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Piercings: Kleines Loch, großer Schmerz?

08.09.2012 | 18:07 |  von Eva Winroither (Die Presse)

Nach der Beschneidungsdebatte wird nun diskutiert, ob auch Piercings und Ohrlochstechen Körperverletzungen sind. Ausgerechnet der Europäische Piercingverband sagt Ja.

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Das Video wurde fast zwei zwei Millionen Mal angeklickt und jene, die Kinder nicht hysterisch plärren sehen können, sollten es wohl besser nicht anschauen. Unter lautem Geschrei werden der kleinen Kylie zwei Ohrringe in die Läppchen gejagt. Das Kind weint schon vor dem Schuss, setzt kurz davor zum Brüllen an und überschlägt seine Stimme in dem Moment, in dem die beiden Ohrstecker gleichzeitig von zwei Personen mit Ohrlochpistolen durchs Gewebe geschossen werden. „Es ist geschafft“, sagt der Vater fröhlich. Das Kind kann die Tränen noch immer nicht halten.

Szenen wie diese haben in der vergangenen Woche in Deutschland eine erneute Debatte über die Frage, was man einem Kind antun darf, ausgelöst.

Nach der – mittlerweile international geführten – Diskussion um das Entfernen der Vorhaut aus religiösen Gründen bei Minderjährigen, musste sich unlängst das Amtsgericht Berlin-Lichtenberg in einem Zivilprozess mit Ohrläppchen herumschlagen. Eltern zogen vor Gericht, weil ein Piercingstudio die Ohrlöcher ihrer dreijährigen Tochter verstochen hatte. Prompt folgte die Debatte, ob es sich auch hier um Körperverletzung handle. Was nicht nur der Deutsche Ärzteverband so sieht, sondern auch Personen, von denen man es weniger erwartet hätte:

„Ich bin vollkommen dagegen, dass Babys und Kindern die Ohrläppchen gestochen werden“, sagt etwa Martina Lehnhoff, Vorsitzende der European Association for Professional Piercing, und damit auch für Österreich zuständig. Lehnhoff findet, dass Kinder selbst entscheiden sollen, ob sie an einer Körperstelle verletzt werden. wollen. Denn ein Kind könne nicht abschätzen, was der Schmerz beim Stechen bedeute. Die blonde Frau betreibt selbst Piercingstudios in Deutschland. Auf ihrer Homepage steht das Wort „Jugendschutz“ ziemlich weit oben.

Auch die Argumentation, dass Ohrläppchenstechen weniger schmerzt, lässt sie nicht gelten. „Das wächst ja nicht mehr zu, da bleibt immer eine Narbe.“ Auch hygienisch sei das Ohrlochstechen in vielen Studios bedenklich.

Weswegen sie schon seit Jahren ein Gesetz in Deutschland fordert, das den Piercer sowohl als medizinischen Beruf sieht, als auch das Piercen (und damit auch Ohrläppchenstechen) für Kinder unter 14 verbietet. „Bei uns gibt es da nämlich nichts.“ Wenige Politiker haben sich bis jetzt dazu geäußert.

Sozial akzeptiert. In Österreich ist das anders. Hier ist es seit dem Jahr 2003 zumindest gesetzlich geregelt, wie und von wem ein Kind gestochen werden darf. Nämlich von Friseuren, Fußpflegern und Kosmetikern, Juwelieren, Kinderärzten und Goldschmieden. Solange es nur die Ohrläppchen sind und die Eltern einwilligen.

Alle anderen Einstichstellen wie Bauchnabel oder Lippen nennt man in Österreich „Piercing“ und sind erst mit 14 Jahren und mit schriftlicher Einwilligung der Eltern und des Kindes erlaubt, sagt Christian Manquet Leiter der Abteilung für Strafrecht im Justizministerium. Tätowieren erst ab 16 Jahren. Durchgeführt werden dürfen sowohl Tattoos als auch Piercings nur von ausgebildeten Personen, in Österreich gibt es dafür einen eigenen Lehrgang.

Mit einer strafrechtlichen Verfolgung braucht also niemand zu rechnen. „Ohrläppchenstechen ist zwar auch eine Körperverletzung, aber es ist sozial akzeptiert“, sagt Manquet. Das ist kein Gesetz, sollte aber reichen, damit der Fall nicht vor Gericht kommt. Vorausgesetzt, die Beteiligten haben sich beim Ohrlochstechen richtig verhalten. Heißt, das Werkzeug war sauber, niemand war betrunken.

Doch genau das, sagt Martina Lehnhoff, ist ein Problem. Denn meistens werden Kindern mit Ohrlochmaschinen behandelt. Und die sind alles andere als hygienisch. Zumindest in Deutschland weiß sie das. „Da kleben bei vielen noch Blut und Gewebefetzen dran.“ Von der Tatsache, dass ein stumpfer Fremdkörper durch ein Ohr geschossen wird, mal ganz abgesehen.

Die Folgen können kleine Gewächse und Entzündungen sein, die bis an den Ohrknorpel gehen, sagt Reinhold Kerbl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. Viele Fälle, in denen er verunglückte Ohrläppchen behandelt hat, kennt er aber nicht. „Das wird dann doch oft beim Kinderarzt behandelt.“ Die seines Wissens übrigens gerade bei Babys und Kleinkindern das Ohrlochschießen oft übernehmen.

So richtig kritisch sieht er das Ohrläppchenstechen daher nicht. „Wenn man den Gedanken aber konsequent zu Ende denkt, dann ist das Körperverletzung“, sagt er. Dagmar Zeibig, Bundesinnungmeisterin der Kosmetiker und damit auch für Piercer zuständig, ist naturgemäß anderer Meinung. „Wenn die Eltern zustimmen, ist das in Ordnung“, sagt sie. Auch wenn sie von Fällen weiß, in denen Akkupressurpunkte verletzt wurden.

Eltern wollen Tattoos für Kinder. Das dürfte aber wenige abschrecken. Pierre Bacher, Piercer und Tätowierer in der Steiermark, will jedenfalls eine zunehmende Begeisterung für Piercings und Tätowierungen ausgemacht haben. „Die Gesellschaft ist offener geworden“, sagt er. Auch was die Eltern betrifft, die selbst mittlerweile ihre Körper mit Farben und Metallen schmücken.

So hat er schon Eltern erlebt, die ihren 13-jährigen Kindern ein Nasenloch stechen lassen wollten. Er hat sie – zu deren Ärger – fortgeschickt. „Die haben sich irrsinnig aufgeregt und gemeint: Das ist mein Kind“, erzählt er.

Eltern, die mit ihren Kinder zum Ohrläppchenstechen kommen, erfüllt er den Wunsch schon. Allerdings nicht mit einer Pistole, sondern mit einer Nadel. Die Vorteile? Das Gewebe wird sauber abgetrennt, Wundinfektionen sollen so verringert werden. Damit das Kind keine Angst hat, zeigt er vorher alle seine Geräte her. Ob Kylie deswegen weniger geschrien hätte?

Einstichregeln

In Österreich dürfen Babys und Kindern die Ohrläppchen gestochen werden. Vorausgesetzt, die Eltern stimmen zu.

Gesetzlich geregelt ist das aber nicht. Im Justizministerium geht man davon aus, dass Ohrlochstechen „sozial akzeptiert ist“. Deswegen sollte es nicht strafbar sein.

Anders verhält es sich bei Piercings (Zunge, Bauchnabel etc.) und Tätowierungen. Diese sind erst ab 14 bzw. 16 Jahren erlaubt – und nur mit schriftlicher Einwilligung der Eltern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2012)

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24 Kommentare
2 3

Piercing

tut mir leid,aber ich finde das so lächerlich. ich habe Ohrlöcher mit 2 Jahren bekommen und bereue es überhaupt nicht. im Gegenteil ich bin sogar froh, dass mir das gemacht wurde.

Re: Piercing

ich bin auch mit 1,5 beschnitten worden und bereue es nicht.......geht da ja nur um die Scheinheiligkeit unter den Verantwortlichen!

Ich war 6 Jahre alt, als ich mir Ohrlöcher stechen ließ.

War beim prakt. Arzt und ich hab nachher fürchterlich geheult - aber NICHT, weil das weh getan hätte, sondern weil es für mich so laut war!
Als ich doppelt so alt war, habe ich mir noch ein drittes Loch stechen lassen, hat wieder nicht weh getan, war diesmal auch nicht zu laut.
Wenn es also nach denjenigen ginge, die Piercings erst ab 14 erlauben lassen wollen, hätte ich also keine Ohrringe haben dürfen - obwohl ich nie Probleme hatte...

Übrigens sind die Ohrringe, die durch die Ohrläppchen geschossen werden, sogenannte "medizinische" Ohrstecker, die spitz sind, nicht stumpf, wie im Artikel geschrieben -> schlechte Recherche!

Was eine viel schwerere Körperverletzung ist, die sogar das Leben kosten kann, ist etwas, das nicht wirklich in den Medien auftaucht - nämlich die von Karies zerfressenen Zähne, die durch Dauernuckeln am Flascherl, das natürlich entweder mit Milch oder Zuckerwasser(=Babytee), aber ganz sicher nicht mit Wasser gefüllt ist!
Aber dagegen etwas zu sagen/schreiben hieße ja, man sagte/schriebe etwas gegen Wirtschaftsriesen - und das können sich die Medien natürlich nicht leisten!

Gast: kritikerrr
09.09.2012 16:08
2 0

Naja

also ich finde den Vergleich schon an den Haaren herbeigezogen.. Wenn ich es richtig gelesen habe, geht es den Eltern die vor Gericht gingen ja darum, dass die Löcher schlecht (nehme mal an schief oder ungleich) gestochen wurden, und um nichts anderes. Und jetzt Ohrlöcher mit Beschneidung zu vergleichen... Im einen Fall ist ein Teil unwiderbringlich weg, im anderen sind halt kleine Löcher in den Ohren, die auch chriurgisch wieder geschlossen werden können, notfalls. Vorhautrekonstruktion ist weit aufwendiger... Und das eingangs beschriebene Video, wo das Kind schon vor dem Stich weint... Naja, also hatte das Kind einfach Angst und hat geweint. Und bei Erwachsenen werden Ohrlöcher auch einfach so gestochen, die meisten sagen es tut kaum weh, wenn sich ein Erwachsener beschneiden läßt, erfolgt das immer unter Narkose, also da dürfte schon ein ganz kleiner Unterschied sein, oder?

Gast: ohrringe
09.09.2012 12:21
9 2

gestoert

ich versteh nur nicht wieso eltern gleich als aller erstes das beduerfnis haben ihrem kind loecher in den koerper zu stechen.
sieht sch*isse aus und das kind sollte auch selber entscheiden koennen ob es ohrrige moechte oder nicht.

Antworten Gast: Peeperkorn
09.09.2012 12:52
13 2

Re: gestoert

Das Piercing ist die Punze des Proleten. Damit ist gewährleistet, dass er seinesgleichen sofort erkennt. Gleichzeitig grenzt sich der Prolet durch das Piercing auch vom Nichtproleten ab. Es bewirkt so eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl. Innerhalb der Gattung der Proleten dient das Piercing auch als Initiationsritus: Der Sprössling wird erst durch das Piercing zum richtigen Proleten.

Ist nicht

ungesunde veganische Zwangsernährung

für Kinder durch veganische Mütter

auch
Körperverletzung?

Re: Ist nicht

auch nicht vegane Ernährung eines Kindes kann ungesund sein.....also unter diesem Aspekt sicher

Gast: Sexy Hexy
09.09.2012 08:46
5 1

Körperverletzung muss verboten sein

Ohrlochstechen ist Körperverletzung und ist nicht notwendig, sollte also verboten sein.
Jegliches Herumschnippeln aus nicht medizinischen Gründen ist verrückt und sollte frühestens ab dem 14. Lebensjahr nur auf eigenen Wunsch erfolgen.

10 6

Aber Hallo!!

Ein Loch in den Ohren kann aber mit einer herunter geschnittenen Vorhaut nicht verglichen werden.

Das Stechen tut nicht weh, auch saugt kein Rabbiner danach am Ohr herum, wenn die kleine sich so aufführt ist das reine Hysterie. Ich kenne Kinder die weinen fürchterlich beim Friseur oder beim Zahnarzt, ist das auch Kindesmisshandlung.

Anders wenn man einem Knaben die Vorhaut stielt, dass ist ein Eingriff ins spätere Sexualleben.

Antworten Gast: Das Ekel Alfred
09.09.2012 09:37
5 0

Körperverletzung bleibt Körperverletzung!





Re: Aber Hallo!!

meine Beschneidung hat auch nicht weg getan, Dr XYZ hat nicht gesaugt und Sex ist noch immer gut
Also auch mal den Mund halten wenn man keine Ahnung hat - Danke

Re: Re: Aber Hallo!!

Auf ihre sogenannte "Ahnung" kann getrost verzichtet werden, sie Dolm!

Re: Re: Aber Hallo!!

Auf ihre sogenannte "Ahnung" kann getrost verzichtet werden, sie Dolm.

Gast: Gerne nur Gast
08.09.2012 21:09
4 0

Wie verlogen


ist diese Meldung!!! Leider!

Beschneidung: bei Säuglingen, die noch sprachunfähig sind, völlig in Abhängkeit der Eltern.

Piercing: für (junge) Erwachsene, wie SchönheitsOP sollte es nur ab 16 Jahren und mit Einverständnis der Eltern UND des "Patienten" erfolgen - in anderen Worten FREIWILLIG!!!
Das ist ja der Punkt.

Re: Wie verlogen

aber das die Babies getauft werden ist ok?

Antworten Antworten Gast: gast55
09.09.2012 11:09
5 2

Re: Re: Wie verlogen

sind sie auch gegen das waschen von babys, denn bei der taufe passiert nichts anderes, man schüttet ein wenig wasser übe den kopf des kindes

Re: Re: Wie verlogen

Eine Taufe ist keine Verletzung. Und wenn der junge Erwachsene nicht damit einverstanden ist kann er jederzeit zur BH gehen und sein Religionsbekenntnis änder!

PS: Meine Tochter ist NICHT getauft, weil sie sich selber entscheiden soll was sie will. Es ist trotzdem ein Unterschied ob man jemanden verletzt oder in irgendwelchen Akten was drin steht was keine reale Bedeutung hat ausser dem Religionsunterricht.

Die Sache ist ganz einfach:

Keine Beschneidung, keine Tätowierung, kein Lochstechen für Körper-"Schmuck" an Minderjährigen.

Re: Die Sache ist ganz einfach:

keine Taufe
keine Namesgebung
keine Prägung durch die Eltern
was noch alles?

Gast: Klaus
08.09.2012 20:22
5 1

Piercing

Nun, der Eingriff an sich ist an Minderjährigen nicht zu begrüßen, dennoch: ein Piercing ist schneller zu als man Upps sagen kann. Bei einer Beschneidung ist das was anderes.

Re: Piercing

es geht doch nicht darum wie weh etwas tut, sondern um das recht auf unversehrtheit. selbst wenn es gar nicht weh tut.

Unsere Kinder dürfen das erst machen, wenn sie volljährig sind

Denn dann sind sie erwachsen und können die Tragweite der Entscheidung hoffentlich voll abschätzen.

Gast: b745
08.09.2012 19:33
10 0

es macht wohl einen unterschied ob sich fast erwachsene freiwillig dafür entscheiden oder kinder unfreiwillig misshandelt werden