Das Video wurde fast zwei zwei Millionen Mal angeklickt und jene, die Kinder nicht hysterisch plärren sehen können, sollten es wohl besser nicht anschauen. Unter lautem Geschrei werden der kleinen Kylie zwei Ohrringe in die Läppchen gejagt. Das Kind weint schon vor dem Schuss, setzt kurz davor zum Brüllen an und überschlägt seine Stimme in dem Moment, in dem die beiden Ohrstecker gleichzeitig von zwei Personen mit Ohrlochpistolen durchs Gewebe geschossen werden. „Es ist geschafft“, sagt der Vater fröhlich. Das Kind kann die Tränen noch immer nicht halten.
Szenen wie diese haben in der vergangenen Woche in Deutschland eine erneute Debatte über die Frage, was man einem Kind antun darf, ausgelöst.
Nach der – mittlerweile international geführten – Diskussion um das Entfernen der Vorhaut aus religiösen Gründen bei Minderjährigen, musste sich unlängst das Amtsgericht Berlin-Lichtenberg in einem Zivilprozess mit Ohrläppchen herumschlagen. Eltern zogen vor Gericht, weil ein Piercingstudio die Ohrlöcher ihrer dreijährigen Tochter verstochen hatte. Prompt folgte die Debatte, ob es sich auch hier um Körperverletzung handle. Was nicht nur der Deutsche Ärzteverband so sieht, sondern auch Personen, von denen man es weniger erwartet hätte:
„Ich bin vollkommen dagegen, dass Babys und Kindern die Ohrläppchen gestochen werden“, sagt etwa Martina Lehnhoff, Vorsitzende der European Association for Professional Piercing, und damit auch für Österreich zuständig. Lehnhoff findet, dass Kinder selbst entscheiden sollen, ob sie an einer Körperstelle verletzt werden. wollen. Denn ein Kind könne nicht abschätzen, was der Schmerz beim Stechen bedeute. Die blonde Frau betreibt selbst Piercingstudios in Deutschland. Auf ihrer Homepage steht das Wort „Jugendschutz“ ziemlich weit oben.
Auch die Argumentation, dass Ohrläppchenstechen weniger schmerzt, lässt sie nicht gelten. „Das wächst ja nicht mehr zu, da bleibt immer eine Narbe.“ Auch hygienisch sei das Ohrlochstechen in vielen Studios bedenklich.
Weswegen sie schon seit Jahren ein Gesetz in Deutschland fordert, das den Piercer sowohl als medizinischen Beruf sieht, als auch das Piercen (und damit auch Ohrläppchenstechen) für Kinder unter 14 verbietet. „Bei uns gibt es da nämlich nichts.“ Wenige Politiker haben sich bis jetzt dazu geäußert.
Sozial akzeptiert. In Österreich ist das anders. Hier ist es seit dem Jahr 2003 zumindest gesetzlich geregelt, wie und von wem ein Kind gestochen werden darf. Nämlich von Friseuren, Fußpflegern und Kosmetikern, Juwelieren, Kinderärzten und Goldschmieden. Solange es nur die Ohrläppchen sind und die Eltern einwilligen.
Alle anderen Einstichstellen wie Bauchnabel oder Lippen nennt man in Österreich „Piercing“ und sind erst mit 14 Jahren und mit schriftlicher Einwilligung der Eltern und des Kindes erlaubt, sagt Christian Manquet Leiter der Abteilung für Strafrecht im Justizministerium. Tätowieren erst ab 16 Jahren. Durchgeführt werden dürfen sowohl Tattoos als auch Piercings nur von ausgebildeten Personen, in Österreich gibt es dafür einen eigenen Lehrgang.
Mit einer strafrechtlichen Verfolgung braucht also niemand zu rechnen. „Ohrläppchenstechen ist zwar auch eine Körperverletzung, aber es ist sozial akzeptiert“, sagt Manquet. Das ist kein Gesetz, sollte aber reichen, damit der Fall nicht vor Gericht kommt. Vorausgesetzt, die Beteiligten haben sich beim Ohrlochstechen richtig verhalten. Heißt, das Werkzeug war sauber, niemand war betrunken.
Doch genau das, sagt Martina Lehnhoff, ist ein Problem. Denn meistens werden Kindern mit Ohrlochmaschinen behandelt. Und die sind alles andere als hygienisch. Zumindest in Deutschland weiß sie das. „Da kleben bei vielen noch Blut und Gewebefetzen dran.“ Von der Tatsache, dass ein stumpfer Fremdkörper durch ein Ohr geschossen wird, mal ganz abgesehen.
Die Folgen können kleine Gewächse und Entzündungen sein, die bis an den Ohrknorpel gehen, sagt Reinhold Kerbl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. Viele Fälle, in denen er verunglückte Ohrläppchen behandelt hat, kennt er aber nicht. „Das wird dann doch oft beim Kinderarzt behandelt.“ Die seines Wissens übrigens gerade bei Babys und Kleinkindern das Ohrlochschießen oft übernehmen.
So richtig kritisch sieht er das Ohrläppchenstechen daher nicht. „Wenn man den Gedanken aber konsequent zu Ende denkt, dann ist das Körperverletzung“, sagt er. Dagmar Zeibig, Bundesinnungmeisterin der Kosmetiker und damit auch für Piercer zuständig, ist naturgemäß anderer Meinung. „Wenn die Eltern zustimmen, ist das in Ordnung“, sagt sie. Auch wenn sie von Fällen weiß, in denen Akkupressurpunkte verletzt wurden.
Eltern wollen Tattoos für Kinder. Das dürfte aber wenige abschrecken. Pierre Bacher, Piercer und Tätowierer in der Steiermark, will jedenfalls eine zunehmende Begeisterung für Piercings und Tätowierungen ausgemacht haben. „Die Gesellschaft ist offener geworden“, sagt er. Auch was die Eltern betrifft, die selbst mittlerweile ihre Körper mit Farben und Metallen schmücken.
So hat er schon Eltern erlebt, die ihren 13-jährigen Kindern ein Nasenloch stechen lassen wollten. Er hat sie – zu deren Ärger – fortgeschickt. „Die haben sich irrsinnig aufgeregt und gemeint: Das ist mein Kind“, erzählt er.
Eltern, die mit ihren Kinder zum Ohrläppchenstechen kommen, erfüllt er den Wunsch schon. Allerdings nicht mit einer Pistole, sondern mit einer Nadel. Die Vorteile? Das Gewebe wird sauber abgetrennt, Wundinfektionen sollen so verringert werden. Damit das Kind keine Angst hat, zeigt er vorher alle seine Geräte her. Ob Kylie deswegen weniger geschrien hätte?
In Österreich dürfen Babys und Kindern die Ohrläppchen gestochen werden. Vorausgesetzt, die Eltern stimmen zu.
Gesetzlich geregelt ist das aber nicht. Im Justizministerium geht man davon aus, dass Ohrlochstechen „sozial akzeptiert ist“. Deswegen sollte es nicht strafbar sein.
Anders verhält es sich bei Piercings (Zunge, Bauchnabel etc.) und Tätowierungen. Diese sind erst ab 14 bzw. 16 Jahren erlaubt – und nur mit schriftlicher Einwilligung der Eltern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2012)
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