ließ in weiser Voraussicht bereits vor einem Jahr Overalls mit aufgesteppten Allzwecktaschen in den Chanel-Boutiquen feilbieten; beim Defilee mussten Models über rauchende Kohlehaufen steigen, und Lagerfeld bemerkte lapidar: „Die Welt ist ein düsterer Ort.“
Einen recht kühnen Spagat von Popmusik über Laufstegtreiben und Uniformmode zu Gesellschaftskritik spannte, apropos „düsterer Ort“, die im Rahmen ihrer aktuellen Welttournee wieder zu Höchstform aufturnende Madonna, einige werden sich erinnern, im Video zu „American Life“ im Jahr 2003. Da wurde nicht nur der „War on Terrorism“ von George W. Bush gegeißelt, sondern auch noch oberflächliches Lifestyle-Gehabe verhöhnt. Das Ergebnis war dann wieder so „kontroversiell“, dass das Originalvideo nach kurzer Zeit aus den offiziellen Kanälen verschwand. Da hatte das Imponiergehabe seine Wirkung offenbar verfehlt. Es sei denn, die Stilikone hatte sich einmal mehr bewusst darauf kapriziert, aus ihrer Rolle zu fallen – und das in Uniform.
Uniform: Aus der Rolle gefallen
06.09.2012 | 16:25 | von Daniel Kalt (Die Presse - Schaufenster)
Wer Uniform trägt, stellt jemanden dar. An der Konstruktion von Personen versucht sich aber auch die wechselhafte Mode gern.
TIPP
Der Bildband „Kleider machen Leute“ von Herlinde Koelbl liegt bei Hatje Cantz vor und kostet 41 Euro. www.hatjecantz.de
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