Politologe: "Wo sich die Menschen treffen, ist völlig egal"

Wahljahr 2013: Der Politologe Peter Hajek über den Kampf um die "Lufthoheit" und virtuelle Stammtische.

Wer hat nun die Hoheit am Stammtisch?

Peter Hajek: Zunächst: Der Begriff ist seit 1986 auf der Welt – durch die FPÖ. Immer, wenn von der Lufthoheit über den Stammtischen die Rede war, war Jörg Haider im Spiel. Jetzt ist das eben Heinz-Christian Strache.

Nicht alle Stammtische wählen Blau.

Es heißt auch nur, das Ohr an der Bevölkerung zu haben, den Kontakt zu haben, und auf diese Stimmungen reagieren zu können. Jörg Haider war dauernd draußen. Es gibt ja keinen Kärntner, der nicht sagt, er hätte ihm die Hand geschüttelt. Er hat das, was ihm die Menschen erzählt haben und was Thema an den Stammtischen war, mitgenommen und für seine Politik verwendet.

 

Also Hoheitsgebiet der Populisten?

Für Politiker gibt es zwei Möglichkeiten. Die Stimmung aufnehmen und wiederkäuen, signalisieren: Ich weiß, wie ihr denkt, ich denke genau so, und wir werden das in eurem Sinne lösen. Oder du versuchst, die Stimmung am Stammtisch zu beeinflussen. Das ist der schwierigere Weg. Jemand wie Bruno Kreisky hat das durchaus geschafft – wobei es andere Zeiten waren. Kreisky vermochte den Diskurs an den Stammtischen durchaus für sich zu gewinnen. Obwohl er als jüdischer Großbürger selbst kein Stammtischtyp war.

Kennt der Politologe Patentrezepte?

Du musst, egal, wie du den Themen am Stammtisch gegenüberstehst, einfach bleiben. Nicht, weil die Leute so dumm sind, sondern, weil sie nicht die Zeit haben und das Hintergrundwissen, manche auch nicht die Bildung, um komplexe politische Inhalte zu diskutieren. Deshalb kommt am Stammtisch die einfachere Antwort besser als die komplizierte an. Deshalb tun sich die Grünen am Stammtisch immer schwer, weil sie viel zu differenziert sind.

 

Fachleute richten Laborstammtische ein, um Stimmungen einzufangen.

Eine Methode sind Fokusgruppen. Wir fassen zehn, zwölf Menschen zusammen, die wir unterschiedlich zusammensetzen, setzen sie an einen Tisch und moderieren eine Diskussion. Irgendwann sind alle Themen am Tisch.

 

Weil der Stammtisch etwa ausstirbt?

Er ist nur ein Synonym. Ich brauche keinen echten Stammtisch. Wo sich Menschen treffen, ist vollkommen egal. Jetzt sind sie auf Facebook, das ist der Stammtisch der Jungen. Oder Twitter, Stammtisch der Journalisten. Unter Facebook-Usern ist Strache Nummer eins. Er hat 110.000 „Freunde“, Angela Merkel 190.000. Die Rechten sind auf dem Gebiet geschickter. Den virtuellen Stammtisch haben sie besetzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2012)

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