Doktor Tino schiebt nach der Check-in-Untersuchung drei kleine Plastikpackungen Honig über den Tisch. „Das könnten Sie brauchen, wenn Ihnen schwindlig wird.“ Eine Notration Kalorien also. Sie verschwindet elegant im Sack des Bademantels und wartet von da an auf den angekündigten Schwächeanfall. Am ersten Tag der Detox-Woche wäre es noch zu früh dafür. Da gewöhnt man sich gerade an das leichte Hungergefühl, das man so schnell nicht mehr los wird. Verlockungen zum Naschen gibt es so gut wie keine. Vermutlich ist das frisch renovierte Luxushotel Palace Meran sogar das einzige seiner Kategorie, das ohne Obstkorb im Zimmer auskommt. Ohne Gute-Nacht-Pralinen auf dem Kopfpolster. Ohne Nüsschen im Salon. Nicht einmal auf die Minibar ist Verlass: Ein Liter stilles Mineralwasser steht drin. Sonst nichts. Trotzdem gibt es null Beschwerden. Die Gäste kommen zu Dominique und Henri Chenot, weil sie entgiften wollen. „Detoxen“, wie man heute so schön sagt.
Auf Deutsch bedeutet das so viel wie „Entfernung giftiger Substanzen“. Gemeint ist all das, was sich durch zu viel Essen, Alkohol, Nikotin und Chemikalien in der Umwelt im Körper sammelt. Die Schönheitsindustrie ist längst auf das Modewort aufgesprungen und versucht, uns Tees, Duschgels und Nahrungsergänzungsmittel zu verkaufen, die dem Körper dabei helfen sollen. Methoden dahinter gibt es viele. Inder schwören seit 5000 Jahren auf ayurvedische Küche und Heilkunst. In unseren Breiten hat F. X. Mayr vor 100 Jahren mit der mittlerweile modernisierten Semmel-Milch-Kur die Reinigung des Verdauungstrakts propagiert. Und für den ausgebildeten TCM-Experten Henri Chenot gehört zum Detoxen immer auch die Harmonie zwischen Geist und Körper. Er kombiniert eine ausgeklügelte Form der Trennkost mit Wasseranwendungen und chinesischer Medizin und nennt das Ganze „Biontologie“ – Wissenschaft des optimalen Alterns.
In den 1980ern kam das Ehepaar Chenot nach Südtirol. Seither verwandeln die beiden das Palace Meran zur VIP-Entgiftungszentrale Europas. Christiano Ronaldo, Thomas Gottschalk, italienische Moderatorinnen oder russische Millionäre – hier trägt jeder den weißen Bademantel. Die meisten reisen für eine Woche an „Das reicht“, versichert Chenot, der längst akzeptiert hat, dass seine betuchte Klientel nicht mehr Zeit dafür investieren möchte. Gerade deswegen bringen die Gäste aber die Disziplin eines Olympioniken mit. Das heißt: Im Espace Chenot wird nicht gesündigt. Selbst an der holzvertäfelten Bar ist ein Eistee mit einer Scheibe Zitrone schon das Höchste der Gefühle. Entsprechend rasch zeige sich das Resultat, verspricht Chenot. Ob Cholesterin, Blutdruck oder Blutfette – „schon nach ein paar Tagen gehen die Werte deutlich nach unten“.
Von Kur zur Wellness. Es ist halb eins. Essenszeit. Vom keimfrei gestalteten Ärztezentrum zum historisch-mondänen Hoteltrakt des Palace Meran sind es nur ein paar Schritte. Sofort kippt der innere Schalter von Kuraufenthalt auf Wellnessurlaub. Die Tische sind gedeckt wie für ein Galadiner: weißes Tischtuch, Stoffservietten, Silberbesteck. Erst die Karaffe Leitungswasser weist die Gäste darauf hin, dass es zu diesem Menu keinen „vino bianco“ geben wird. Und auch kein „birra“. Kellnerin Janka füllt das Glas und erklärt die Karte: „Heute gibt es die beste Vorspeise der ganzen Woche.“ Quinoa mit Waldbeeren und Kokoscreme. Gefolgt von Seitanlaibchen auf Wokgemüse. Das Essen ist vegetarisch und kommt ohne Milch, Salz, Zucker, Eier und Mehl aus – und schmeckt trotzdem nach etwas. Bis zuletzt bleibt ein Rätsel, wie es möglich ist, zwei Gänge mittags und abends mit insgesamt nur 600 Kalorien herzustellen. Sogar ein Macchiato geht sich noch aus. Oder so etwas Ähnliches. Janka serviert ihn „mit Liebe“, wie sie sagt. Ein Herz aus Zimt thront auf dem Schaum. Der ist allerdings aus gequirlter Reismilch und der Kaffee aus Getreide. Doch als Abwechslung zum ewigen Ingwer-, Essig- oder Zitronenwasser ist er jedenfalls ein Genuss.
Im Espace Chenot bleibt nicht viel Zeit, um an Hunger zu denken. Das scheint einer der Eckpfeiler beim Detoxen zu sein. Gleich beim Einchecken bekommt jeder Gast eine kleine graue Mappe in die Hand gedrückt, die man überallhin mitnehmen muss. Sie füllt sich von Tag zu Tag. Zum straffen Stundenplan kommen ein 30-seitiger persönlicher Fragebogen und ein Bodyscan. Plus alle anderen „Befunde“: Erst wird man zur Impedanzanalyse geschickt, bei der mit Stromsignalen die Körperfette gemessen werden. Dann zum Biofunktion-Check-up. Dafür drückt einen die „Schwester“ zwei metallische Hanteln in die Hand und schaltet den Computer ein. Am Bildschirm wechseln Bilder von Sternen, Stränden und Tieren. Das Gerät piepst unregelmäßig und spuckt dann Informationen über die Vitalität der Körperzellen aus. Auch Allergietest, Blutwerte, Unverträglichkeiten, Genetik, auftretende Wehwehchen und das tägliche Gewicht werden penibel notiert und in der Mappe abgeheftet. „Passt die Temperatur?“, fragt Frau Ricarda. Dann schüttet sie zwei Becher nach Menthol riechenden Entgiftungszusatz in die Riesenwanne und schaltet Massagedüsen und Farbspiele ein. Die Hydrotherapie gehört zu den täglichen Fixterminen am Vormittag. Nach 20 Minuten kommt sie wieder und verteilt einen Kübel warmen Fango mit einem Riesenpinsel von Kopf bis Fuß. Der Schlamm riecht wie die Pumpe eines Aquariums – allerdings vor dem Ausputzen. Mit einer Tuchent bedeckt und in ein warmes Wasserbad versenkt, muss man weitere 20 Minuten schwitzen. Zum Finale bittet Ricarda in eine weiß ausgeflieste Extrakabine. Sie selbst hängt sich eine weiße Plastikschürze um, nimmt einen weißen Feuerwehrschlauch zur Hand und dreht das Wasser auf. Der harte Strahl trifft aus gut vier Meter Entfernung auf Arme, Beine, Rücken und Bauch. Es tut nicht weh, aber angenehm ist es auch nicht. Zumindest Ricarda hat Spaß an ihrer Arbeit. „Zur besseren Durchblutung“, erklärt sie, „so werden die Schlacken entsorgt.“
Ohne Pizza. Als weitere Fixtermine stehen Energiearbeit, Ernährungsberatung und Massage im Stundenplan. Der Masseur stellt sich als Pier Paolo vor. Er ist eher der Yin-Typ. Mit einer beneidenswerten Gelassenheit blättert er durch die Mappe, dann erstellt er den individuellen Plan: „Wir bearbeiten heute den Lebermeridian.“ Gegen die Verspannung zwischen den Schulterblättern greift er zu kleinen Elektroschockern, und das Schröpfen soll den Lymphfluss anregen. Zwischendurch erzählt er von der Promenade in der Altstadt, von der schönen Aussicht auf dem Tappeinerweg und von der neuen Pizzeria. „Oh, scusi, tut mir leid.“ Das Magenknurren beim Wort Pizza ist wohl nicht zu überhören.
Zurück an der Spa-Rezeption wimmelt es wie im Ameisenhaufen. Für viele ist es ein Sport, in einer Woche so viele Treatments wie möglich unterzukriegen. „Russische Gäste würden am liebsten auch die Cellulite vom Ohrläppchen entfernen lassen“, erzählt Dr. Tino. Man könne sie nur schwer davon abhalten. Das Spa-Menu klingt ein wenig nach Inhaltsverzeichnis eines Science-Fiction-Romans: Face Led Plus, Oxygen, Vacupower, Sonoforese, Photomodulation, Vitamininfusion. Die erhoffte Wirkung klingt weniger utopisch: Dahinter steckt der Wunsch, sich jünger, fitter und gesünder zu fühlen.
Maximum, Maximum. „Maximum an Anti-Aging, Maximum an Detox“, verlangt eine Inderin. Doch: „So funktioniert das nicht“, sagt Dominique Chenot als Chefin der ästhetischen Abteilung. „Man kann nicht in sieben Tagen ein ganzes Jahr korrigieren.“ Sie möchte, dass sich die Gäste in Meran lieber die Zeit nehmen, um darüber nachzudenken, wie sie zuhause leben. „Viele fragen uns nach unserem Geheimrezept, aber es gibt keines“, sagt sie. „Unser Körper gibt uns viele Zeichen. Aber wir wollen nicht hören. Dann nehmen wir Tabletten, um einen Schmerz loszuwerden. Dabei ginge es viel einfacher.“ Sie schüttelt den Kopf und nimmt ihr Kochbuch zur Hand. Wir blättern durch appetitlich fotografierte Rezepte vom Tofu-Burger bis zum Gemüseraviolo. Reflexartig meldet sich der Hunger zurück. Ein kleiner Kontrollgriff versichert: Der Honig ist noch da.
Therapieplan
01 Biontologie. Der Begriff wurde von Henri Chenot kreiert und bezeichnet ein Konzept zum gesunden Altern.
Geschichte: Das Palace Hotel wurde 1906 eröffnet. Seit den 1980er-Jahren wurde es von Dominique und Henri Cheno in ein innovatives Detox-Zentrum verwandelt, das zahlreiche Promi-Gäste anzieht.
Versprechen: Das Chenot-Prinzip baut auf Harmonie zwischen Körper und Geist. Eine Diät, Massagen, Hydrotherapie und Energiearbeit sollen bei der Beseitigung von organischen Verunreinigungen (die alt und müde machen) helfen. Das siebentägige Programm kostet 2860 Euro plus ca. 1400 Euro für das Zimmer. www.palace.it/de
02 Ayurveda. Das Ananda in the Himalayas liegt nahe der heiligen Stadt Rishikesh (Indien).
Geschichte: Das Hotel steht auf dem Gelände des Palasts der ehemaligen Maharadscha-Familie.
Versprechen: Ayurveda-Therapien (mit Doktorbesuch, Massagen, Diät und Meditation) sollen den Körper pflegen, das Nervensystem beleben, den Geist erfrischen, die Abwehrkräfte stärken. Detox ab 1000 Euro pro Woche. www.anandaspa.com
03 Makrobiotik. Die SHA Wellness Clinic liegt in der Nähe von Valencia. Detox-Programm dauern mindestens sieben Tage, ab 1850 Euro.
Geschichte: Hotelgründer Alfredo Bataller Parietti nahm jahrelang ohne Wirkung Medikamente, stieg dann auf makrobiotische Ernährung um und erfuhr so die Selbstheilungskraft des Körpers.
Versprechen: Gäste sollen sich vitaler fühlen und gesünder aussehen. www.shawellnessclinic.com
04 FX Mayr. Die moderne Version der Milch-Semmel-Diät im Parkhotel Igls.
Geschichte: Das Hotel-Sanatorium war schon zu Kaisers Zeiten ein Familienhotel mit Ärzten, Diät-
küche sowie Kur- und Badeanstalt.
Versprechen: Das Detox-Paket: Schonung und Säuberung des Verdauungstraktes, Kauschulung, Sport und Selbstfindung. Basisprogramm: 800 Euro pro Woche plus Zimmer. www.parkhotel-igls.at
Fleischer, Fische und Frauen
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