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Die Ehe retten? Hauptsache, wir reden miteinander

13.10.2012 | 17:25 |  von ERICH KOCINA (Die Presse)

Ist eine Beziehung an einem toten Punkt angelangt, bleiben zwei Möglichkeiten: sich zu trennen oder es noch einmal gemeinsam zu versuchen. Viele probieren eine Paartherapie. Doch der Weg kann ein langwieriger sein.

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Es hat mich verletzt, dass du gestern so wenig getrunken hast. Du weißt doch, dass du wegen deiner Gesundheit viel Wasser trinken musst“, sagt Roland Bösel. Seine Frau Sabine schluckt kurz, sieht ihren Mann an: „Es hat dich verletzt, dass ich gestern so wenig getrunken habe. Und ich sollte viel trinken, damit ich gesund bleibe. Habe ich dich gehört?“ „Ja, du hast mich gehört“, sagt Roland Bösel mit feuchten Augen. Erst vor wenigen Tagen sind die beiden auf einem Begräbnis gewesen. „Ich möchte, dass wir noch lange gesund zusammenbleiben.“ Die beiden beugen sich vor, umarmen einander, bleiben mehrere Sekunden in dieser Haltung, ehe sie sich wieder in ihre Sessel zurücklehnen.

Roland und Sabine Bösel sind seit 36 Jahren zusammen. Und Gespräche wie diese gehören zu ihrem Alltag. Sie sind nicht nur ein Ehepaar, das regelmäßig über seine Beziehung spricht, sie führen solche Gespräche auch professionell. Die beiden arbeiten als Paartherapeuten daran, auch anderen Paaren bei Schwierigkeiten zu helfen. Ein Beruf, der zuletzt durch einen Kinofilm wieder ins Gespräch kam – in „Wie beim ersten Mal“ sind Meryl Streep und Tommy Lee Jones nach 30 Jahren Ehe in der Routine gefangen und wollen durch eine Paartherapie wieder Schwung in ihre Beziehung bringen.

Die zunehmende Distanzierung voneinander, wenn man sich nichts mehr zu sagen hat, ist einer der Gründe, warum Paare nach professioneller Hilfe suchen. Auch dass es in sexueller Hinsicht nicht mehr klappt, ist eine Motivation. Und häufig ist der Anlass für eine Therapie eine Dreiecksbeziehung – bei den Bösels sind es 70 bis 80 Prozent der Klienten, die nach einem Seitensprung ihre Beziehung wieder kitten wollen.

Die Ursache des Konflikts. Wobei hinter vielen Problemen in der Partnerschaft häufig auch ganz andere Dinge stecken. Finanzielle Probleme, Druck in der Arbeit oder generell das hohe Tempo des Lebens lassen Menschen zunehmend in Krisen rutschen. Vieles davon wird in die Beziehung mitgenommen. So wie auch Erlebnisse aus der Kindheit unbewusst für Konflikte sorgen können. All diese Faktoren können dazu beitragen, dass die Beziehung leidet. Dazu kommt, dass viele Paare nicht offen über ihre Sorgen und Schwierigkeiten sprechen. Und sich dann oft bei Kleinigkeiten im Kreis zu drehen beginnen.

Was damit endet, dass es bei Diskussionen gar nicht mehr so sehr um die Sache geht, sondern darum, sich am Verhalten des Partners zu stören. In der Schule der Imago-Paartherapie, die auch das Ehepaar Bösel praktiziert, unterscheidet man dabei zwei Typen: Der Maximierer geht in die Offensive, wird laut und drängt mit seiner ganzen Energie nach außen – man spricht auch von einem Hagelsturm. Der zweite Typ hingegen, liebevoll Schildkröte genannt, zieht sich bei Konflikten zurück und schweigt. Beide Verhaltensweisen haben aber den gleichen Effekt – das eigentliche Problem wird nicht angesprochen. Dafür stößt man sich am Verhalten des anderen, und schließlich landet man nur noch bei Vorwürfen: „Du bist immer so aufbrausend“ steht auf der einen, „Du sprichst nie mit mir“ auf der anderen Seite.

Dass es bei einem derartigen Kommunikationsmuster nicht leicht ist, tatsächlich für die Beziehung relevante Fragen zu klären, liegt auf der Hand. Wie man sich die gemeinsame Zukunft vorstellt, zum Beispiel. Ob man etwa Kinder haben will – allzu oft schlittern Partnerschaften genau durch Fragen wie diese in die Krise. Andererseits bergen auch genau solche Einschnitte im Leben immenses Krisenpotenzial: Kinder verändern eine Partnerschaft, genauso wie es ein Einschnitt ist, wenn die Kinder volljährig sind und aus dem gemeinsamen Haushalt ausziehen. Die Midlife-Crisis kann ein Auslöser für eine Beziehungskrise sein, so wie auch die Erkrankung eines Partners.

Problem eingestehen. Doch der Weg zu professioneller Hilfe ist auch dann häufig noch ein weiter. „Die meisten Paare kommen sehr spät“, sagt Sonja Ebner. Die Lebens- und Sozialberaterin mit Schwerpunkt Beziehungen erlebt regelmäßig, so wie viele ihrer Berufskollegen, wie stark zerrüttet eine Partnerschaft oft sein muss, um den Weg zu ihr zu wagen. „Wir wollen aufhören zu streiten“, ist ein Satz, den sie häufig hört. Was immerhin schon eine gewisse Einsicht mit sich bringt. Und die Bereitschaft, sich dem Problem in der Beziehung zu stellen.

Hat ein Paar erst einmal beschlossen, professionelle Hilfe zu suchen, steht es meist vor dem nächsten Problem: Wohin soll man sich wenden? Das Angebot an verschiedenen Möglichkeiten ist groß. Da gibt es auf der einen Seite die Ehe- und Paarberater, die ihre Ausbildung an einer zertifizierten Stelle für Lebens- und Sozialberatung gemacht haben, auf der anderen Seite Paartherapeuten, deren Grundlage eine Psychotherapieausbildung ist. Hinzu kommen unterschiedliche Weiterbildungsmöglichkeiten, unterschiedliche Denkschulen – dazu gehört etwa auch die Imago-Therapie. Und außerdem spielt die Persönlichkeit des Beraters oder Therapeuten ebenfalls eine Rolle.

Verweigerung. Dass ein Paar schließlich bei einem Therapeuten sitzt, heißt allerdings noch lange nicht, dass auch beide bereit dazu sind, die Therapie durchzuziehen. Häufig kommt es vor, dass einer der Partner (meist der Mann) sich verweigert. Dass Vorwürfe und Schuldzuweisungen so stark sind, dass ein sinnvoller Dialog kaum vorstellbar ist. Und oft ist auch das Vertrauensverhältnis völlig erschüttert – etwa dann, wenn einer der Partner einen Seitensprung gemacht oder eine Affäre hat. Und das kommt recht häufig vor: „Der Anlass ist zu 70 bis 80 Prozent eine Dreiecksbeziehung“, sagt Roland Bösel.

Flucht in eine Affäre. Hoffnungslos sind solche Fälle dennoch nicht. In der Therapie geht es vor allem darum, einen Dialog herzustellen, die Aufmerksamkeit wieder auf das eigentliche Thema zu lenken. Dann muss eine Affäre nicht unbedingt das Ende der Geschichte sein. Roland und Sabine Bösel wissen, wovon sie sprechen – auch ihre Ehe hat eine derartige Krise hinter sich. „Meine Frau hatte eine Affäre“, erzählt Roland Bösel. Gemeinsam beschloss man, eine Therapie zu machen. Und fand dabei den Grund für den Seitensprung heraus: „Ich habe mich viel zu sehr meiner Arbeit gewidmet und viel zu wenig meiner Frau.“ Zwei Jahre lang gingen die beiden zur Therapie, bis all die Enttäuschung verarbeitet und das Vertrauen wieder intakt war – heute sei das Vertrauen und die Liebe dafür umso stärker. „Letztlich war es also positiv.“

Aber es ist klar, dass eine solche Therapie auch schmerzhaft sein kann. Man muss viel über sich preisgeben und muss erkennen, was man selbst eigentlich will. „Man kommt dabei auch auf Punkte, die unangenehm, die peinlich sind“, sagt Sabine Bösel. „Aber daran wächst man.“

Der Therapeut hat in diesem Prozess vor allem die Aufgabe, einen sicheren Rahmen zu schaffen. Ein Rahmen, in dem man auch ausdrücken kann, was man als verletzend empfindet. Und in dem der andere Partner diese Information aufnimmt und verarbeitet – und nicht gleich zu einer Rechtfertigung ansetzt. Das ist auch der Grund, warum in der Imago-Methode nur jeweils ein Partner pro Sitzung aktiv spricht, während der andere zuhört, reflektiert und danach fragt, ob er es richtig verstanden hat.

Viel Geld für nichts? Dass es für eine solche Therapie eine große Bereitschaft braucht, liegt auf der Hand. Neben dem Willen, sich über Wochen und Monate regelmäßig in die Therapie zu setzen, braucht es aber auch noch etwas anderes – die finanzielle Möglichkeit dazu. Denn eine Sitzung für Paare kann sich je nach Berater oder Therapeut schon mit 100 bis 250 Euro niederschlagen. Seine Beziehung mit professioneller Hilfe zu retten kann also ein ziemlich kostspieliges Unterfangen werden.

„Das Geld war uns die Sache wert“, sagt Karin P., die sich vor einigen Jahren plötzlich mit einer krassen Ehekrise konfrontiert sah. Rund sieben Monate lang war die Wienerin mit ihrem Mann in Therapie. „Es war ein harter Weg, es war anstrengend“, erzählt die 47-Jährige. „Und am Ende haben wir uns getrennt.“ Viel Geld für nichts, also? Mitnichten, meint sie. „Es war eine achtungsvolle Trennung.“ Die Therapie sei ein gutes Mittel gewesen um herauszufinden, was das Beste für beide sei – und das sei in ihrem Fall eben die Trennung gewesen. Und noch mehr: „Was ich in der Paartherapie über mich und Menschen gelernt habe, habe ich in meine jetzige Beziehung mitgenommen. Davon profitiere ich heute noch.“

Trennung ist kein Scheitern. Ähnlich sieht das Roland Bösel: „Das Kriterium des Erfolgs ist nicht das Zusammenbleiben.“ Wichtig sei es vor allem, dass beide Beteiligte wissen, was sie wollen – ob man als Paar ein gemeinsames Ziel hat, oder ob es besser ist, getrennte Wege zu gehen. Im Fall von Meryl Streep und Tommy Lee Jones gab es natürlich ein Happy End – in „Wie beim ersten Mal“ ist das Paar am Ende wieder glücklich. Und auch die Bösels sehen durchaus Chancen auf ein Ende à la Hollywood – Paare, die in der Therapie beschließen, es weiter gemeinsam zu versuchen, meinen sie, bleiben zu 80 Prozent zusammen.

Beratung
Hilfe holen
Weites Feld: Hilfesuchende Paare haben eine große Auswahl, an wen sie sich bei Krisen wenden. Unterschieden werden kann zwischen Ehe- und Paarberatern, die aus dem Bereich der Lebens- und Sozialberatung kommen, und Paartherapeuten, die eine psychotherapeutische Ausbildung absolviert haben. Beide Gruppen können sich mit unterschiedlichen Weiterbildungen auf die Arbeit mit Paaren spezialisieren. Je nach Ausbildung arbeiten sie nach unterschiedlichen Denkschulen.

Buchtipp
Leih mit dein Ohr und ich schenk dir mein Herz
Roland und Sabine Bösel, Orac 2010; 19,90 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)

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