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Retro, Dirndl, Babydisco: Jedem sein Fest

06.10.2012 | 17:52 |  von Sabine Hottowy und Eva Winroither (Die Presse)

Ob illegales Tanzen auf der Wiese oder Veranstaltungen mit ländlichem Dresscode - ein Blick auf die heimische Partyszene zeigt: Der Trend zur Nische ist das Einzige, was das kollektive Feiern noch verbindet.

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Die Party. Das klingt ein bisschen nach alter Zeit. Als alle von derselben Veranstaltung sprachen. Als es so etwas wie einen Grundkonsens gab, dass man am Samstagabend eben zu der einen Party ging. Und sich noch Tage danach alle über dieses eine Fest unterhalten konnten. Es ist ein Begriff, der etwas von Shows wie „Wetten, dass...?“ hat – nach dem Wochenende sprachen in der Schule, in der Arbeit alle darüber (sofern sie nicht auf einer Party waren, natürlich). Das kollektive Erlebnis zog sich quer durch die Gesellschaft, man wusste, wovon die anderen sprechen und konnte auch selbst mitreden.

Doch diese heimelige Intimität der samstäglichen Abendgestaltung ist nach und nach verschwunden. Mit Kabel- und Satellitenfernsehen begann der Niedergang der klassischen Samstagabendshow, mit dem Internet kam auch noch die zeitliche Unabhängigkeit von festgelegten Beginnzeiten. Und so wie sich das abendliche Fernsehprogramm zunehmend ausdifferenziert hat und die Gruppen, in denen alle vom Gleichen reden können, immer kleiner wurden, hat sich auch das Feiern in unzählige verschiedene Richtungen entwickelt. Die Musik, das Styling, die Veranstaltungsorte – alles hat sich in unzählige Genres und Subgenres aufgespaltet. Der Samstag hat sein Monopol als Tag der Party längst eingebüßt. Und schließlich sind die Zyklen, in denen neue Konzepte und Partyideen auftauchen, immer kürzer geworden. So kurz, dass gelegentlich eine Bestandsaufnahme sinnvoll sein kann.

Tanzen wie damals: 1920er- bis 70er-Partys

 

Sie heißen „Cirque Rouge“, „Swell Time“, „Swing out Wide“ und manchmal einfach auch nur „Tuesday Hop“. Und wer sie besucht, weiß, dass sich dahinter eine Welt verbirgt, die es so im Alltag nicht mehr gibt. Elvis hat dort seinen Auftritt, The Supremes und irgendwann auch Glen Miller. Auch noch einige Jahre nach ihrem ersten Auftreten ist das österreichische Faible für die Retro-Party im Stil der 1920er- bis 70er-Jahre ungebrochen. Wohl, weil erst jetzt die kritische Masse erreicht wurde. Retro-Partys sind massentauglich geworden. So mussten bekanntere Events wie die 1950er-/60er-Jahre-Party „Swell Time“ mittlerweile vom Gartenbaukino ins größere Chaya Fuera im Achten wechseln. Die Warteschlange vor der Tür wurde irgendwann fast hundert Meter lang.

Die Kleider sind die Eintrittskarte. Gemeinsam haben die Partys nicht nur Musik, die bis zu 80 Jahre alt ist, sondern auch den Dresscode, der von den Besuchern liebevoll zelebriert wird – und das nicht nur, weil mit dem richtigen Styling häufig auch günstigere Eintrittstickets verbunden sind. Da kommen die Frauen in eigens genähten Petticoat-Kleidern, stecken sich die Bänder ins Haar, tragen wieder Handschuhe, Federboas und sind elegant geschminkt, während die Herren in engen Anzügen, mit dünner Krawatte und Pomade im Haar sich die Hornbrille im Gesicht zurechtrücken und versuchen, dezent zu flirten. Etwas anrüchiger geht es dafür im „Cirque Rouge“ in der Roten Bar im Volkstheater zu. Hier zieht sich in Anlehnung an das US-amerikanische Unterhaltungstheater im ersten Drittel des 20.Jahrhunderts das burlesque Element durch den ganzen Abend, ziehen sich Damen andeutungsweise ein Kleidungsstück nach dem anderen aus, während die Musik der damaligen Zeit aus den Boxen tönt.

Sicher, weich und kuschelig. Den Retrotrend erklärt die holländische DJane Gabbi Werner übrigens so: „Es ist eindeutig Krisenzeit. Der Trend wird sich sicher in Zukunft noch verstärken. Es ist ein Verlangen nach Unschuld und Verkleidung. Man will sich in eine andere, sichere Realität begeben.“ Sie könnte recht haben. Der Bedarf an neuen Events ist nämlich noch lange nicht gedeckt – zumindest glauben das diverse Veranstalter und planen weitere Retro-Events. So kommt mit „Boheme-Sauvage“ am 9.November eine ziemlich bekannte 1920er-Jahre-Veranstaltung von Berlin nach Wien (siehe auch: „Die Feste der deutschen Nachbarn“). Am 1.Dezember starten die Veranstalter von „Swell Time“ mit „Soul Control“ im Chaya Fuera die nächste Mottoparty – dieses Mal im Stil der 1960er- und 70er-Jahre – und ausnahmsweise ohne strikten Dresscode.

Eine Party für jeden Lebensabschnitt

 

Der DJ ist da, seine Beschallung bleibt babytauglich leise. Es gibt einen Dancefloor, nur auf die Spieloasen muss man aufpassen. Beim Babyclub, der Babydisco im WUK, treffen sich regelmäßig junge Eltern, um mit Gleichaltrigen zu Erwachsenenmusik zu tanzen. Der Nachwuchs bleibt je nach Entwicklungsstadium entweder auf dem Arm oder darf auf der Tanzfläche mitspringen. Die passende Nachmittagsmixshow liefert DJ Functionist alias Matthias Schönauer.

Die Party für junge Eltern ist Teil eines Trends in der Partyszene – Feste für bestimmte Lebensabschnitte. Und das auch noch deutlich so ausgeschildert. Es begann mit den Ü30-Partys, bei denen vornehmlich Berufstätige feiern sollten – unter sich, ohne Teens oder frühe Twens, mit denen man nicht mehr viel gemeinsam hat. Ein erfolgreiches Beispiel für dieses Konzept ist der „Thirty Dancing“-Club im Volksgarten. Verwandt ist dieses Konzept mit dem Afterwork-Clubbing, das eine ähnliche Zielgruppe ansprechen soll. Musikalisch orientiert man sich wenig überraschend am Geschmack der jeweiligen Zielgruppe. Und auch beim zeitlichen Ablauf wird auf die Bedürfnisse der Partygänger Rücksicht genommen – die Partys starten schon am späten Nachmittag.

Aber nicht nur für Berufstätige und Eltern gibt es eigene Veranstaltungsreihen. Auch bei Kindern und Jugendlichen wird zunehmend ausdifferenziert. So versuchen am heutigen Sonntag die Veranstalter etwas Neues, im Rahmen von „Shake Baby Shake XXL“ tastet man sich an eine neue Zielgruppe heran. „Wir öffnen die Tore für die Generation der elf- bis 14-Jährigen“, sagt Saskia Schlichting von der Kinderecke im WUK-Büro, „aber das ist ein Experiment.“ Die jungen Gäste dürfen ihre eigene Musik auflegen. Und Alkohol ist logischerweise tabu.

Im Praterdome wiederum setzt man auf junge Singles, etwa in der „Paarungszeit“. Die flüchtigen Zukunftspläne des Publikums werden in diesem Club mit Hilfe von Ampelfarben dargestellt. Grüne Leuchtbänder stehen für „I want you“, mit Gelb signalisiert man Durst („Try it – but first I need a drink!“), Rot ist die klassische Abfuhr. Ein ähnliches Konzept verfolgt die „Aufreißzone“ im K3, wo das Programm unter anderem mit Kontaktspielen à la „Schraube sucht Mutter“ bestritten wird.


Zielgruppe Studenten. Eine der größten und für die Partyveranstalter wichtigste Zielgruppe sind aber natürlich Studenten. Ein paar klingende Beispiele: Vienna Academics im U4, „Der Hörsaal wird verlegt“, das Unimag-Uni-Wien-Fest wird demnächst wieder in einem Theater, in der Garage X, auftreten, oder die „Elektrouni“ im B72, wo „beatlastige Dozenten ein taktvolles E-Learning“ garantieren.

Es müssen aber nicht immer nur professionelle Veranstalter sein, die eine Zielgruppe bedienen möchten. Viele Lebensabschnittspartys sind auch selbst organisiert. „Unsere Tanzveranstaltungen sind immer sehr beschwingt“, erzählt Siegi Lindenmayr vom Pensionistenverband Wien. Sehr gut kommen Schmuselieder an, ältere Menschen schrauben sich gern eng umschlungen über die Tanzfläche, erzählt er. „Und wenn es Rock'n'Roll oder Boogie spielt, ist die Tanzfläche gesteckt voll. Auch mit 80-Jährigen.“

Illegale Feste, nur am Tag, Einladung per SMS

 

Der Name sagt alles und bedeutet in Wien ungefähr das berlinmäßig-hipste (siehe Artikel rechts oben), was die Stadt zu bieten hat. „Tanzen durch den Tag“ heißt die Veranstaltung, die es zwar schon seit fast zwei Jahren gibt, die wohl aber bei der Auflage am heurigen 1. Mai am Brigittenauer Sporn so etwas wie Kultstatus gewonnen hat. Mehrere Zeitungen haben nämlich darüber berichtet („Eine Facebook-Party in Wien artete aus.“). Wobei, ganz so war es dann auch wieder nicht. „Facebook-Party“ ist nämlich viel zu kurz gegriffen. „Tanz durch den Tag“ ist ein „ganz liebevolles, hippiemäßiges Konstrukt, das den freien Charakter der Besucher widerspiegelt“, versucht ein Besucher das Event in Worte zu fassen.

Anders ausgedrückt: An einem beliebigen Tag wird an einem beliebigen Ort eine (24-Stunden-)Party gefeiert. Partybeginn ist schon am Nachmittag, bei manchen auch schon morgens. Der Eintritt ist frei, und auch die Getränke gibt es auf Basis freiwilliger Spenden. Gespielt wird Electro und Tech House. Die DJs kommen zum Teil aus dem Ausland und sind international bekannt. Künstler kümmern sich um die Dekoration des Ortes, der mit viel Liebe gestaltet wird. Selbst oder besonders dann, wenn es sich um illegale Partylocations handelt, wie bei oben erwähnter Facebook-Party beim Brigittenauer Sporn, wo die Polizei mehr als 700 Gäste im Zaum halten wollte.

Einladung per SMS. Doch das richtig Interessante an solchen Veranstaltungen ist die Einladungspolitik. Das Event wird nämlich relativ spontan über Facebook oder Twitter bekannt gegeben. Manche sogar nur mehr per SMS und Mundpropaganda. Man muss also die richtigen Leute kennen oder seine Handynummer strategisch geschickt verteilen. Die nächste Veranstaltung ist angeblich noch im Herbst geplant. Wer bis dahin nicht die richtigen Leute kennt, muss auf das Frühjahr warten, wo sicher noch mehr ähnliche Veranstaltungen auftauchen. Diesen Sommer verfolgte etwa „Kein Sonntag ohne Techno“ ein ähnliches Konzept. Beliebte Nachmittagsfreiluft-Partys gab es auch im Porto Pollo auf der Donauinsel. Ansonsten helfen die richtigen Facebook-Freunde. Denn kurzfristige Bekanntgaben von Veranstaltungen über die Onlineplattform oder Twitter werden wohl auch in Zukunft dominieren. Vielleicht schafft es die eine oder andere ja wieder in die Zeitung.

Die Feste der deutschen Nachbarn

Die Geschichten über ihre Feindschaften sind legendär. In Feierbelangen kann die deutsch-österreichische Partyconnection dafür zunehmend auf bessere Auslandsbeziehungen zurückgreifen. Langsam, aber doch finden nämlich deutsche Events ihren Weg nach Österreich. (Was übrigens vor allem an den zahlreichen deutschen Studenten im Land liege, wie ein Nachtschwärmer einmal scharf kombiniert hat. Die brächten eine neue Feierkultur ins Land.) Eines der bekanntesten Beispiele ist etwa der „Candy Club“.

Die älteste queere Party im deutschsprachigen Raum hat sich vor eineinhalb Jahren in Wien niedergelassen. „Der Candy Club, der jetzt alle zwei Monate im Rhiz stattfindet, legt großen Wert auf ein durchmischtes Publikum, wir verstehen den Begriff ,queer' als Brechung aller gewohnten (Geschlechter-) Rollenklischees, die sich sowohl bei unserem Publikum widerspiegeln soll, als auch in der Musik, die ich mit Thomas Lechner, der den Candy Club vor 13 Jahren in München ins Leben gerufen hat, auflege“, sagt Veranstalter Stefan Elsbacher über den Club. Und: „Unser Anspruch ist, noch weitestgehend unbekannte Songs aus der tanzbaren Indie- und Electro-Schiene genauso zu spielen wie Altbewährtes, oder den beliebten 1980er-Evergreen zu späterer Stunde. Gehaltvoll soll‘s halt sein und nicht platt.“

Das sagen auch die Veranstalter der legendären 1920er-Jahre-Party „Boheme-Sauvage“, die zum ersten Mal am 9.November im Liebhartstaler Bockkeller in Ottakring stattfinden wird. Auf der Homepage ist ein ein strikter Dresscode zu finden: „Unerwünscht, ganz abgesehen von jeglicher moderner Kleidung wie Jeans, T-Shirts, Turnschuhe etc. sind kitschig glitzernde und geschmacklose Karnevalskostüme, Plastikartikel, schrille Perücken, pinke Federboas und alles, was der Zeit zwischen 1880 und 1940 ganz offensichtlich nicht angemessen ist.“ Wer dem Türsteher nicht gefällt, darf nicht hinein.

Der Trend zu Wald, Wiese und Lederhose

 

Die Sehnsucht nach Wald und Wiesen kam zuerst vom Land in die Stadt, boomt seit geraumer Zeit in Magazinen à la „Servus“ oder „Landlust“ und Kleiderschränken. Zunehmend findet die Liebe zum Ländlichen ihren Weg auch am Wochenende in Clubs, auf Veranstaltungen und Feste. Wohl weil clevere Unternehmer schon längst auf den Trend aufgesprungen sind und den Wunsch des Volkes mit trachtigen Feiern bedienen. Mitte März 2012 hatte etwa mit der Wiener Trachtenparty ein Clubbing im Trachtendisco- und Stadlflair im Club Lifestyle seine Premiere. Partyorganisator Manfred Fuchs denkt nach dem vierten Mal bereits ans Expandieren. Er möchte in Zukunft einmal im Monat ein solches Event veranstalten. Schon länger auf das Konzept mit Dirndl & Co. setzt die Bettelalm im ersten Bezirk. Und nicht zuletzt ist mit der „Wiener Wies'n“, die heute zu Ende geht, eine weitere Großveranstaltung nach Wien gekommen, bei der Dirndl und Lederhose quasi zum Dresscode gehören – das Oktoberfest nach Münchner Vorbild.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2012)

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1 Kommentare
Gast: KSOT
07.10.2012 21:26
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HSG-T

Kein Sonntag ohne Techno - Heute schon geTanzt?