Für einen kurzen, unbekümmerten Moment dürften wir wirklich geglaubt haben, dass die verbale Unentschlossenheit ausgestanden ist. Die Zeit hat uns recht gegeben: Erstens liefern wenig ruhmreiche Anreden wie „Tschusch“ und „Kanake“ heute offiziell nur mehr Satirikern Stoff zur Bespaßung. Inoffiziell dürften sie zur Instandhaltung der Stammtische dienen – wobei, es gilt die Unschuldsvermutung. Und wenn sich ein Dönerlokal im zehnten Wiener Gemeindebezirk „Kümmeltürk“ nennt, dann zählen wir das zur Kategorie „vermutlich nicht unlustige Ironie“.
Ortswechsel: In Deutschland wird die Debatte derzeit in eine neue Richtung gelenkt, dirigiert von drei Autorinnen mit türkischem, vietnamesischem und polnischem Migrationshintergrund (lang genug!) und ihrem neuen Buch „Wir neuen Deutschen“. „Wir, Kinder von Ausländern“, schreiben Özlem Topçu, Khuê Pham und Alice Bota, „groß geworden in einem bundesrepublikanischen Leben, herumgekommen in einem geeinten Europa nach 1989, suchen Worte für ein Selbstverständnis, das nicht ganz einfach zu finden ist. Uns fällt die Bezeichnung ,neue Deutsche‘ ein.“
Neue Deutsche. Das klingt zunächst nach „neue Bundesländer“, vielleicht ein bisschen nach rückständiger Ossi auf dem Traktor. Aber der erste Eindruck täuscht, denn diese Bezeichnung zeigt auf, dass die Neuen zwar neu sind, aber Deutsche. Nicht die Herkunft wird benannt, sondern der Lebensmittelpunkt, das neue Daheim, wenn man so will. Und das ist ein verdienstvoller Vorschlag. Die bisherigen Versuche, Migranten zu benennen, haben entweder ihre „Funktion“ (Gast und Arbeiter) oder ihre gesellschaftliche Sonderstellung (Mitbürger statt Bürger) betont. Die Bezeichnung Migrant trifft zwar für die erste Generation zu, die tatsächlich emigriert ist, aber nicht für ihre Kinder, die in Europa auf die Welt kamen. Und seien wir uns ehrlich, „Austrotürke“ ist zwar eine gut gemeinte, aber gehörzerstörende Angelegenheit.
Heimat kennt keinen Plural. In ihrem Buch erzählen die Autorinnen ihre individuelle Migrationsgeschichte, von ihrem Leben als Zwischenmenschen, zwischen Fasching und Türkeiurlaub, und sie sezieren gewissenhaft den Begriff Heimat: „Für uns ist Heimat die Leere, die entstand, als unsere Eltern Polen, Vietnam und die Türkei verließen und nach Deutschland gingen.“
Fühlten die Eltern noch eine innige Verbundenheit zu ihrem Herkunftsland – Kindheitserinnerungen, Familie, alles andere – fehlt diese Bindung bei ihren Kindern in der Emigration. „Was bedeutet das für die, die in zwei Ländern aufgewachsen sind“, schreiben die Journalistinnen, „haben die überhaupt eine Heimat? Oder haben die zwei? Wieso fällt uns kein Plural zu diesem Wort ein?“ Ja, schwierig.
Aber nicht unmöglich, denn bitte, dieser ganze pessimistische Identitätsfindungskrempel mutiert langsam zu einem Phantomschmerz. Heimat hat keinen Plural, na und? Dann muss dieses Wort im Singular neu definiert werden, wie die Autorinnen richtig schlussfolgern: „Wir entdeckten, dass die eine Identität die andere nicht verdrängen muss. Wir ringen darum, etwas Neues entstehen zu lassen. Denn irgendwann haben wir begriffen, dass wir nicht weniger haben als unsere deutschen Altersgenossen.“ Auch wenn Heimat keine Mehrzahl hat, heißt das nicht, dass nur ein Land, eine Kultur, eine Sprache damit gemeint sein muss.
Und damit wieder zurück nach Österreich. Es wird schwierig sein, diesen Vorschlag hier in aller Ernsthaftigkeit zu diskutieren. Ein Beispiel: Vor einigen Monaten hat der Verein SOS Mitmensch mit Unterstützung der Grünen eine Petition gegen den Begriff Migrationshintergrund gestartet. Mit der expliziten Benennung der Herkunft werde die Bevölkerung auseinanderdividiert, hieß es. Problemgruppen würden definiert und nicht zuletzt bestehende Vorurteile bestätigt.
Was sonderbar war an dieser Initiative? Erstens ging sie von einem Verein aus, unterstützt von einer politischen Partei. Und da darf sich schon die Frage aufdrängen, warum sich in Österreich nicht die Betroffenen selbst – wie die neuen deutschen Buchautorinnen – zu Wort melden. Zweitens: Was ist so falsch daran, den Migrationshintergrund zu benennen? Auf die Frage, wo sie denn herkomme, antwortet Autorin Pham etwa immer mit: „Aus Berlin.“ Im Buch schildert sie, wie ihr ein Fahrradbote insistierend die Frage nach der Herkunft gestellt hat, bis sie gequält preisgab, ja, ihre Eltern kommen aus Vietnam.
Diese Frage muss man aber verkraften können. Alle kommen von irgendwoher, nicht nur, wenn sie in Kreta am Strand liegen oder durch Indien trampen, und alle dürfen gleichermaßen gefragt werden dürfen. Ob man antwortet, bleibt einem freilich selbst überlassen, aber so viel ist sicher: Nur eine gesunde Beziehung zur eigenen Herkunft kann eine gesunde Beziehung zur neuen „Heimat“ entstehen lassen. Und damit auch Vorurteilen, die laut Migrationshintergrundgegnern entstehen, entgegenwirken.
Was an dieser Debatte nun wirklich humorbefreit ist, ist die Tatsache, dass viele Wiener Jugendliche mit Eltern aus sonstwo nicht von sich aus sagen: Ich bin Wiener, ergo ein (neuer) Österreicher. Das sind Kinder von Eltern, die ihre innige Bindung an ihre frühere Heimat über Generationen nicht aufgegeben haben (was sie auch nicht müssen), aber Österreich womöglich als (Kultur-)Feind erachten (ja, sie gibt es). Die Kinder genau dieser Eltern müssen erreicht werden. Wo sind die Politiker, Lehrer und Nachbarn, die ihnen sagen: Ihr gehört zu uns, zu Österreich, weil ihr auch unsere Zukunft definiert und mitbestimmt? Und wo ist der Jugendliche, der antwortet: Stimmt eh, ich bin ein neuer Österreicher?
Özlem Topçu, Alice Bota, Khuê Pham
Rowohlt Verlag
176 Seiten
15,40 Euro
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)
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