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Die Zukunft der Partyszene

06.10.2012 | 17:52 |  von Karl Gaulhofer (Die Presse)

Tanzen, Kultur, Chillen: Der Berliner Club »Kater Holzig« erweitert die nächtliche Feier zur Ganztagsschule für angewandte Lebenskunst.

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Es gibt ein Leben nach dem Nachtleben. Wer jung und gierig auf Beats ist, tanzt einfach weiter, den ganzen Tag, das ganze Wochenende. Mit oder ohne Drogen, allein oder an einen Menschen seines Begehrens geschmiegt. Hauptsache, es wummert aus den Boxen, endlos, zeitlos. Wer an Jahren etwas reifer und des Tanzens leicht müde ist, will sich doch das Lebensgefühl dieser entgrenzten Gegenwelt bewahren. Er sucht und findet: Theater, Film, Gedankenfutter an der Kultstätte des jugendlichen Eskapismus. Und ein Filet um 29 Euro, inmitten dekorativer Ruinen, umringt von apart arrangiertem Sperrmüll und Schrott.

So in etwa lautet das Konzept von „Kater Holzig“, dem Berliner Labor für das Nachtleben der Zukunft. Vor gut einem Jahr hat die halb verfallene Seifenfabrik am Kreuzberger Spreeufer ihre verrosteten Pforten geöffnet. Seitdem reißen die Schlangen am Wochenende nicht mehr ab. Draußen Flüche über die strenge Türsteherin, drinnen im Hof am Fluss das andächtige Staunen des auserwählten Partyvolks. Hippies und Hipster hängen hier in Horden in einer zusammengenagelten Holzlandschaft herum. Vom dritten Stock aus sehen die Restaurantgäste im „Katzenschmaus“ dem bunten Treiben abgeklärt lächelnd zu.

Die Szenerie: halb Geisterbahn, halb Kunstobjekt. Bröckelnde Fassaden, die bemalt und besprayt den Verfall kaschieren, wie eine aufgetakelte Alte mit zu viel Rouge auf den Wangen. „It's so fucking Berlin“, hat das Stadtmagazin „Tip“ einem Spanier bei diesem Anblick abgelauscht, und weil der Spruch so schön ist, hat ihn die „Bild“-Zeitung flugs gestohlen. Die Partys in diesem Elektrotempel beginnen spät und dauern bis weit in den Tag hinein. Dann wabern Dünste von Bier und Schweiß über dem Gelände. Nicht wenige trotzen vor Ort der grell-grauen Wirklichkeit, lagern ramponiert wie Strandgut am Ufer und warten gelassen darauf, dass sich die Nacht wieder gnädig über Deutschlands Hauptstadt legt.

Nur die Musik hört nie auf. Am beschaulichsten wird es dann, wenn normalsterbliche Spießer gerne tanzen würden, vor zwei Uhr nachts. Spanische Sitten, aus Ibiza importiert, haben längst auch in Berlin Einzug gehalten. Vor allem in den großen, wichtigen Clubs: dem „Berghain“, dem „Watergate“, dem „Kater Holzig“. Wo sich Party-Wallfahrer aus aller Welt zur ohrenbetäubenden Andacht vor den Hohepriestern der Techno- und Elektroszene versammeln, erreicht die Stimmung erst am mittleren Morgen ihren Höhepunkt. Nicht wenige einheimische „Berghain“-Fans arrangieren sich pragmatisch mit dem herausfordernden Zeitplan: Sie gehen früh schlafen, stellen sich den Wecker für sechs Uhr morgens und stehen ab sieben frisch und nüchtern auf der Tanzfläche.

Morgenluft wittern auch die Macher des „Kater Holzig“. Längst schon haben sie noch Größeres im Sinn: Gegenüber in Friedrichshain wollen sie ein ganzes Dorf errichten. Als „Symbol für den Freigeist Berlins“ soll der „Holzmarkt“ viel bieten: bezahlbare Wohnungen, Ateliers, kleine Läden, ein Kulturhaus, Gemüsegärten, einen Park am Fluss. Am Dienstag haben die Visionäre den Zuschlag erhalten, die Stadt erhofft sich einen Touristenmagnet. Im Zentrum steht keine Kirche. Sondern, als Ursprung ihres Kultes, ein Tanzpalast.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2012)

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