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Massimiliano Giornetti: Der kreative Kronprinz

11.10.2012 | 17:12 |  Daniel Kalt (Die Presse - Schaufenster)

Auf ihm ruhen die Hoffnungen eines Clans: Massimiliano Giornetti kümmert sich für die Familie Ferragamo um sämtliche Designbelange.

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Als Massimiliano Giornetti vor etwas mehr als zwei Jahren zum Chefdesigner aller Kollektionen der Marke Salvatore Ferragamo gemacht wurde, bedeutete das einen ordentlichen Vertrauensvorschuss. Denn die traditionsreiche Marke – Salvatore Ferragamo startete seine Karriere als Schuhmacher der Hollywood-Stars in den 1920er-Jahren – ist fest in der Hand der Familie, die sämtliche Schlüsselpositionen besetzt. Von Giornetti erwartet sich der Florentiner Clan eine moderne und (c) Beigestellt gefühlvolle Herangehensweise, die den Fortbestand des Hauses absichern soll. Die Beförderung kam für den jungen Mann, der selbstverständlich mit den Gnaden von Salvatores Witwe, Wanda Ferragamo, ausgestattet ist, nachdem er sich als Verantwortlicher für Strickmode und später die Herrenkollektion bewährt hatte. Das „Schaufenster“ traf Giornetti in Paris, wo er sich Gedanken über Leonardo da Vincis Universalmenschen als Vorläufer von 3-D-Animationen machte, den „Total Look“ zum obsoleten Begriff erklärte und von seiner Arbeit als Kostümdesigner für das Niki-Lauda-Biopic „Rush“ erzählte. 

Ihre letzte Cruise Collection wurde im Louvre in Paris gezeigt, der erstmals die Museumsfläche für ein Defilee öffnete: Die ultimative Verschränkung von Mode und Kunst scheint gelungen. Haben Sie eine Ahnung, was sich das Museum davon erwartet? 
Das ist ganz einfach: Freude und Leben sollen Einzug ins Museum halten dürfen. Ein Mitarbeiter des Louvre unterstrich, wie wichtig es selbst für ein so berühmtes Museum ist, in Kontakt mit der Gegenwart und dem Leben der Menschen zu bleiben. Natürlich ist der Louvre ein Symbol für zeitlose Schönheit, aber auch hier braucht es ein gewisses Quantum an Modernität. Nicht umsonst ist auch das Musée des Arts Décoratifs, also das Museum der angewandten Künste, im Louvre untergebracht.


Andererseits kommt es nicht von ungefähr, dass sich der Louvre für Ferragamo noch weiter geöffnet hat als für andere Marken, hat doch das Maison die Restauration der „Heiligen Anna“ von Leonardo da Vinci finanziell unterstützt. Warum dies?
Nun, Leonardo stammt natürlich wie Ferragamo aus Florenz, das ist einmal der erste Punkt. Und, was mich persönlich beeindruckt, er war nicht nur Künstler, sondern auch Architekt, Konstrukteur, Anatom – ein Vordenker in vielerlei Hinsicht. Für mich ist der „Uomo vitruviano“ zum Beispiel nicht nur eine Anatomiestudie, sondern ein Vorbote zeitgenössischer 3-D-Animationen. Da geht es nicht nur um den menschlichen Körper, sondern um alles, was den Menschen umgibt und ausmacht.

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Der in seine Gesellschaft eingebettete Mensch und die Anatomie des Körpers – zwei Punkte, die auch an die Mode denken lassen?
Auf jeden Fall. Mode ist Arbeit am Körper, auch wenn der Ausgangspunkt eine Skizze auf Papier sein mag. Aber ich gehe so schnell wie möglich zur Arbeit an der Puppe oder einem Modell über. Das entspricht übrigens ganz der Vorgangsweise von Salvatore Ferragamo, der seine Schuhe immer am Fuß konstruiert und die Form auf die Anatomie abgestimmt hat.


Wird nicht gerade das Zusammenführen von Schönheit und Funktionalität immer schwieriger, wenn man für eine globale Klientel arbeitet? Decken sich denn die Ansprüche und Erwartungen einer Chinesin mit jenen einer Amerikanerin oder Italienerin – in funktioneller wie übrigens anatomischer Hinsicht?
Ein Designer darf sich jedenfalls nicht von der globalisierten Welt ins Bockshorn jagen lassen. Einerseits werden die Qualität der Materialien und die Verarbeitung immer wichtiger, und das auf der ganzen Welt. Andererseits ist meines Erachtens der Erfolg meiner Kollegin Phoebe Philo bezeichnend: Ihr ist es bei Céline gelungen, den traditionellen Charakter des Modehauses mit den Ansprüchen einer modernen, anspruchsvollen Frau zu verbinden. Genau darum geht es – den richtigen Mix zu finden.


Wie soll das gelingen?
Man muss sich in den Großstädten umschauen, auf der Straße, in den Bars, um die richtige Mischung verschiedener Stilrichtungen und Konzepte herauszufinden. Die Zeit der „romantischen Frau von Valentino“ oder der „androgynen Frau von Armani“ ist vorbei. Heute müssen alle Modehäuser Angebote an einen vielfältigen Lebensstil machen. Durch das Internet und ihre mediale Präsenz ist die Mode näher an die Menschen gerückt, und das zu ignorieren, kann sich keiner leisten.


Auf den Laufstegen gibt es aber weiterhin zum Teil sehr übertriebene Looks zu sehen. Der Spagat zwischen ästhetischer Überzeichnung und kommerziellem Erfolg existiert also nach wie vor?
Die Laufsteg-Ästhetik hat schon ihre Berechtigung, weil hier in zehn Minuten die Essenz einer ganzen Kollektion gezeigt wird. Die Looks, die Musik, das Make-up – miteinander ergeben sie ein hoffentlich stimmiges Gesamtbild, das wie eine Lupe wirken soll. Übrigens sind meiner Meinung nach die Modewochen längst nur mehr eine von vielen Arten, die Mode zu vermitteln. Galaauftritte von Stars auf dem roten Teppich, die Blogs, die Street-Style-Fotografie, das gehört auch dazu.


Um aufzufallen, gehen manche Designer in eine fast künstlerische Richtung, andere zeigen das große Spektakel . . .
Natürlich. Auch die Provokation ist eine mögliche Konsequenz der Übertreibung. Einige, zum Beispiel Hussein Chalayan, gehen phasenweise in eine sehr experimentelle Richtung. Es ist offensichtlich, dass ich bei Ferragamo einen anderen Weg wählen muss, um meine Vision auszudrücken und der Marke gerecht zu werden. Doch auch hier kann ich es mir nicht leisten, die Erwartungen der Jetztzeit auszublenden. Vor zehn Jahren wäre es noch nahezu undenkbar gewesen, in einer Stadt wie Bogotá ein Geschäft zu eröffnen, heute tun wir das. Die Mode ist viel näher an die Konsumenten gerückt und, wie ich schon gesagt habe, sie muss sich der Veränderungen bewusst sein. Das Konzept des „Total Look“ einer Marke ist zum Beispiel meiner Meinung nach komplett obsolet geworden – im täglichen Leben spielt das keine Rolle mehr.

(c) Beigestellt


Was nun die Vision für Ferragamo betrifft, von der sie gesprochen haben – haben Sie bei der Umsetzung völlig freie Hand, oder ist Ihnen angeraten, sich ständig mit der Familie abzustimmen?
Die Familie ist natürlich sehr wichtig. Es genügt, sich ihre Sonderstellung im gesamten Modesystem anzusehen, das ja in erster Linie von großen Luxusgruppen dominiert ist. Wanda Ferragamo ist als Familienoberhaupt auch Wächterin über alle Träume und Ambitionen des Hauses. Ich sage Ihnen ganz ehrlich, für mich ist es eine Ehre, meine Kreativität in den Dienst dieser Familie zu stellen. Und gerade die Auseinandersetzung mit Wanda Ferragamo, die fünfzig Jahre lang das Unternehmen ihres verstorbenen Mannes fortgeführt hat, ist alles andere als eine Einschränkung für einen Designer, sondern vielmehr ständige Inspiration für meine Arbeit.


In einem Interview meinte Wanda Ferragamo einmal, ihr sei es wichtig, „moda con anima“ zu machen, Mode mit Seele: Sind Sie jetzt die gute Seele des Hauses?
Ich denke, die Seele der Marke Ferragamo ist die Familie selbst und die Tatsache, dass sie das Unternehmen durch alle Schwierigkeiten der letzten Jahrzehnte geschifft hat. Ja, diese „Seele“ sind wohl in Wahrheit die Werte der Ferragamos.

Eine letzte Frage, diesmal mit Österreich-Bezug: Sie haben Kostüme für den Film „Rush“ entworfen, eine Biografie von Niki Lauda, die 2013 in die Kinos kommen soll. Worauf haben Sie sich da konzentriert?
Bei „Rush“ geht es ja nicht nur um Niki Lauda, sondern im Konkreten um die Rivalität zwischen Lauda und James Hunt. Das Projekt war spannend, weil ich mich zum ersten Mal auf die Ausstattung von konkreten Personen, also sozusagen meinen Kunden, konzentriert habe. So weit als möglich habe ich mich natürlich mit den Personen vertraut gemacht, denn der Antagonismus betraf nicht nur das Sportliche: Lauda galt als sehr professionell, geradezu kühl, zurückhaltend. Hunt war der Playboy im Formel-1-Zirkus. Es war also wichtig, die beiden Figuren mit der entsprechenden Garderobe zu versehen. Während Hunt ziemlich modebewusst war und Glamour goutierte, war Lauda eher ein Vertreter des klassischen Modestils und hielt es eher nicht mit dem klassischen Look der Sixties und Seventies. Dieses Auftreten und auch, dass er als kühl und reserviert wahrgenommen wurde, hat aber wohl mit der Tatsache zu tun, dass er einer wohlhabenden österreichischen Industriellenfamilie entstammte. All diese Details habe ich zu berücksichtigen und durch das Kostümdesign zu reflektieren versucht. s

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